Vergebung (unter Menschen)

9.12.2009
4 min

Vergeben heisst: göttlich grosszügig sein

Durch die Vergebung der Sünden macht der himmlische Vater Menschen wieder zu göttlichen Lichtwesen (1. Thess. 5,5), zu seinen Hausgenossen. Darum erwartet er und fordert es mit grossem Nachdruck, dass das Verhalten des Menschen licht und göttlich ist.

Wem Gott so grosszügig begegnet, der darf seiner­seits nicht kleinlich sein. Sind wir von oben her überstrahlt mit heller Güte, so kommt es uns nicht zu, als mürrische Finsterlin­ge einherzugehen. Es ist ein Zug unerhörter Hässlichkeit, unbe­greiflich niedriger Gesinnung, wenn der, dem die Millionen­schuld erlassen ist, seinen Mitknecht überfällt wegen hundert Groschen.

Durch die Vergebung erhebt Gott Menschen zu Kö­nigen und Priestern (1. Petr. 2,9). So sollen sie sich auch könig­lich und priesterlich geben und sich nicht als Krämer und Wu­cherer, als Schergen und Henker gebärden. Sie sollen es ihren Mitmenschen nicht auf Heller und Pfennig vorrechnen, was sie verbrochen oder unterlassen haben; sie dürfen nicht auf sie drücken wegen ihrer Schuld.

Durch kleinliche Gesinnung wird die göttliche Vergebung verscherzt

Unermesslich ist die Bereitschaft des himmlischen Vaters, zu begnadigen; aber an einem Punkt hört sein Wille zur Vergebung auf:

  • »Es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat« (Jak. 2,13).

  • »So (das heisst, wie es dem Schalksknecht erging, der in den Kerker geworfen wur­de) wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder« (Matth. 18,35).

  • »Mit welchem Mass ihr messt, wird euch zuge­messen werden« (Matth. 7,2). »Selig sind die Barmherzigen, denn sie (und nur sie) werden Barmherzigkeit erlangen« (Matth. 5,7).

  • Und endlich das Vaterunser: »Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir erlassen haben unseren Schuldigern.«

Unsere Schuldner sind nicht nur die, die uns ausdrücklich belei­digt haben, sondern alle Menschen, die uns etwas schuldig ge­blieben sind an Verständnis, an Rücksicht, an Hilfsbereitschaft, an Dankbarkeit, an Freundschaft, oder was es sonst sei. Es kommt uns zu, ihnen die Schuld zu erlassen.

Vergeben heisst: so tun, wie Gott tut, wenn er Schulden erlässt

Eine erlassene Schuld existiert nicht mehr. Der Mensch, dem wir vergaben, steht für uns ohne allen Tadel da; wir verhalten uns zu ihm, wie man sich zum reinsten, besten, liebenswertesten Menschen verhält. Alles, was Schuld und Sünde zwischen Menschen bewirken kann - Misstrauen, Dünkel, Kälte, Zurück­haltung - ist völlig verschwunden.

Vergeben heisst nicht bloss: sich kränkender Worte enthalten, korrekt sein, gute Formen wahren. Vergeben heisst: so tun, wie Gott tut, wenn er Schulden erlässt. Vergeben bedeutet also: in seine Nähe ziehen, sich un­eingeschränkt mitteilen, Herz und Gemüt öffnen zu voller Ge­meinschaft, alle Hilfe und Teilnahme erweisen.

Vergeben ist kein Kompromiss

Wer vergibt, schliesst keinen Kompromiss; er fasst die Sache radikal an. Er greift zurück auf die ursprüngliche Nähe des Menschen zum Menschen. Vergeben heisst nicht: auf halbem Weg entgegenkommen.

Der Vergebende fragt nicht ängstlich: wird er auch? Er hat den Mut, wenn es nötig ist, den ganzen Weg zu gehen zum grollenden Bruder und ihm die Hand zu reichen.

Die Vergebung ist die Lösung der sozialen Frage

Wo Menschen einander vergeben, da wird auch zwischen ihnen der Schutt der Jahrhunderte weggeräumt, die in den öffentli­chen Zuständen herrschende Atmosphäre entgiftet, und die sonst Stand von Stand und Schicht von Schicht absperrenden Mauern werden niedergerissen.

Die sozialen Forschungsinsti­tute und Kongresse, die Fürsorgegesetze und ungezählten An­stalten werden es gewiss nicht schaffen, wenn nicht etwas ganz anderes dazukommt. Die Vergebung ist die Lösung der sozialen Frage; sie ist der mächtige Angriff auf alle Übel des gemeinsa­men Lebens.

Zucht üben am Bruder ist durch die Vergebung natürlich nicht ausgeschlossen. Gerade durch sie ist die Grund­lage dazu gegeben.

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Thema
Ruach bedeutet Geist, Wind, Atem

Was bedeutet «Ruach»? – Wo Gottes Geist in Bewegung bringt

Mit dem Wort «Ruach» beschreibt die Bibel den Geist Gottes. Die Literaturwissenschaftlerin Beate Bittner lädt ein, das altbekannte Wort neu zu entdecken. Steckt hinter dem vermeintlich vertrauten Begriff womöglich mehr als wir ahnen?
Thema
Es gibt viele Eigenschaften, die einen guten Hirten beschreiben.

Hirte sein – Von Schafen, Königen und dem Mann aus Nazareth

Die Bibel berichtet unzählige Male vom Beruf des Hirten. Welche Bedeutung hat er in der Bibel und und für uns heute? Und wie sieht das aus Perspektive der Schafe aus? Erläuterungen von Lydia Rieß.
Thema
Auch Gottes Mund und seine Nase werden in der Bibel beschrieben

Menschliche Eigenschaften – Gottes Mund und Gottes Nase

Die Gesichtsmerkmale Augen, Ohren, Mund und Nase üben die Funktionen von Sehen, Hören, Sprechen und Riechen aus. Alle diese Sinnesorgane sind nach biblischem Zeugnis auch Gott eigen. Was sagt die Bibel über Gottes Mund und Nase?
Thema
Leonard Cohen

Nachgehakt – Was bedeutet «Halleluja»?

Leonard Cohen ging mit seinem Lied «Halleluja» in die Geschichte ein. Manche benutzen den Begriff inzwischen als Ausdruck des Erstaunens. Und natürlich kennt man das Halleluja aus der Kirche. Doch was bedeutet dieses Wort eigentlich?