«Ich sehe es genau vor mir», sagt jemand mit verklärtem Blick und wird dann deutlicher: «Noch dieses Jahr wird … passieren. Gott hat es mir gezeigt.» So oder ähnlich müsste nach dem Bild vieler Christinnen und Christen Prophetie ablaufen. Und manchmal mag das auch geschehen. Doch gerade solche, die diese göttliche Vorausschau am stärksten betonen, schauen kaum, was denn aus ihren Voraussagen geworden ist.
Wenn die Bibel von Prophetie spricht, ist das selten besonders spektakulär. Es kann auch die Zukunft betreffen, doch in den meisten Fällen geht es um Ermutigung, Warnung oder eine neue Perspektive für jetzt. Prophetie heisst: Gott spricht in eine konkrete Situation hinein – und er gebraucht Menschen dazu.
Sehen, hören und reden
Es gibt in der Bibel nicht den einen Begriff für das Prophezeien. Stattdessen beleuchten unterschiedliche Worte die verschiedenen Aspekte. In der jüdischen Bibel wird oft vom «nawi» gesprochen, dem «Verkünder» oder «Sprecher». Diese Person steht nicht mit einer eigenen Botschaft oder Meinung da, sondern gibt wie ein Regierungssprecher das weiter, was er oder sie von Gott gehört hat. Hören und Reden gehören hierbei eng zusammen.
Ein anderes Wort ist das hebräische Wort «ro’eh», der «Sehende». Es bezeichnet Menschen mit einer Vision oder einem besonderen Durchblick. Personen, die wahrnehmen, was anderen verborgen bleibt. Diese Propheten erkennen, was Gott anderen in einer bestimmten Situation deutlich machen möchte.
Im Neuen Testament steht vor allem das griechische Wort «propheteuo», von dem sich unser «prophezeien» herleitet. Es bedeutet in erster Linie, für jemanden anderen zu sprechen. Auch hier liegt der Schwerpunkt nicht auf der Zukunft.
Im ersten Korintherbrief beschreibt Paulus das Ziel prophetischer Rede folgendermassen:

«Wer aber eine prophetische Botschaft von Gott empfängt, kann sie an andere Menschen weitergeben. Er hilft ihnen, er tröstet und ermutigt sie.»
1. Korinther 14,3
HFA
Das ist eine wichtige Aussage. Prophetie dient nicht in erster Linie dazu, Menschen zu beeindrucken, sondern ihnen jetzt zu helfen.
Propheten und Prophetinnen der Bibel
Was wir heute in der Bibel als prophetische Bücher kennen, sind die vier «grossen Propheten» Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel. Dazu kommen zwölf «kleine» (wegen des geringeren Umfangs ihrer Bücher), nämlich Hosea bis Maleachi. Bis heute wird von diesen kleinen Propheten hauptsächlich Jona gelesen. Eine ihrer Botschaften lautet:
Versucht nicht, Gott mit religiösen Ritualen zu beeindrucken, wenn ihr gleichzeitig Menschen ungerecht behandelt.
In der jüdischen Bibel gehören auch die Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige zu den prophetischen Büchern. Als prophetisch aktive Menschen nennt die Bibel unter anderem Samuel, der König Saul mit seinem Ungehorsam konfrontiert. Nathan hält dessen Nachfolger, König David, Ehebruch und Mord vor – wie meistens ist es keine Zukunftsschau, sondern die manchmal unbequeme Wahrheit für den Moment. Auch Frauen wie die Richterin Debora oder Hulda, die König Josia unterstützte, kommen darin vor.
Der neutestamentliche Prophet Agabus ist tatsächlich für eine zukunftsorientierte Aussage bekannt: Er verkündet Paulus, dass dieser gefangengenommen wird. Die Propheten in der Gemeinde in Antiochia hingegen treffen wichtige Personalentscheidungen und senden Barnabas und Paulus als Missionare aus.
