Zwischen Theorie und Praxis

Die Gottesfürchtigen

Die Gottesfürchtigen in unserer Gesellschaft (Symbolbild)
In der Schweiz gibt es Fromme auf der einen, theoretische und praktische Atheisten auf der anderen Seite. Aber es gibt eine starke Gruppe dazwischen – nennen wir sie mal die Gottesfürchtigen. Was ist mit denen?

Wenn ich mit meinen Nachbarn rede, finde ich keinen darunter, der sagen würde «Gott gibt es nicht». Für sie gibt es ein höheres Wesen, auch wenn sie es nicht kennen (jedenfalls nicht persönlich), und der «Herrgott» wacht über allem (hoffentlich…). In dieser grossen Mittelgruppe gibt es verschiedene Intensitäten des Glaubens, man redet fast nie darüber, aber wenn mal das Gespräch darauf kommt, sind einige durchaus «gottesfürchtig» im alten, bürgerlichen Sinne. Sie gehen manchmal in die Kirche, tragen die Werte der Zehn Gebote im Herzen und kennen wahrscheinlich noch das Vaterunser, vielleicht sogar Psalm 23. Sie reden vom «Herrgott» – Jesus erwähnen sie nicht, vielleicht bewundern sie ihn im Stillen.

Mehr als Kulturchristen

Diese Gottesfüchtigen (von denen es wohl auf dem Lande noch mehr gibt als in den Städten) sind mehr als «Kulturchristen» (wie der Atheist Richard Dawkins sich mal bezeichnete), obwohl die Übergänge sicher fliessend sind. Ich denke an Menschen, denen nicht nur christliche Werte, sondern auch der Herrgott wichtig sind. Sie kennen ihn nicht persönlich, er ist ein «Er» und nicht ein «Du». Aber es gibt ihn. Oft ist diese Art von Glauben mit religiösen Erfahrungen aus der Kinder- und Jugendzeit verknüpft, mit einem positiven Pfarrer oder einer frommen Grossmutter.

Achtung!

«Der Herrgott reicht mir», wie mir eine Frau einmal sagte. Jesus ist schon zu persönlich, er kommt zu nahe. Die Gefahr dieser Art von Frömmigkeit ist sicher Selbstgenügsamkeit, vielleicht gar Selbstgerechtigkeit – das Berufen auf ein anständiges Leben plus eine Schicht Frömmigkeit. Aber eigentlich ist es eine gefährliche Angelegenheit, den Herrgott zu kennen und ihn nicht ernst zu nehmen.

Die grosse Chance ist, im Gespräch an diese Erfahrungen anzuknüpfen, sie zu schätzen und ernst zu nehmen. Es ist eine Art embryonalen Glaubens, der sich, wenn man ihm behutsam begegnet, zu einem persönlichen und rettenden Glauben auswachsen kann. Also: nicht ablehnen, sondern anknüpfen. Nicht mit frommer Sprache erschlagen, sondern liebevoll, ehrlich und mit normalen Worten reden.

Gottesfurcht in der Krise

Wo es vor allem dazu kommen kann, sind Zeiten der Krise – schade, aber es ist leider so. Im Psalm 23 wandelt sich im «finsteren Tal» die Sprache vom «Er» zum «Du». Seien wir offen für Menschen, die in einer Lebenskrise stecken, zum Beispiel gesundheitlich herausgefordert sind. Bieten wir behutsam Gebet an. Reden wir – nicht zu überschwänglich – von dem, was uns Jesus bedeutet. Und überlassen wir dem Herrgott den Rest…

PS.: Dieser Text wurde von einer reformierten Pfarrerin beglaubigt.

Zum Autor: Reinhold Scharnowski (1952), Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. Theologiestudium in Basel, dann 21 Jahre Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, 1 Jahr in den USA, Leiter von DAWN Europa, 3 Jahre Mission in Bolivien. Heute im Unruhestand, seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.ch. Verheiratet mit Regula, reformierte Pfarrerin, 4 Kinder, 10 Grosskinder. Liebt Jesus, Reisen, Musik, Kajaken, guten Whisky und gute Bücher.  

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Datum: 12.04.2026
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Jesus.ch

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