Annahme und Liebe erfahren – Christen sind Gescheiterte, die wieder aufgestanden sind

Sämi Müller
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Sämi Müller
14.6.2020
4 min

Als Jugendlicher scheiterte Sämi Müller dabei, selbst für ein glückliches Leben zu sorgen. Dieses Scheitern war der Ausgangspunkt, um bei Jesus echtes Leben zu finden. Heute setzt er sich als Pastor für ein Klima ein, in dem Gescheiterte Annahme erfahren können.Sämi Müller war gescheitert! Sein Plan, mit Partys ein glückliches und erfülltes Leben zu gewinnen, hatte nicht funktioniert. Zwei Tage Spass, dann ein Horrormontag und ein Kampf durch fünf Arbeitstage – das war nicht gerade das erwartete Traumleben.

Hat Jesus vielleicht doch mehr zu bieten?

Durch seine Eltern hatte Sämi viel vom christlichen Glauben mitgekriegt. Begonnen mit der Sonntagschule, nahm er fleissig an Programmen seiner Gemeinde teil – so wie es erwartet wurde. Als Teenager sagte er sich: «Das ist eine mühsame Sache mit den vielen Verboten. Ich will jetzt mein Leben geniessen.» So versuchte er durch Partys, Alkohol und gelegentliches Kiffen Glück und Genuss zu finden.

Doch der Plan funktionierte nicht. Anstelle eines glücklichen Lebens kämpfte er sich jetzt nur von Wochenende zu Wochenende. Jede Woche dasselbe. Dann erinnerte er sich plötzlich, dass Jesus gesagt hat: «Ich will euch ein Leben im Überfluss geben!» Hatte Jesus vielleicht doch mehr zu bieten, als Sämi bislang angenommen hatte?

Kapitulation

Sämi kapitulierte, wandte sich Jesus zu und erlebte eine tiefe Zufriedenheit und ein echtes Erfülltsein – ohne Konsumation irgendwelcher Substanzen.

Sämis Kapitulation wurde zu seinem grössten Gewinn. Das hinterliess tiefe Spuren. «Ich möchte kein Besserwisser sein, der den Menschen sagt, wie sie zu leben haben. Vielmehr möchte ich für diejenigen da sein, die in ihrem Leben gescheitert sind – egal aus welchen Gründen.» Wenn dann jemand, wie er selbst, vor seiner Lebensstrategie kapituliert und Jesus sein Leben übergibt, ist das wunderbar. Sämi ist sich aber bewusst, dass er dies bei niemandem erzwingen kann.

Gemeinde: Die Versammlung gescheiterter Menschen

Sämi ist überzeugt: «Wenn jemand Erfahrung damit hat, nach einem Scheitern weiterzumachen, dann sind es die Christen.» Entspricht es doch gerade der Definition von Christsein, die eigene Lebensstrategie loszulassen und in Jesus den Lebensanker zu finden. «Selbst das Kreuz, welches Grundlage unseres Glaubens ist, ist Sinnbild des Scheiterns.» Im Grund genommen ist Jesus für all diejenigen gekommen und gestorben, die gescheitert sind. Folglich ist die Gemeinde eine Versammlung gescheiterter Menschen.

Deshalb macht es Sämi traurig, wenn es in Gemeinden keinen Platz fürs Scheitern gibt. «Ich wünsche mir, dass unsere Masken fallen und wir uns ehrlich begegnen. Im Gottesdienst das beste Lächeln zu zeigen, kann nicht alles sein, was Gemeinde ausmacht.»

Der Boden für Veränderung ist Vertrauen und Geliebtsein

Es kommt immer wieder mal vor, dass unerwartete Probleme im Leben einer Person ans Licht kommen. Manche sind enttäuscht, andere irritiert und wissen nicht, wie besagter Person zu begegnen ist. Sämi ist überzeugt: «Wenn Leute falsche Entscheidungen treffen und scheitern, sollen sie deshalb nicht abgelehnt werden.» Er glaubt, dass der Boden für tiefgreifende Veränderung im Leben eines Menschen in Vertrauen und Geliebtsein zu finden ist. «Teil einer göttlichen Gemeinschaft zu sein, ist Voraussetzung, damit Veränderung passieren kann.»

Als eine Ehebrecherin zu Jesus gebracht wurde, sagte er nicht: «Das ist kein Problem!» Er stiess sie aber auch nicht von sich und versuchte auch nicht, durch eine Bestrafung ein Exempel zu statuieren. Stattdessen sagte er: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!» Als kein Richter übrigblieb verzichtete er ebenfalls auf eine Bestrafung. Er sagte «sündige nicht mehr» und entliess die Frau würdevoll. «Das ist die Art, wie Gott Menschenherzen verändert», hält Sämi fest.

Wenn Gescheiterte Würde erfahren

Wer Gottes Annahme erfahren hat, wird fähig, andere in gleichem Masse anzunehmen. «Annahme ist etwas Übernatürliches, durch Gottes Geist Gewirktes», schlussfolgert Sämi. «Wir können diese nicht selbst erzeugen.» Damit weist er auch auf die Gefahr hin, jemandem Annahme zu signalisieren, damit sich die Person verändert. «Das ist keine echte Annahme!», sagt Sämi entschieden.

Sämi ist sich bewusst, dass seine Haltung von manchen als «zu liberal» kritisiert wird. «Diesen Preis muss ich zu zahlen bereit sein», sagt er und fügt hinzu: «Einen Gescheiterten anzunehmen bedeutet nicht, das Schlechte zu akzeptieren.» Und Annahme will Sämi unbedingt leben – gerade auch in seiner Funktion als Pastor. «Letztlich sind wir alle Gescheiterte und bauen auf die Tatsache, dass Gott uns trotzdem annimmt.»

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