Alle zusammen zeigen, dass Prophetie Warnung, Enthüllung, Ermutigung, Orientierung und Ausrichtung beinhaltet. Sie ist Gottes Reden, aber sie funktioniert nicht ohne Menschen, die für ihn den Mund aufmachen.
Können alle prophetisch reden?
Die Bibel kennt hier keine besondere Einschränkung – prophetische Rede ist keine Spezialdisziplin für eine kleine geistliche Elite.
An Pfingsten zitiert Petrus den Propheten Joel mit den Worten:
«In den letzten Tagen will ich die Menschen mit meinem Geist erfüllen. Eure Söhne und Töchter werden aus göttlicher Eingebung reden, eure jungen Männer werden Visionen haben und die alten Männer bedeutungsvolle Träume.»
Apostelgeschichte 2,17
HFA
Und später ermutigt Paulus die Korinther in seinem Brief an sie:
«Strebt aber auch nach den Gaben, die der Geist Gottes gibt; vor allem danach, in Gottes Auftrag prophetisch zu reden.»
1. Korinther 14,1
HFA
Das bedeutet nicht, dass alle Gläubigen permanent prophetisch reden sollten oder dass jede Idee gleich Gottes Eingebung wäre. Gerade weil Prophetie ein ziemliches Gewicht hat, fordert Paulus dazu auf, sie zu hinterfragen:
«Prüft jedoch alles und behaltet das Gute!»
1. Thessalonicher 5,21
HFA
Zum Weitergeben von – vielleicht – prophetischen Gedanken gehört deshalb immer die nötige Demut.
Wie kann Prophetie heute aussehen?
Prophetie geschieht in den seltensten Fällen spektakulär von der Kanzel. Meist ist sie überraschend unauffällig, so wie bei einer Frau, die von ihrer Freundin hört, dass diese vor einer wichtigen Entscheidung steht. Sie kennt ihre Freundin gut und ihr fällt spontan ein Vers aus der Bibel zu deren Frage ein. Sie sagt ihn der Freundin und meint: «Schau mal, ob das für dich Sinn ergibt.» Jemand anderes hat den Eindruck, er sollte einen alten Bekannten anrufen. Er folgt dem Impuls und hört: «Mir geht es schlecht. Ich habe mir so gewünscht, dass sich jemand bei mir meldet.»
Manchmal wird es auch unbequem. Da äussert sich ein Mann in der Gemeinde verächtlich über seine Ehefrau. Alle schweigen betreten und du hast den Eindruck: Eigentlich sollte ich etwas dazu sagen. Das ist schwer, aber es ist wichtig. Und es kann im besten Sinne prophetisch hilfreich und heilsam sein.
Prophetische Rede bedeutet, das Richtige zur richtigen Zeit auszusprechen.
Verantwortliches Einüben
Eine gesunde Selbstkritik hilft beim Einüben von prophetischer Rede. Nicht jeder Gedanke ist Gottes Reden. Auch unsere eigenen Wünsche, Ängste, Erfahrungen und Vorurteile können sich anfühlen wie geistliche Gewissheit. Deshalb ist es ein biblisches Kriterium für Prophetie, dass sie Menschen aufbauen, ermutigen und trösten sollte (siehe oben). Ausserdem darf man sie hinterfragen und prüfen.
Vermeide die Extreme:
Pass auf, deine eigene Meinung nicht mit einem frommen «Der Herr hat mir gezeigt …» zu überhöhen.
Trau dich, anderen Menschen Impulse Gottes weiterzugeben – sie sind vielleicht darauf angewiesen.
Gott ist durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch ein redender Gott gewesen – und damit hat er nicht aufgehört.
Doch das Ziel beim Weitergeben seiner Worte ist immer das Erreichen des Gegenübers, des Menschen, nie die Selbstdarstellung.
Ein guter Start könnte sein zu beten: «Gott, gibt es etwas, das ich heute jemandem sagen soll?» Damit bist du noch keine Prophetin oder Prophet, aber du lernst, auf Gott zu hören und seine Worte zur richtigen Zeit weiterzugeben.



