Schröder: Der Herbstblues
Meine Tochter freut sich schon im Hochsommer sehnsüchtig auf Tee, Strickjacke, Sofadecke und Lesen bei Kerzenschein. Sie findet den Herbst gemütlich und schön. Ich dagegen tue mich ausgesprochen schwer damit, den Herbst zu lieben. Korrigiere: mich auf den Herbst zu freuen. Jedes Jahr – darauf ist Verlass – überkommt mich ein Gefühl von Beklemmung und Wehmut, sobald es morgens wieder kühler und abends nicht mehr lange hell ist. Als müsste ich Abschied nehmen vom prallen Leben und allem entsagen, was angenehm ist und fröhlich macht. Als ginge mit dem Sommer alle Leichtigkeit flöten. Ich denke dann unweigerlich an fiesen Wind, Nieselregen und einen Garten, in dem alles nach und nach kahl wird und abstirbt. Mir graut es regelrecht davor, dass es morgens noch stockdunkel ist, wenn mein Wecker klingelt, und ich fürchte schon im Oktober, ich könnte bald schrecklich frieren.
Jedes Jahr tut es mir ein bisschen weh, auf der Terrasse alles zurückzubauen und winterfest zu machen. Weg mit den farbigen Kissen, das Wetter wird hässlich! Wenn die Blätter fallen, denke ich immer auch an das Altern und den Tod. Und das nicht nur, weil die Grossmutter meines Mannes – eine Frau, die eine innige Beziehung zu Gott hatte – mit diesem Bild signalisierte, dass sie bald sterben würde. «Die Blätter fallen» war ein Satz, den alle zu deuten wussten.
Ja, ich assoziiere den Herbst mit Einschränkungen, Verlust und Unannehmlichkeiten. Will jammern und ein bisschen klagen. Fast wie die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten bilde ich mir ein, dass gerade noch alles perfekt war – was bei ihnen die Fleischtöpfe waren, ist bei mir der Sommer als vermeintlicher Höhepunkt, nachdem es nur noch bergab geht.
Wenn es dir ähnlich geht, schlage ich uns heute einen Perspektivwechsel vor. Komm, wir schenken dem Märchen, dass die Sommermonate die besten des Jahres sind, keinen Glauben mehr, und verschenken unser Herz an den Herbst! Freuen uns über das Gras, das wieder spriesst und gedeiht, nachdem es im Hitzesommer 2026 komplett verbrannt war. Und darüber, dass früher oder später mit dem Garten auch die Gartenarbeit eine Pause einlegt. Sind dankbar für die wohltuende Abkühlung in der Nacht, eine funktionierende Heizung, elektrisches Licht und Kleidung, mit der das Problem mit dem Frieren doch relativ leicht zu lösen ist.
Wie wäre es, du und ich, wir würden sagen: Hurra, jetzt ist Erntezeit und wir dürfen wieder langsamer machen, drinnen sein, müssen nicht mehr schwitzen.
Ganz im Stil von Psalm 118,24 könnten wir den ganzen Herbst über – auch im grauen November! – sagen: «Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; heute wollen wir fröhlich jubeln und unsere Freude haben.» (NGÜ)

Herr, ich danke dir, dass sich die Natur jetzt erholt. Danke, dass ich nach dem Sommer auf viele gute Tage in diesem Jahr zurückschauen kann – mein Herz ist voll. Ich will die leichten, hellen Zeiten nicht überbewerten und dabei vergessen, dass es oft die weniger angenehmen Phasen sind, die langfristig bedeutsam und wertvoll sind. Vater, hilf mir auch die kurzen Tage zu lieben und sogar die kalten, regnerischen. Danke, dass das Leben in Fülle, das du gibst, nicht nach dem Sommer aufhört. Jesus, du bist das Licht, vor welcher Dunkelheit sollte mir grauen? Du bist die Sonne, auch an grauen Tagen. Dir gehört mein Herbst.
