Viele Menschen interessieren sich für die jüdisch-christlichen Wurzeln unserer Kultur oder auch ihres eigenen Glaubens. Glücklicherweise musst du auf der Suche nach interessanten Urlaubszielen in dieser Richtung nicht unbedingt in den Nahen Osten reisen. Viele davon liegen in Europa oder sogar in der direkten Nachbarschaft und ermöglichen so inspirierende Erfahrungen. Mal an weltbekannten Highlights, mal an unbekannteren Orten.
1. Die SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz
Die drei mitteldeutschen Ziele haben ihre Bezeichnung von den hebräischen Namen für die drei Städte. In ihnen ist jüdisches Leben ca. seit dem Jahr 1'000 bezeugt und du kannst mittelalterliche Synagogen, eine Mikwe (ein Bad) oder auch (in Worms) den ältesten jüdischen Friedhof Europas besichtigen. Daneben werden in Museen die wechselhafte Geschichte der jüdischen Gemeinden vorgestellt und über kulturelle Angebote oder ein «Artist in Residence»-Programm auch aktuelle Bezüge hergestellt. Die SchUM-Städte gehören zum UNESCO-Welterbe.
2. Jüdisches Museum Berlin oder Basel
Eine Auseinandersetzung mit jüdischem Leben kann und darf den Holocaust nicht ausklammern, aber sie kann sehr wohl in erster Linie eine Begegnung mit dem jüdischen LEBEN sein. Berlin ist schon lange ein wichtiges Zentrum in Deutschland – zu Hochzeiten lebten hier fast 200'000 Menschen jüdischen Glaubens. Ein Ausflug zur Synagoge oder dem beeindruckenden Jüdischen Museum ist ein echtes Highlight. Ähnliches gilt auch fürs Jüdische Museum in Basel, das sowohl für Religions- als auch für Alltagsgeschichte steht. Mit seiner Gründung 1966 ist es übrigens das erste jüdische Museum im deutschen Sprachraum nach dem Zweiten Weltkrieg. Neben diesen beiden bekannten gibt es weltweit noch zahlreiche andere jüdische Museen.
3. Ghetto in Venedig
Jeder kennt das Warschauer Ghetto, das den Nazis als Sammellager für Juden in der Stadt diente, doch Ghetto bedeutet wörtlich «Giesserei», weil das erste Ghetto in Venedig auf dem Gelände einer Eisengiesserei in Cannaregio lag. Es bestand seit 1516 und dort entstanden aufgrund der räumlichen Enge für Venedig untypische hohe und schmale Häuser. Dieser ruhigere Teil der Lagunenstadt ist auf jeden Fall einen Besuch wert.
4. Jüdisches Viertel in Prag
Prag hat eine sehr prominente jüdische Geschichte, die sich im Josefov, der Josefsstadt, im Herzen der Altstadt widerspiegelt. Neben sechs Synagogen und vielen anderen architektonischen Zeugnissen stehen in der Goldenen Stadt aber auch Personen fürs jüdische Leben – das reicht vom bekannten Autor Franz Kafka bis hin zur mythologischen Figur des Golem, der es als lehmgebildetes Monster des Mittelalters bis in die aktuelle Krimiwelt eines Dan Brown geschafft hat.
5. Chagall-Fenster in Mainz
Viel kleiner, aber genauso beeindruckend sind die Chagall-Fenster in der Mainzer Stephanskirche. Der jüdische Künstler begann erst mit 91 Jahren mit der Arbeit daran und schuf mit diesen Kirchenfenstern nicht nur fantastische Kunstwerke, sondern gleichzeitig ein starkes Symbol der Versöhnung.
6. Koscher essen im Münchner «Einstein» oder im Zürcher «Neni»
Liebe geht durch den Magen? Natürlich. Und so kann es ein besonderes Erlebnis sein, im Urlaub einmal ein jüdisch geprägtes Restaurant zu besuchen und dort koschere Küche zu geniessen. Charlotte Knobloch, Münchnerin und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, meint dazu: «Man muss nicht jüdisch sein, um im Einstein zu essen. Nur einen gesunden Appetit mitbringen!» Das gilt für gehobene Gastronomie wie eben das «Einstein» oder das von Samy Molcho und Familie gegründete «Neni» oder für viele andere jüdische Imbisse und Restaurants.
7. Einen jüdischen Gottesdienst besuchen
Mit einem kleinen Fragezeichen steht diese Anregung am Schluss. Tatsächlich gibt es an zahlreichen Orten Synagogen, an denen man selbstverständlich auch als Nichtjüdin oder Nichtjude herzlich im Gottesdienst am Schabbat willkommen ist. Dies ist jedoch keine touristische Aktivität, sondern du solltest schon echtes Interesse für den jüdischen Glauben mitbringen. Da die Sicherheitslage in Europa für jüdische Menschen angespannt ist, verzichten einige Synagogen allerdings auf dieses Angebot oder sie binden es an einen Anmeldeprozess, der bereits deutlich im Vorfeld geschehen muss. Wenn du die Möglichkeit dazu bekommst: Es lohnt sich. Und solch ein Besuch vermittelt ein gutes Bild von moderner jüdischer Frömmigkeit in ihrer Spannbreite zwischen orthodoxem, konservativem und liberal geprägtem Glauben.

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