Mein erster Impuls bei Schmerz ist oft: Flucht! Meine Erfahrung sagt mir allerdings, dass ich, wenn ich mich selbst nicht mehr spüre, nicht die Flucht brauche, sondern Beziehungen und Gespräche – ebenso wie die Begegnung mit Gott. In dieser Begegnung kann Gott sich mir mit seinem Trost zeigen, und so kann ich auch wieder mit mir selbst in Berührung kommen.
Es kommt raus, was in uns steckt
Ich kann meinen Schmerz auch durch Kunst verarbeiten, doch manchmal fühlt es sich eher wie eine Lähmung an. Alles wirkt dann schwach und leer, überhaupt nicht nach Inspiration oder Tatendrang. Alles steht still, und ich fühle mich wie ein schwerer Sack – träge und langsam. Doch es kommt auch vor, dass Leid mich auf eine tiefere Ebene der Betroffenheit führt und meine Emotionen in meinem Kunstschaffen eine Plattform finden.
Wenn man eine Orange stark genug drückt, kommt der Saft heraus. So ist es auch bei uns Menschen: Wenn wir unter Druck, Leid und Bedrängnis geraten, kommt zum Vorschein, was in uns steckt. Kreatives Schaffen kann dann eine gute Art der Verarbeitung sein, eine Art «Abfluss». Bestenfalls entsteht daraus ein guter, kreativer «Smoothie».
Kunst wofür?
Das heisst nicht, dass man zwingend ein leidender Mensch sein muss, um Kunst zu schaffen – das ist sicherlich ein Mythos. Das Klischee «Je kaputter und verrückter, desto kreativer» ist nach wie vor weit verbreitet. Ja, viele Kreative zerbrechen an ihren eigenen Ansprüchen und an den Erwartungen, die mit zunehmendem Erfolg und Anerkennung von aussen an sie gestellt werden.
Ich frage mich, welche Funktion Kunst noch hat, wenn es nur noch darum geht, möglichst vielen Menschen als eine Art «Dienstleister» oder «Unterhalter» zu dienen. Dann muss man nur noch leisten, ständig liefern. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir zuallererst für uns selbst und für Gott Kunst schaffen und erst in zweiter Linie für andere Menschen.
Gefäss für Gott
Ich strebe immer wieder danach, meine Kreativität als ein Geschenk von Gott zu sehen und sie als ein Werkzeug in seine Hände zu legen. Er hat mir – und uns allen – Gaben anvertraut, die ich für ihn einsetzen möchte. Dabei erlebe ich es als enorm befreiend, wenn es nicht mehr um mich geht, sondern um ihn. Gerade im Schmerz und im Leid kann Kunst Trost und Ermutigung bringen – als ein Gefäss, das Gott gebrauchen kann.
Aus freien Stücken
Dietrich Bonhoeffer sagte einmal: «Nur der leidende Gott kann helfen.» Warum kann nur der leidende Gott helfen? Ich verstehe es so, dass Liebe aus freien Stücken empfangen und gegeben werden kann. Liebe kann nicht erzwungen werden.
Jesus Christus hat sein Leben unter grossen Schmerzen gegeben. Und dennoch wählen wir, ob wir sein Angebot annehmen wollen oder nicht. Jesus trägt auch den Schmerz, wenn sich Menschen gegen ihn entscheiden. Diese Möglichkeit muss bestehen, denn sonst wäre Liebe und Zuwendung nicht echt und nicht von Herzen.
Frucht bringen
Ich erlebe immer wieder, dass ich dann ins kreative Handeln komme, wenn ich wirklich berührt werde und nicht nur meinen eigenen Schmerz, sondern auch den Schmerz anderer Menschen spüre.
In meiner Arbeit mit leidenden Menschen stehe ich in der Gefahr, als Werkzeug in Gottes Händen stumpf zu werden. In der Stille und in der Begegnung mit Gott wird das «Werkzeug meiner Person» wieder geschärft, sodass ich wieder geben und kreieren kann.
Schärfung bedeutet für mich, dass ich mich erneut auf den Schmerz Gottes einlassen kann, den er verspürt. Es ist ein Geheimnis und etwas Schönes, wieder zu fühlen. Es könnte also tatsächlich ein Prinzip sein, dass es Tränen braucht, um Frucht zu bringen.

«Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.»
Psalm 126
Vers 5 (LUT)
So wie aus dem Schmerz und Leid von Jesus unsere Wunden geheilt wurden, kann auch in der Kunst etwas Grosses entstehen, wenn wir mit Tränen säen.
Wand-Kunst mit Ausstrahlung
In einem Projekt «Connection instead of Addiction» – das in Zusammenarbeit mit der Quellenhof-Stiftung entstand – konnten wir gemeinsam mit Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen etwas Grossartiges gestalten, indem wir eine riesige Wand bemalten (Bild oben). Mein erster Antrieb für dieses Projekt war der Schmerz über Menschen, die durch Sucht gebunden sind und in keinen gesunden Beziehungen mehr leben können. Ich liess mich von ihrem Schmerz berühren.
Durch die Wandgestaltung fanden wir eine gemeinsame Sprache und setzten uns mit diesem Thema auseinander. Dabei entstanden auch gemeinsame Erlebnisse, die für immer in unseren Herzen bleiben werden. Dieses Beispiel zeigt, wie Kunst Menschen berühren und sie näher zueinander und zu Gott ziehen kann. Gleichzeitig konnten wir mit dem Kunstwerk eine hoffnungsvolle Botschaft mit Ausstrahlung in der Stadt sichtbar machen.
Spatzen-Story
Die Gedanken aus diesem Text habe ich kreativ verarbeitet und für euch als Video festgehalten:


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