Es begann im Herbst 2018: Ich war ständig müde, schlief regelmässig zehn Stunden und fühlte mich auch mit einem zusätzlichen Mittagsschlaf nie erholt. Beim Joggen schienen meine Füsse auf der Strasse zu kleben, meine Beine waren schwer wie Blei, die Muskeln schmerzten. Eines Morgens war ich so schwach, dass ich nicht mehr aufstehen konnte. «Burnout!» – war nicht nur mein erster Gedanke. Auch mein Umfeld war überzeugt, dass mein Körper meinen übersteigerten Erwartungen nicht mehr nachkommen wollte.
Doch abgesehen von den physischen Beschwerden ging es mir gut. Nach einem vierwöchigen Timeout im Bett konnte ich mich wieder aufrappeln. Unter grosser Anstrengung versuchte ich so weiterzumachen, wie ich es von früher gewohnt war. Aber es war unmöglich. Meine Leistung reduzierte sich dauerhaft auf circa 60 Prozent und trotz viel Schlaf erholte ich mich nicht mehr.
Einfach nur das Alter?
«Das ist halt so, wenn du 40 Jahre alt bist…!», war ein verzweifelter Versuch, das Unerklärliche einzuordnen. Dass der Körper alterte und an Kraft verlor, konnte ich akzeptieren. Aber so krass? Und in so kurzer Zeit? Das konnte nicht sein! Meine Frau und ich suchten Hilfe bei Ärzten, Naturheilpraktikern, Therapeuten und Seelsorgern. Als jemand für mich betete, bekam ich folgende Verheissung aus Hesekiel 36, 11: «Ich werde euch so viel Gutes erweisen wie nie zuvor.»
Voller Erwartung, all dies «Gute» zu empfangen, wurde alles nur noch schlimmer: Die Krankheit kam mit noch grösserer Wucht zurück! Der zweite grosse Crash folgte Anfang 2020. Meine tägliche Energie musste ich so einteilen, dass sie für Körperhygiene, den Gang aufs WC und zum Essen reichte. Jede Anstrengung war eine Herkulesaufgabe. In meiner Funktion als Pastor musste ich mich auf die notwendigsten Arbeiten fokussieren, die ich dann im Bett liegend zu bewältigen versuchte. Wenn ich das irgendwie schaffte, war das ein sehr guter Tag!
Obwohl auch die ärztlichen Abklärungen mühsam waren, wollte ich die Wurzel dieses Übels finden, um sie auszureissen und dann ungehindert wieder dort weitermachen, wo ich aufhören hatte müssen. Ich liess eine Magen- und Darmspiegelung über mich ergehen, scannte mein Hirn doppelt per MRT, war mehrmals beim Psychiater, mein Blut wurde rauf- und runtergetestet und ich besuchte verschiedene Neurologen.
Die Diagnose
Am 6. März 2020 formulierte es ein behandelnder Arzt so: «Es besteht ein hochgradiger Verdacht auf ‹Chronisches Fatigue Syndrom› (CFS).» Diese eher unterschätzte Krankheit bedeutet eine Fehlfunktion des Immun- und Nervensystems und zeigt sich in beständiger Müdigkeit, Reizanfälligkeit, grippalem Gefühl, Schmerzen und Schwächezustand. Nach Belastung nehmen die Beschwerden zu.
Ja, das «C» steht für «chronisch» und bedeutet: langwierig, andauernd, fortlaufend. [...] Obwohl ich etwas erleichtert war, endlich eine Diagnose und damit einen Anhaltspunkt zu haben, war ich hauptsächlich frustriert! Von einer «normalen» Krankheit hätte ich mich erholen können, ich hätte eine Auszeit genommen und mich in Therapie begeben. So einfach stellte ich mir das zumindest vor. Aber das Wort «chronisch» jagte mir einen großen Schrecken ein! Ich war hin- und hergerissen: Auf der einen Seite wollte ich die Hoffnung auf ein Heilungswunder nicht aufgeben, auf der anderen Seite bestand die Möglichkeit, dass Gott mir und meiner Familie diesen Zustand auf unbestimmte Zeit tatsächlich zumuten könnte.
Meine Frau und ich sind auch heute entschlossen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um meine Gesundheit zu stärken und darauf zu vertrauen, dass Gott das tun wird, was ausserhalb unserer menschlichen Grenzen liegt. Ich besuche regelmässig Ärzte, habe Sitzungen mit meiner Psychologin, lasse mich von einem erfolgreichen christlichen Naturheilpraktiker beraten und lasse für mich beten. Gleichzeitig will ich vertrauen, dass er es gut mit mir meint – so oder so.
Jeder ist wertvoll
Ich will mich nicht als «Kranken» bezeichnen. Lieber benenne ich meine Symptome (Schwäche, Schmerzen, bleierne Müdigkeit), denn die Krankheit definiert mich nicht; sie bestimmt nicht meine Identität. Zwar ist sie da und ihre Symptome sind real, allerdings nur temporär und für eine von Gott festgesetzte Zeit. Sie beeinträchtigt meine Leistung, ich bin körperlich kraftlos und habe Schmerzen, aber sie verändert nicht, wer ich bin und auch nicht meine unersetzbare Rolle in Gottes Familie. Ich muss mir das auch selbst immer wieder sagen, denn meine spontane Reaktion auf die Schwäche war die Angst, dass Gott mich nicht mehr gebrauchen kann.
Ich glaube, dass viele Menschen mit einer Krankheit diese Angst kennen und sich disqualifiziert fühlen. Sie sehen sich nicht mehr als aktiven Teil des Teams auf dem Spielfeld, sondern passiv zuschauend auf der Ersatzbank. Sie glauben nicht, dass sie in der Verfassung sind, etwas Wertvolles zu Gottes grossem Plan mit uns Menschen beitragen zu können.
Diese Reaktion auf Schwäche ist menschlich, darf aber kritisch hinterfragt werden. Denn wir verbinden unseren Platz in «Gottes Mannschaft» oft mit einer konkreten Leistung oder einem aktiven Dienst. Allerdings sind wir so oder so Teil des Teams!
Wir sind geliebte Kinder Gottes, ganz egal ob wir gesund oder krank sind, ob wir leistungsstark oder auf fremde Hilfe angewiesen sind!
Gott hat jedem Menschen die Fähigkeit gegeben, mit ihm in Verbindung zu treten. Und mit dieser Beziehung zum himmlischen Vater hat jedes Gotteskind eine wertvolle Rolle in Gottes Familie. Auch du und ich!
In den nächsten Wochen bringen wir weitere Auszüge aus dem Buch «Mit ganzer Kraft schwach» von Reto Kaltbrunner.