Schmidt: Das Herbstkind
Wenn sich der Sonnenstand beginnt zu verschieben und die Tage allmählich kürzer werden, weiss ich, der Herbst naht – meine mit Abstand liebste Jahreszeit! Sie versetzt mich jedes Mal neu in Verzückung. Sobald sich Bäume, Pflanzen und Himmel beginnen, in bedächtige, warme Farben zu kleiden, wird es mir wohlig ums Herz. Dann zieht es mich förmlich raus in die Natur, in den Wald, zum Wandern in die Berge, zum Kaltbaden in den Rhein. Wenn die Nächte kühler werden, legt sich der mystische Morgentau über Wiesen und Wasser und verändert die Luft in einen feucht-humusigen Duft, der meine vom Sommer erhitzte Seele erdet und zur Ruhe kommen lässt.
Herbstzeit bedeutet Erntezeit. Auf den Kartoffelfeldern und im Rebberg wimmelt es wochenlang nur so von eifrigen Helfershänden. In den Bergkantonen beginnt die Hochjagd – Spätzle, Rotkraut und Marroni, oh, welch’ Gaumenschmaus! In meiner Küche läuft die Zucchini- und Äpfelverarbeitung auf Hochtouren. Der Dörrex trocknet Schnitze, in den Töpfen blubbern Chutney und Mus vor sich hin. Mit Hochgenuss fülle ich das Verarbeitete ab und verstaue es im Keller. Die mit Einmachgläsern vollen Regale machen mich fröhlich und vorfreudig an den legendären Apple-Crumble denken, den ich mir an einem winterlichen Schmuddelwettertag gönnen werde.
Ich bin durch und durch ein Herbstkind. Eines, das auf seinen Waldstreifzügen Hagebutten für die Deko pflückt, Omas selbstgestrickte Socken anzieht, wenn’s im Haus kühler wird, und es liebt, seinen Indoor-Leidenschaften zu frönen: dem Lesen, Stricken und «Rumgrümscheln» (auf Deutsch soviel wie in Schränken und Keller vergessene Kleider und Utensilien hervorkramen, ausmisten, neu sortieren … und dabei auf Längstvergessenes stossen).
Woher meine Faszination für den Herbst rührt? Wohl daher, dass es die Jahreszeit ist, in der ich wie in keiner anderen so sehr im Hier und Jetzt bin, herunterfahre und geniesse, was mir vor die Füsse fällt.
Ein weiteres Highlight des Herbstes ist der Erntedankgottesdienst. Wenn ich an einem Oktobersonntag auf den reich gedeckten Tisch blicke, der vor lauter Mitbringseln – von selbstgebackenem Brot über Hühnereier bis zur eingekochten Quittenmarmelade – überquillt, überkommt mich eine immense Dankbarkeit. Gemeinsam als Kirche blicken wir zurück auf das vergangene Jahr, auf die Mühen und getane Arbeiten, feiern diese Reichhaltigkeit und Gott, den Schöpfer von alledem, und üben uns in Nächstenliebe, indem wir im Anschluss alles auf die Gottesdienstbesuchenden aufteilen.
Er ist mir zum Symbol geworden, der Erntedankgottesdienst. So, wie wir Gaben Jahr für Jahr zum Kirchenaltar bringen, will ich mein persönliches Erntedankfest feiern, Tag für Tag. Und all das Gute in meinem Leben – essbar oder nicht – sammeln und konservieren. Sei es das angeregte Gespräch beim Nüsseknacken oder der grossartige Blick über die markante Alpstein-Gebirgsgruppe vom Säntis aus. Es gibt so vieles, wofür ich dankbar sein kann. Du, guter Herbst, führst es mir jedes Jahr vor Augen. Du bist im wahrsten Sinne golden.
Gehörst du zum Team Herbstblues oder bist du ein Herbstkind? Denkst du zuerst an Novembergrau oder an goldenes Licht? Wir meinen: Es kommt nicht so drauf an. Dem Herbst ist das egal. Er ist uns geschenkt, so oder so.



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