Was Inklusion mit unserer Beziehung zu Gott zu tun hat

Wenn sich Menschen und insbesondere Christen für barrierefreie, inklusive Gemeinschaft einsetzen, tun sie dies nicht in erster Linie, weil die Bundesverfassung, Gesetze und Verordnungen dies verlangen. Anderen und besonders jenen, die von Benachteiligung und Ausgrenzung gefährdet sind, Zugehörigkeit zu ermöglichen, ist ein konkreter Ausdruck des christlichen Glaubens und des Evangeliums.

6.7.2026
6 min
geschrieben von
Oliver Merz
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Die Gemeinschaft der Christen wird bereits in der Bibel inklusiv beschrieben.

Der christliche Glaube betont, dass Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist eine geheimnisvolle Einheit, Vielfalt und Differenz in sich selbst ist (Matthäusevangelium, Kapitel 28, Vers 19). Gott ist bereits in sich selbst inklusiv. Das ist Programm für alles, was daran anschliesst. Gott stellt sich durch die biblischen Texte hindurch gegen ungerechte, exklusive Umstände und Strukturen. Zum Beispiel lesen wir im Alten Testament:

Icon Bibel

Denn er [Gott] steht dem Armen zur Rechten, dass er ihm helfe von denen, die ihn verurteilen.

Pslam 109

Vers 31 (LUT)

Die christliche Tradition lehrt uns, dass Gott sein Reich, seinen guten Einflussbereich und seine umfassende Gerechtigkeit wiederherstellen will und wird – spätestens am Ende aller Zeiten. Das heilsame Wirken Gottes äussert sich also insbesondere in wiederhergestellter Gerechtigkeit.

Inklusion im Alten Testament

Gott bezieht die Menschen für dieses Unterfangen mit ein und fordert bereits im Alten Testament auf, es ihm gleich zu tun. So finden wir schon im Alten Testament beispielsweise Ansätze von Hindernis- und Barrierefreiheit:

Icon Bibel

Einen Tauben sollst du nicht schmähen, und einem Blinden sollst du kein Hindernis in den Weg legen, sondern du sollst dich fürchten vor deinem Gott.

3. Mose

Kapitel 19, Vers 14 (Zürcher Bibel)

Natürlich steckt da noch kein international menschenrechtsbasierter Inklusionsansatz im heutigen Sinn dahinter, aber für die damalige Zeit sind solche Forderungen beachtenswert. Rücksichtsvolles Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung wird als ein konkreter Ausdruck des persönlichen Glaubens an Gott begriffen. Im Sinne von: «Wenn du Gott ehren willst, dann handle inklusiv!»

Inklusive Mission im Neuen Testament

Das Neue Testament knüpft insbesondere im Verhalten von Jesus und den ersten christlichen Gemeinden an die alttestamentliche Tradition an. In der Person Jesus unterstreicht Gott seine «inklusive Mission», die auf die eschatologische, ganzheitliche Wiederherstellung der gesamten Schöpfung abzielt.

Dass Jesus Reinheitsgebote und andere religiöse Vorschriften, beziehungsweise deren pointierte und unheilvolle Interpretation, übertreten hat, um besonders verletzliche, stigmatisierte, benachteiligte und ausgegrenzte Personen (zum Beispiel Kranke oder Menschen mit Behinderung, Ausländer, Andersgläubige) in die Gemeinschaft mit Gott einzuladen, unterstreicht die inklusive Absicht der messianischen Sendung.

Jesus zeigt, dass und wie durch gelebte Barmherzigkeit das Reich Gottes und seine wiederherstellende Gerechtigkeit erfahrbar werden. Das Heil Gottes kommt anders als besonders von der religiösen Elite erwartet und sogar zu den Menschen, von denen es viele nicht für möglich gehalten hätten. Damit wird das Leben Jesu zum Brennpunkt allen inklusiven Handelns der Christenheit.

Es verwundert nicht, dass Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern eine passende und unüberbietbare Aufforderung mitgab:

«Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: Ihr sollt einander lieben! Genauso wie ich euch geliebt habe, sollt ihr einander lieben! An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.»

Johannes-Evangelium

Kapitel 13, Verse 34-35 (Gute Nachricht)

Nebenbei: Das inklusive Miteinander hat eine unübertreffliche missionarische Kraft – in aller Unvollkommenheit. Letztlich gründet das inklusive Verhalten der Christen auf diesem Jesuswort und mündet wieder in dasselbe. Da klingt das «Doppelgebot der Liebe» (Matthäus-Evangelium ,Kapitel 22, Vers 37-40 und Markus-Evangelium, Kapitel 12, Vers 29-31) an.

Der Mensch als inklusives Geschöpf

Auch der Mensch wird aus einer christlichen Perspektive inklusiv verstanden. Alle sind einzigartiges «Ebenbild Gottes» (1. Mose Kapitel 1, Vers 27), geliebt, gleichwertig und gleichberechtigt. Dies gilt unabhängig der aktuellen Konstitution, Lebensumstände oder Lebenswelt eines Menschen. Grenzen, Schwäche und somit zum Beispiel auch Menschen mit Behinderungserfahrung sind ein Ausdruck der generellen menschlichen Diversität, Schöpfungsvielfalt und irdischen Realität.

