Barmherzigkeitslevel – oder wer ist mein «Nächster»?

Wie barmherzig sind wir eigentlich? Gerade zu Menschen, die wir nicht so gut kennen. Und wann ist Barmherzigkeit unangemessen? Beat Kunz reflektiert darüber und was ihn eine Begegnung im Restaurant gelehrt hat.

4.7.2026
4 min
geschrieben von
Beat Kunz
Korkenziehen
Unsplash+
Ein Korkenproblem brachte Beat ins Reflektieren über Barmherzigkeit.

In diesem Beitrag möchte ich ein paar Gedanken zu einem Thema teilen, das ich «Barmherzigkeitslevel» nenne. Um das besser zu erklären, erzähle ich euch eine kleine Geschichte.

Ungeöffnet serviert

Vor ein paar Jahren hat eine Freikirche in unserem Dorf einen alten Gasthof gekauft und ihn wunderschön renoviert. Anfangs arbeiteten hauptsächlich Freiwillige aus der Kirche dort. Als Mitglied einer christlichen Ortspartei dachten wir uns, dass es wunderbar wäre, unsere nächste Mitgliederversammlung diesem neuen, von Christen geführten Restaurant abzuhalten.

Nach dem offiziellen Teil machten es sich ein paar von uns im Biergarten gemütlich, um auf den Abend anzustossen. Wir bestellten uns eine Flasche Wein. Eine junge Servicekraft – wie wir später erfuhren, war es ihr erster Arbeitstag – brachte uns die Flasche Wein, ungeöffnet, in der anderen Hand trug sie den Korkenzieher. Sie entschuldigte sich ganz lieb und gestand, dass sie noch nie zuvor eine Flasche Wein geöffnet hatte und sich etwas unsicher fühlte. Es war ihr sichtlich peinlich.

Im gleichen «Club»

Als ältere Herren boten wir der jungen Frau natürlich sofort unsere Hilfe an. Wir gaben ihr einen kleinen Crashkurs im korrekten Öffnen einer Weinflasche. Die Serviceangestellte war sehr dankbar und bediente uns zuvorkommend. Als wir die Rechnung erhielten, haben wir noch ein grosszügiges Trinkgeld zum offiziellen Preis dazugeschlagen, um die junge Frau im Service zu ermutigen und ihre gute Arbeit zu würdigen.

Als ich später im Bett lag und über die Situation nachdachte, wurde mir klar, dass wir alle Christen waren. Die junge Frau im Service kannte ich zwar nicht persönlich, aber ich wusste, dass sie Mitglied einer Kirche war, also Christin wie wir Parteimitglieder. Sie gehörte somit zum gleichen «Club», was uns ein Gefühl der Verbundenheit gab. Meiner Ansicht nach sind wir mit dieser Situation als Kunden sehr entspannt umgegangen. Unser Barmherzigkeitslevel war sehr hoch.

Immer gleich hoch?

Wie wäre die Situation wohl verlaufen, wenn wir in einem gewöhnlichen Restaurant gewesen wären oder als ganz normaler Verein ohne jegliche kirchliche Verbindung den Wein bestellt hätten? Ich kann mir vorstellen, dass die Lösung des Korkenproblems möglicherweise nicht so entspannt abgelaufen wäre und zu einigen Unstimmigkeiten oder sogar zu einer etwas hitzigen Diskussion geführt hätte. Normalerweise sollte man beim Bestellen einer Flasche Wein im Restaurant diese vom Personal geöffnet bekommen. In diesem Fall war es jedoch schön zu sehen, wie wir uns gegenseitig unterstützt und eine so positive Atmosphäre geschaffen haben.

Diese Erfahrung lässt mich immer wieder über meinen Umgang mit anderen Menschen nachdenken. Ist mein Barmherzigkeitslevel eigentlich immer gleich hoch? Stell dir vor, du gehst einkaufen, bist etwas gestresst und es kommt an der Kasse in der Migros zu einer etwas unangenehmen Situation mit einer dir unbekannten Verkäuferin. Hast du dann auch noch das gleiche Mass an Barmherzigkeit wie gegenüber jemandem, den du gut kennst? Vielleicht hat diese Verkäuferin ja auch ihren ersten Arbeitstag und ist total nervös. 

Stell dir vor, jemand in deinem weiteren Umfeld lebt nicht ganz im Einklang mit christlichen Werten, die du vertrittst. Als Christen haben wir oft klare Vorstellungen von richtig und falsch. Wenn wir jemanden nicht kennen, neigen wir vielleicht dazu, schnell zu urteilen, und konzentrieren uns auf das Fehlverhalten. In solchen Situationen ist unser Barmherzigkeitslevel wohl nicht optimal.

Wie verhält es sich jedoch, wenn ich diese Person gut kenne oder sie vielleicht sogar zur Familie gehört? Ich habe mich selbst schon dabei ertappt, wie ich unterschiedlich reagiere. Letztendlich glaube ich aber, dass unser Barmherzigkeitslevel immer bei 100 % liegen sollte, unabhängig davon, ob jemand zu unserem Freundeskreis gehört, in die gleiche Kirche geht oder ein völlig Fremder ist. Wir wissen nie, was hinter dem Verhalten eines Menschen steckt.

Motiviert von Mitgefühl

Dazu fällt mir unweigerlich das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner ein, das Jesus erzählte und im Lukas-Evangelium Kapitel 10 festgehalten ist. Der barmherzige Samaritaner half dem überfallenen Mann, obwohl er ihn nicht kannte, einfach aus Mitgefühl. Ich wünsche mir, dass wir alle mehr so handeln und nicht zuerst überlegen, ob jemand zu unserem inneren Kreis gehört, bevor wir ihm Barmherzigkeit entgegenbringen. 

Barmherzigkeit kann jedoch auch unangemessen sein. Dies gilt insbesondere für Fälle, in denen Menschen anderen Schaden zufügen, etwa durch Missbrauch, und durch missverstandene Barmherzigkeit vor den Konsequenzen ihrer Taten geschützt oder das Image einer Institution gewahrt werden sollen. Solche Fälle sind leider auch in frommen Kreisen nicht selten.

Überlege mal: Machst du einen Unterschied, wenn du mit jemandem zusammen bist, den du magst und gut kennst, oder wenn du einem Fremden begegnest?

Übrigens, in dem erwähnten Restaurant hat sich seitdem viel verändert. Alles läuft heute professionell und Korkenprobleme gehören der Vergangenheit an. 

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