Mit einer neurodiversen Brille durchs Leben und die Bibel

«Out of the Box» – Was soll denn das mit unserem Gott zu tun haben? Da kommt mir mein Lieblings-Witz in den Sinn: «Wie bringst du am einfachsten Gott zum Lachen?» – «Indem du ihm deine Pläne erzählst.»

17.7.2026
4 min
geschrieben von
Markus Mäder
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Mit ein bisschen Neugier sind immer wieder unerwartete Aha-Momente schon fast garantiert

Ja, Gott denkt, antwortet, handelt vielfach anders, als wir es uns vorstellen. Er hat uns geschaffen und kennt uns in- und auswendig. Er ist der Schöpfer von uns allen und des ganzen Universums. Er steht über allem und hat den vollen Überblick. Somit sprengt er unsere eigene, kleine «Box» bei Weitem.

Wir Menschen brauchen Halt und Ordnung im Leben. Deshalb lieben wir es, eine überschaubare «Box» aufzubauen und darin Strukturen und Regeln zu definieren. Das wird dann zu unserer Hausordnung. So ist es naheliegend, dass wir auch den Drang haben, unsere Glaubenssätze und Vorstellungen von Gott in diese «Box» abzufüllen. Dass sich Gott meistens ausserhalb unserer selbst gezimmerten «Box» bewegt, können wir uns gar nicht mehr vorstellen.

Neugierig Eigenarten entdecken

Wenn wir es schaffen, neugierig aus unserer «Box» hinauszuschauen, werden wir dort draussen unseren Gott neu entdecken: überraschend anders, vielfältig, kreativ, innovativ, humorvoll, aber auch traurig oder wütend, manchmal sogar schlitzohrig und insbesondere voller Liebe und Barmherzigkeit für uns.

Schon als Jugendlicher in den 80er-Jahren beschlich mich das eigenartige Gefühl, dass ich meinen Gott irgendwie anders wahrnehme, als er mir meistens von der Bühne herab dargelegt wurde. Durch mein Erforschen der Bibel im Rahmen meines Studiums zum Sekundarlehrer (Religion als ein Fach) und später beim Gestalten von Hauskreis-Abenden entdeckte ich immer wieder eigenartige Wesenszüge meines Gottes. Als ich dabei auch entdeckte, dass bei erstaunlich vielen Personen in der Bibel schräge Verhaltensmuster und auffällige Emotionen beschrieben werden, stellten sich mir zunehmend Fragen wie:

  • Warum arbeitet Gott mit solchen schrägen Typen zusammen?

  • Warum toleriert Gott solch ungebührliches Verhalten? Eigentlich müsste er diese Personen doch aus seiner Gemeinschaft ausschliessen?

  • Warum hat Gott so spezielle Menschen wie Petrus, Gideon, Rebekka oder Jakob mit ihrem auffälligen, mehr als grenzwertigen Verhalten nicht gemassregelt, sondern sogar als Schlüsselpersonen in seiner Heilsgeschichte eingesetzt?

  • Würden ein Petrus 2.0 oder eine Rebekka 2.0 heute in unseren Kirchen nicht mit netten, aber bestimmten Worten vor die Türe gesetzt, anstatt zum Fels der Gemeinde oder zur Stammmutter des Volkes Israel ernannt zu werden?

  • Und der Höhepunkt: Warum um Himmels Willen kann ich mich mit auffällig vielen von diesen schrägen Typen in der Bibel so stark identifizieren?

Der Anfang einer neuen Spur

Ich eckte in meiner Tätigkeit als Personalchef und noch viel mehr in meiner Kirche und meiner Familie immer wieder an und hatte keine Ahnung, warum. Im Februar 2013 – notabene im Alter von 46 Jahren – bestätigte sich meine ADHS-Betroffenheit offiziell, nachdem ich bereits seit rund fünf Jahren den Verdacht hegte. Da ging mir nicht nur ein Licht, sondern eine ganze Stadionbeleuchtung auf.

Zunächst folgten etliche Jahre, in denen es darum ging, eine für mich optimale ADHS-Behandlung zu finden, mein Wesen neu kennenzulernen und dysfunktionale Muster Schritt für Schritt abzulegen. Irgendwann meldete sich meine Intuition und flüsterte mir zu: Könnten die obenstehenden Fragen etwas mit meinem ADHS zu tun haben? Wenn ja, würde das aber konsequenterweise bedeuten, dass die schrägen Verhaltensmuster und auffälligen Emotionen von biblischen Personen die lange gesuchte Verbindung zu mir sein müssen. Oder anders ausgedrückt: Dann müssten diese Personen ebenfalls von ADHS betroffen sein. Was für ein ketzerischer Gedanke! Wie provokativ, und wie reizvoll!

70 «Verdächtige» gefunden

Nun wollte ich es wissen, aber wenn schon, dann richtig. Aus meiner beruflichen Tätigkeit als ADHS-Experte kannte ich inzwischen die medizinischen Grundlagen und diagnostischen Kriterien bestens. Ich ergänzte diese Kriterien mit der Stärkenliste von Joachim Kristahn und verglich sie mit ersten auffälligen Verhaltensmuster von Petrus. Wie ein Blitz traf es mich: Das Prinzip funktioniert!

Um auch theologisch seriös zu arbeiten, konnte ich die Theologen Kathrin und Markus Burkhart für eine Bibelanalyse gewinnen. Wir blätterten die ganze Bibel durch und entdeckten rund 70 Personen, welche wir ab dann als «ADHS-Verdächtige» bezeichneten. Dann identifizierten wir pro Person jede einzelne Textstelle mit schrägen Verhaltensmustern sowie auffälligen Emotionen und beurteilten sie anhand der diagnostischen Kriterien.

Entstanden ist eine umfassende Sammlung an erstaunlichen Erkenntnissen. Wir entdeckten diese biblischen Personen sowie das Wesen und Wirken Gottes ganz neu! In den nächsten Beiträgen dieses neuen Blogs möchte ich euch, auf eine faszinierende Reise in die Bibel durch eine neurodiverse Brille mitnehmen.

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