Schliesslich wird die Kirche, die Gemeinschaft der Christen bereits in der Bibel sehr inklusiv beschrieben. Die Verschiedenheit ihrer Glieder ist gegeben und notwendig (Epheserbrief Kapitel 4, Verse 7-16). Entsprechend gibt es die Einheit der Christen nur in dieser grundsätzlichen menschlichen Vielfalt, Herausforderungen inklusive (Galaterbrief Kapitel 3, Vers 28). Schon in biblischer Zeit gab es keine homogene, gleichförmige Gemeinschaft von Christinnen und Christen. Alle dürfen freiwillig dazugehören, brutto. Das Miteinander der ersten Christen lebte schon von gegenseitiger Ergänzung (1. Korintherbrief Kapitel 12, Vers 12-31) und Rücksichtnahme (Römerbrief Kapitel 15, Vers 2; 1. Korintherbrief Kapitel 11, Vers 33). Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Bunte Vielfalt in der christlichen Gemeinschaft

Die Gemeinschaft der Gläubigen war von Anfang an ein «bunter Haufen» aus Menschen unterschiedlicher Kulturen, sozialen Schichten und vielen weiteren mitunter spannungsreichen Lebensumständen. Im Miteinander der Nachfolger von Jesus werden seit jeher exklusive Umstände und Strukturen zugunsten einer inklusiven, gleichwertigen Gemeinschaft überwunden. So bildet die Kirche in der Welt im besten Fall einen positiven Kontrast, in dem heute schon im Licht des angebrochenen Reiches Gottes zeichenhaft und unvollkommen Gerechtigkeit wiederhergestellt und Gottes Zuwendung gerade gegenüber Benachteiligten erfahrbar werden soll.

Der bekannte Theologe Jürgen Moltmann fasste es so zusammen1:

«Die Verheissung des Reiches Gottes, in dem alle Dinge zu Recht, zum Leben und zum Frieden und zur Freiheit und zur Wahrheit gelangen, ist nicht exklusiv, sondern inklusiv. Und so ist auch seine Liebe, seine Nächstenschaft und sein Mitleiden inklusiv, nichts ausschliessend, sondern alles das in die Hoffnung einschliessend, an dem Gott sein wird alles in allem. Die pro-missio [Verheissung] des Reiches begründet die missio [Sendung] der Liebe in die Welt.»

Der liebevolle Einsatz für eine möglichst barrierefreie Teilhabe aller am kirchlichen Leben und im gesellschaftlichen Alltag insgesamt ist also ein Kennzeichen christlicher Hoffnung und Existenz schlechthin. Wir handeln inklusiv, weil es unserem Glauben an Gott und dem Evangelium entspricht. So wirken wir mit Gott gemeinsam auf seine verheissene und erhoffte Wiederherstellung aller Dinge zum Guten hin.

Die Liebe ist die Grenze

Ehrlicherweise darf nicht verschwiegen werden, dass die Kirche leider ihrerseits vulnerable Einzelpersonen oder benachteiligte Gruppen ausgrenzte und bisweilen heute noch ausgrenzt. Dies steht in den allermeisten Fällen in klarem Widerspruch zum Evangelium und schadet letztlich der Glaubwürdigkeit des Christentums und dessen Botschaft. Wo uns die Andersartigkeit unseres Gegenübers herausfordert und sich scheinbar unüberwindbare Hindernisse auftun, gilt in Anlehnung an die Worte von Jesus: Die Liebe ist die Grenze! Nicht Sympathie oder Antipathie, theologische Rechtgläubigkeit, mangelnde Finanzen, architektonische Barrieren oder andere praktische Herausforderungen entscheiden über Zugehörigkeit, sondern der unbedingte Wille von allen, für möglichst viele unterschiedliche Menschen eine geistliche Heimat zu sein.

Die allermeisten Menschen sehnen sich nach Annahme und Zugehörigkeit. Vermutlich kannst du das auch von dir selbst sagen. Unser Glaube an Gott weist uns den Weg, unseren Mitmenschen eine gelebte Einladung zur christlichen Gemeinschaft zu sein. Die «doppelte» Liebe zu Gott und den Menschen, die die liebevolle Annahme unserer selbst einschliesst, ist dafür die treibende Kraft. Dass wir uns diese häufig schenken lassen müssen, erklärt sich.

Ich schliesse mit einem inklusiven Wunsch: Ich wünsche dir, dass du Teil einer Gemeinschaft bist, in der du vermisst wirst, wenn du nicht da bist. Dies wäre ein deutliches Zeichen dafür, dass du wirklich dazugehörst2. Wenn du das noch nicht erlebst, überlege dir, was du selbst dazu beitragen kannst, damit sich das ändert.

1 Jürgen Moltmann 2005. Theologie der Hoffnung. 14. Auflage. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 204

2 in Anlehnung an John Swinton 2013. Referat «What makes a Parish Inclusive», Universität Zürich, 8

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