Petrus – der Fels mit der grossen Klappe

Wenn es einen Wettbewerb um den Titel «Mister Out of the Box» gäbe, wäre Petrus wohl einer der heissesten Favoriten – oder genauer gesagt: der offensichtlichste. Auf meiner Liste möglicher ADHS-Kandidaten stehen zwar noch einige Männer und Frauen, die ihm durchaus Konkurrenz machen könnten. Diese hebe ich mir jedoch für spätere Folgen dieses Blogs auf.

28.7.2026
6 min
geschrieben von
Markus Mäder
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Wie wurde aus Petrus der Fels der Gemeinde Jesu?

Doch beginnen wir mit Petrus, der ursprünglich Simon hiess.

Die Berufung – wirklich so ungewöhnlich?

Schon seine Berufung zum Jünger (Matthäus-Evangelium, Kapitel 4, Vers 18-22) wirkt aus der Sicht heutiger Gesellschaftsnormen schräg, impulsiv und verantwortungslos. Wer von uns würde seinen Vater spontan im gemeinsamen Familienbetrieb im Stich lassen und einfach einem unbekannten Lebenskünstler nachfolgen?

Damit meine Beobachtungen jedoch nicht vorschnell als reine Spekulation abgetan werden, wollte ich theologisch fundiert arbeiten und eine saubere Exegese betreiben. Deshalb relativiere ich die obenstehende Interpretation gleich wieder. Neben Simon reagieren auch sein Bruder Andreas sowie Jakobus und Johannes sofort auf Jesus Aufforderung. Zudem hat Jesus gemäss Matthäus Kapitel 4, Vers 17 seine öffentliche Lehrtätigkeit bereits begonnen, das heisst, er hat seine theologische Ausbildung absolviert, die «Lizenz» als Rabbi erworben und wird als Lehrer vom Volk anerkannt.

In der damaligen jüdischen Gesellschaft war es eine aussergewöhnliche Ehre, von einem Rabbi als Jünger berufen zu werden. Für die vier Männer und ihre Familien war es deshalb naheliegend, diese Chance zu ergreifen. Gut, vielleicht waren ja alle vier Jünger ähnlich schräge Typen. Immerhin tragen Jakobus und Johannes später den Beinamen «Donnersöhne».

Dennoch zeigt diese Berufungsgeschichte vor allem eines: Nicht jedes Verhalten, das aus heutiger Sicht ungewöhnlich erscheint, ist automatisch ein Hinweis auf ADHS. Entscheidend ist, ob es im damaligen kulturellen Umfeld als auffällig galt. Und genau das lässt sich hier kaum behaupten.

Petrus geht auf dem Wasser

(Matthäus Kapitel 14, Vers 24-32)

Jetzt wird es spannend. Nun begegnen wir einer Situation, die selbst nach damaligen Massstäben aussergewöhnlich war. Typisch Simon: Er taucht sofort mit Pauken und Trompeten auf dem Radar auf.

Nach einer ersten, intensiven Ausbildungsphase mit der Bergpredigt, Heilungswundern und Machtdemonstrationen über Natur und Dämonen dürfen die Jünger am Wunder der Speisung der Fünftausend mitwirken. Noch ganz überwältigt sammeln sie die Reste ein – zwölf Körbe voll. Bevor sie ihre Eindrücke überhaupt mit Jesus besprechen können, schickt er sie bereits zurück zum Boot. Sie sollen ohne ihn ans gegenüber liegende Ufer vorausfahren. Jesus verabschiedet noch die Leute und geht auf einen Berg, um alleine zu beten.

Kaum sind die Jünger im Boot losgerudert, bricht die Dunkelheit herein. Zu allem Übel ist am Horizont Donnergrollen zu hören. Kurz darauf bläst ihnen ein heftiger Gegenwind um die Ohren und die Wellen türmen sich auf. Völlig orientierungslos rudern die Jünger los, bis sie ganz erschöpft sind. In Todesangst kämpfen sie um ihr Leben. Plötzlich entdecken sie eine Gestalt, die ihnen über das Wasser entgegenkommt. Im Bibeltext heisst es (nachfolgend rot markiert):

Sie schreien vor Entsetzen auf: «Es ist ein Gespenst!» Sofort ruft Jesus ihnen zu: «Erschreckt nicht! Ich bin's! Habt keine Angst!»

Uffh, das muss man zuerst mal sacken lassen: ein Sturm, eine Gestalt auf dem Wasser, die scheinbar Jesus ist und erst noch auf dem Wasser läuft! Bevor all das überhaupt im Hirn angekommen ist, wagt es Petrus und ruft:

«Herr, wenn du es wirklich bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!» «Komm her!», antwortet Jesus.

