Gastfreundschaft ist eine Tugend, die in allen Kulturen hoch geschätzt wird. In der Bibel bekommt sie aber eine Tiefe und Weite und eine Bedeutung, die deutlich über eine kulturelle Selbstverständlichkeit hinausgeht. Einige Splitter aus dem Neuen Testament:
Da liegt ein Engel in meinem Bett
«Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt», sagt uns Hebräer Kapitel 13, Vers 2. Wow! Vielleicht gehen wir jetzt unsere Freunde, die regelmässig bei uns zu Besuch kommen, durch und fragen uns, wer von ihnen seine Flügel unter dem Pulli versteckt. Wenn du keinen kennst, dann nimm doch mal Gäste auf, die dir unbekannt sind. Wer weiss…
Das bringt uns zur Grundbedeutung des Wortes «Gastfreundschaft» in der Bibel:
Das Gegenteil von Fremdenhass
Gastfreundschaft heisst im Neuen Testament «Xenophilia», und das bedeutet wörtlich «Fremdenliebe». Das muss man sich mal vorstellen: Wer liebt schon automatisch das Fremde oder den Fremden? Das Bekannte und Vertraute ist uns natürlicherweise lieber. Fremd ist eher bedrohlich, das erleben wir in Europa im Moment vielfach. Jesus wusste (schon als Kind), was Fremdsein – und Abgelehntsein – bedeutet. Er musste sogar erleben: «Er kam in sein Eigentum, und die Seinen (!) nahmen ihn nicht auf» (Johannes Kapitel 1, Vers 11). Gastfreundschaft und Fremdenliebe ist eine bewusste Entscheidung, sich zu öffnen und dem Fremden, der da bei mir hereinschneit, Vorschussvertrauen und -liebe entgegenzubringen. Und ich werde erleben: Bald sind wir uns nicht mehr fremd.
Das Ende aller Dinge
Eine weitere überraschende Wertung bekommt die Gastfreundschaft in 1. Petrus Kapitel 4, Vers 9: «Das Ende aller Dinge ist nahe» – ein monumentaler Satz. Dann kommt eine Ermahnung zur Liebe und dann zur Gastfreundschaft: «Seid gastfreundlich untereinander, ohne euch zu beklagen.» Man könnte doch denken, dass angesichts der Endzeit und der baldigen Wiederkunft von Jesus andere Dinge wichtig wären. Aber nein: Vieles andere mag unwichtig werden, aber Gastfreundschaft wird jetzt erst recht betont. Und klar: Sie bekommt in solchen Krisenzeiten einen ganz zentralen Stellenwert, und zwar «ohne euch zu beklagen».
Die Bibel ist ja herrlich praktisch und weiss, dass Gäste zu haben nicht immer einfach ist und dass der beste Fisch nach drei Tagen stinkt. Aber Gott scheint der Praxis der Gastfreundschaft einen ganz hohen und tiefen Wert beizumessen, auch noch am vierten oder fünften Tag...
Gastfreundschaft tut uns natürlich auch gut. Gäste haben ist ein Ausbruch aus der Einsamkeit, eine Überwindung des extremen Individualismus, eine Haltung des Schenkens und Beschenktwerdens und ein ganz wichtiges soziales Band. Öffnen wir unsere Häuser und Kühlschränke, unser Familienleben und unsere Herzen! Menschen, die einsam sind und sich über eine Einladung freuen, gibt es in jeder unmittelbaren Nachbarschaft.
Im Grunde ist Gastfreundschaft eine Widerspiegelung von Gottes eigener Haltung: Gott lädt ein, er heisst willkommen, er schenkt reichlich und ohne zu messen. Und für ihn sind wir nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger und Hausgenossen (vgl. Epheser Kapitel 2, Vers 19), also seine erweiterte Familie.
In der Northumbria Community, einer nordenglischen Gemeinschaft, die ihr Leben an keltischen Christen ausrichtet, gibt es einen interessanten Grundsatz: «Wenn ich sehe, dass ein Fremder sich nähert, stelle ich Essen und Trinken auf den Tisch, mache Musik an und freue mich auf den Segen Gottes, der oft durch den Besuch eines Fremden in mein Haus kommt.»





