Regelmässig werden atheistisch denkende Menschen gefragt, was sie von der Kirche halten, um ihre Kritikpunkte zu veröffentlichen. Christlich geprägte Menschen dagegen sammeln oft Antworten von Pastoren oder prominenten Gläubigen, um deren Meinung den anderen gegenüberzustellen. Es überrascht niemanden, dass diese Antworten bezüglich ihrer Haltung gegenüber der Kirche positiver ausfallen als die von Atheisten. Sehr spannend wird es allerdings, wenn Leute, die sich nicht als Christen verstehen, erklären, was ihnen ohne Kirche fehlen würde. Sie zeigen damit, was sie sich von der Kirche wünschen – und was Kirche beziehungsweise die Menschen darin auch jetzt schon auszeichnet. Damit eröffnen sie Christinnen und Christen eine neue Perspektive auf Kirchen und Gemeinden, denn diese waren schon immer mehr als ein «Insidertreff für Gerettete».
Alain de Botton: Zu nützlich nur für Religiöse
Der britisch-schweizerische Schriftsteller Alain de Botton verfasste das Buch «Religion für Atheisten: Vom Nutzen der Religion für das Leben». Darin betrachtet er verschiedenste Aspekte des kirchlichen Lebens – von der Kirchenarchitektur bis hin zu hilfreichen Ritualen oder dem Umgang mit Versöhnung. Er findet: «Religionen sind insgesamt gesehen zu nützlich, effektiv und intelligent, um sie allein den Gläubigen zu überlassen», denn vieles darin wäre seiner Ansicht nach auch ohne Gottesbezug sinnvoll.
Hans-Martin Barth von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen gibt ihm zu grossen Teilen recht, bemängelt allerdings, dass das Buch «so flott und flach geschrieben» sei und dass der Autor offensichtlich sein eigenes Anliegen nicht besonders ernst nehme: Kirche habe tatsächlich vieles zu bieten, nicht nur für religiöse Menschen.
Jürgen Habermas: Für postsäkulares Denken
Der kürzlich verstorbene Jürgen Habermas gilt als einer der bedeutendsten Philosophen weltweit. Lange bezeichnete er sich selbst als «religiös unmusikalisch». Doch seit den 1990er Jahren beobachtete er, dass die Kirchen nicht von der Landkarte verschwanden. Er sah im Gegenteil, dass die Moderne die Religion nicht einfach ersetzen könne. Und er betonte immer wieder ihre Wichtigkeit für Gedanken wie Menschenwürde, Gleichheit oder moralische Verantwortung. Diese und andere Ideen hätten religiöse Ursprünge, etwa im biblischen Gedanken der Gottebenbildlichkeit. Kirche und religiöses Denken waren dabei für ihn keine «autoritative Wahrheit, sondern […] ein Gesprächspartner von mehreren» (siehe Sonntagsblatt).
Gregor Gysi: Ein moralischer Kompass
Der linke Politiker Gregor Gysi versteht sich zwar als Atheist, unterstreicht aber: «Ich möchte auch keine gottlose Gesellschaft. Ich fürchte sie sogar.» Er zeigt, dass die Kirche eine verbindliche Moral durchsetzen könne, wie sie die Bibel in den Zehn Geboten und der Bergpredigt anbietet. Das schaffe sonst keine Partei oder sonstige Organisation. Und dieser moralische Kompass sei für Einzelne und die gesamte Gesellschaft lebenswichtig (siehe evangelisch.de).
Nichtreligiöse Menschen: Ein Lob auf Anfrage
Natürlich haben Leute, die sich nicht als Christen bezeichnen, auch mehr oder weniger berechtigte Kritikpunkte. Doch in Meinungsbildern wie dem Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung werden daneben immer wieder Gründe für die Kirche genannt, die über die Jahre erstaunlich konstant blieben: «Die Kirche ist da, wenn Menschen Hilfe brauchen.» – «Sie kümmert sich um Menschen, die sonst niemand sieht.» – «Kirchen sind ein wichtiger Teil unserer Kultur.» – «Bei einer Beerdigung oder in einer Krise bin ich froh, dass es die Kirche gibt.» – «Die Kirche erinnert daran, dass Geld und Erfolg nicht alles sind.»
Gut, dass es die Kirche gibt!
Viele Kirchen und Gemeinden formulieren auch für sich selbst Argumente, warum es gut ist, dass sie existieren, oder was dafür spricht, dort Mitglied zu sein. Doch es ist eine Sache, wenn zum Beispiel die Reformierte Kirche 12 Gründe dafür nennt. Und es ist eine ganz andere, wenn «religiös Unmusikalische» in vielen Punkten zu den gleichen Ergebnissen kommen. Ihre Perspektive holt Christinnen und Christen aus ihrer Innensicht heraus und zeigt: «Wir glauben euch nicht alles, aber trotzdem rechnen wir mit euch.»