Wie bitte, hat der denn nicht mehr alle? Bevor ein neurotypischer Mensch überhaupt realisiert hätte, was da alles im Sekundentakt abläuft, schiesst Simon bereits mit einem völlig irrwitzigen Gedanken heraus! Und Jesus? Ebenso schlagfertig nimmt er Simon beim Wort… Tja, Simon, das kommt davon, dass bei dir der Mund schneller ist als dein Hirn.

Da steigt Petrus aus dem Boot …

Ich glaube, ich kriege eine Krise! Der klettert doch tatsächlich raus aufs Wasser! Das hat nun gar nichts mehr mit Menschenverstand zu tun.

… und geht Jesus auf dem Wasser entgegen.

Ich glaub, ich halluziniere! Simon auf dem Wasser?

Kaum ist er bei ihm, ...

Er hat es tatsächlich geschafft!

... da merkt Petrus, wie heftig der Sturm um sie tobt. Er erschrickt, und im selben Augenblick beginnt er zu sinken. «Herr, hilf mir!», schreit er.

Aha, doch noch. Hochmut kommt also auch bei Simon vor dem Fall.

Sofort streckt Jesus ihm die Hand entgegen, hält ihn fest und sagt: «Vertraust du mir so wenig, Petrus? Warum hast du gezweifelt?»

Habe ich richtig gehört? Simon legt den Super-Hero aufs Parkett und das soll tatsächlich Kleinglaube sein?

Sie steigen ins Boot, und der Sturm legt sich.

Mann, oh Mann. Das war Action! Simon scheint wirklich in einer anderen Liga zu sein. Ich hätte das niemals gewagt. Wenn Petrus seine Gedanken später in Worte gefasst hätte, hätten sie vielleicht so geklungen: «Hätte ich mein Hirn eingeschaltet, anstatt einfach meiner Intuition zu folgen, wäre ich niemals aus dem Boot gestiegen. Dank meiner besonderen Intuition habe ich mit Jesus zusammen am eigenen Leib ein Wunder erlebt!»

Simon: «Du bist der Christus»

(Matthäus Kapitel 16, Vers 13-19)

Eines Tages fragt Jesus seine Jünger: «Für wen halten die Leute eigentlich den Menschensohn?» Die Jünger erwidern: «Einige meinen, du seist Johannes der Täufer. Manche dagegen halten dich für Elia und manche für Jeremia oder einen anderen Propheten von früher.»

Da kommen tatsächlich die Jünger zu Wort. Petrus schweigt, verdächtig wie die Ruhe vor dem Sturm.

«Und ihr – für wen haltet ihr mich?», fragte er sie. Da antwortete Simon Petrus: «Du bist der Christus, der von Gott gesandte Retter! Du bist der Sohn des lebendigen Gottes.»

Aha! Das kommt schon wieder wie aus der Pistole geschossen. Bei neurodiversen Menschen startet bei spannenden Impulsen umgehend das Gedankenkarussell. Da schiesst sofort die Frage durch den Kopf: «Was hat das mit mir zu tun?» Das hat Simon wohl bei der ersten Frage bereits zur nächsten Frage geführt.

Wow! Welche tiefgründige Erkenntnis. Das typische Gedankenkarussell kann – wenn es in die richtige Richtung dreht – zu ganz besonderen Erkenntnissen führen, gerade auch im Glauben.

«Du kannst dich wirklich glücklich schätzen, Simon, Sohn von Jona», sagt Jesus. «Diese Erkenntnis hat dir mein Vater im Himmel gegeben; von sich aus kommt ein Mensch nicht zu dieser Einsicht. Ich sage dir: Du bist Petrus. Auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und selbst die Macht des Todes wird sie nicht besiegen können. Ich werde dir die Schlüssel zu Gottes himmlischem Reich geben. Was du auf der Erde binden wirst, das soll auch im Himmel gebunden sein. Und was du auf der Erde lösen wirst, das soll auch im Himmel gelöst sein.»

Was für eine besondere Ehre: aus Simon wird Petrus, den Fels der Gemeinde von Jesus! Das bedeutet aber auch eine besondere Verantwortung. Die Fortsetzung seiner Geschichte wird zeigen, dass Petrus immer wieder rückfällig wird, bis er am Schluss dieser Verantwortung gewachsen sein wird.

An Petrus sehen wir besonders schön, wie sich Gott sein Dream-Team vorstellt:

  1. Simon folgt Jesus kompromisslos nach. Sein Charakter spielt dabei eine wichtige Rolle.

  2. Gott selbst schenkt seinem treuen Nachfolger Weisheit und Erkenntnis, was ihn zu Grossem befähigt.

  3. Jesus und der Heilige Geist bilden Petrus intensiv und Schritt für Schritt für seinen Auftrag aus.

Die neurodiversen Eigenschaften können besondere Fähigkeiten für Gottes Reich sein. Geleichzeitig können sie auch zum Hindernis werden, wenn man den richtigen Fokus aus den Augen verliert. Petrus wird beides erleben.

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