Warum Satan die Bibel liest – Eine Geschichte von der ukrainischen Front

An der Front in der Ukraine
Pixabay / Luaks Johnns
An der Front in der Ukraine
Von «Satan» zu «Moses»: Ein Soldat, der alles verloren hat, findet im düsteren Kriegsgebiet Halt – und einen neuen Namen. Zwischen Munitionskisten und nasser Kleidung bringt eine Bibel Soldaten an der Front zusammen – und verändert Leben.
8.1.2025
4 min

«An diesem Morgen hielten wir auf dem Weg zu den Schusspositionen bei einigen versteckten alten Gebäuden, in denen unsere Soldaten – unsere Verteidiger – eine Pause einlegten», beginnt der Bericht der «Ukrainischen Bibelgesellschaft».

Entlang der Frontlinie erstrecke sich die Tragödie des Krieges, so weit das Auge reicht. «Der Boden unter uns bebte von den Explosionen. Der Wind trug Rauch und Schwefel mit sich, ein bitterer Geschmack, der sich wie Sandpapier auf die Zähne legte.»

Ein dunkler Raum

Ein dunkler Raum wurde betreten, so die Ukrainische Bibelgesellschaft weiter. «Als sich unsere Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten, bemerkten wir einen kleinen Ofen in der Mitte. Seine Wärme durchdrang die eisige Kälte und spendete den frierenden Soldaten etwas Trost. Um den Ofen herum konnten wir die Umrisse vieler Soldaten erkennen, die auf Munitionskisten und Holzverschlägen lagen. Über ihnen hingen nasse Kleidungsstücke an Schnürsenkeln, die an der Decke befestigt waren und wie ein Spinnennetz wirkten.»

Das Gespräch begann. «Unter ihnen war ein etwa 60-jähriger Mann. Sein Gesicht war von den Strapazen des Krieges gezeichnet. Als Bischof Valeriy Antonyuk im Gespräch den Satan erwähnte, brachen alle in Gelächter aus. Zuerst konnten wir nicht verstehen, warum. Später erklärte uns der Kommandeur, dass der Soldat, der neben uns stand, den Spitznamen ‘Satan’ trug.»

«Warum der Krieg?»

Militärseelsorger in der Ukraine
Ukrainische Bibelgesellschaft
Militärseelsorger in der Ukraine

Der Verteidiger, der sich als «Satan» vorstellte, «verwandelte unser Gespräch mit seinen klugen Fragen und Kommentaren in eine anregende Diskussion. Zunächst bezeichnete er sich als Agnostiker, dann lobte er den Buddhismus als die beste Religion und behauptete, Satan zwinge niemanden, Böses zu tun. Stattdessen, so argumentierte er, lässt Satan den Menschen immer die Wahl.»

Satan sei ein Sohn Gottes, der nur seinem Vater nicht gehorcht habe. Satan habe nie gelogen und täusche die Menschen auch heute nicht. Er forderte uns heraus, Gott zu fragen: «Warum Krieg? Warum das Blutvergiessen? Warum sterben Kinder? Pater Vasyl griff zur Bibel und las die Geschichte vor, wie Eva und Adam getäuscht wurden – der Beginn der Lüge. Die anschliessende Diskussion war lebhaft und tiefgründig, wir tauchten ein in existenzielle Fragen.»

Die Geschichte hinter «Satan»

«Satan» erzählte ihnen dann die Geschichte hinter seinem Spitznamen. Er stamme aus Luhansk, das heute von Russland besetzt ist. Seine Eltern hätten als Separatisten die Besatzer unterstützt. Er habe sich seinem Vater widersetzt, musste fliehen und habe seitdem keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Jedes seiner Worte war von tiefem Schmerz durchdrungen.

Der Seelsorger berichtet weiter: «Ich las einen Abschnitt in der Bibel aus Psalm Kapitel 119, die Verse 84 bis 94. Eine schwere Stille erfüllte den Raum. Am Ende unseres Treffens schlugen wir vor, gemeinsam zu beten. Das Gebet war angesichts der intensiven Atmosphäre sehr ergreifend. Hier standen wir, in einem dunklen Raum, und sprachen über Satan, während draussen Bomben explodierten.»

«Kann ich eine Bibel bekommen?»

Dann fragte der Soldat, ob er jeden von uns umarmen dürfe. Der Krieg hatte ihm seine Eltern und seine Heimatstadt genommen. Der Schmerz war kaum zu ertragen.

«Als wir uns verabschiedeten, erzählte uns ein anderer Soldat seine Geschichte. Auch er stammte aus Luhansk. Seine Eltern hatten die Ukraine unterstützt und dafür mit ihrem Leben bezahlt. Sie starben während der Kämpfe, als der Feind die Region Luhansk einnahm.»

«Satan» wird «Moses»

Leise fragte er: «Ich habe nicht den Rufnamen Satan, aber könnte ich auch eine Bibel bekommen?» Er fügte hinzu: «Ich hatte noch nie eine eigene, aber meine Mutter hat mir daraus vorgelesen, als ich ein Kind war.» Sein Name sei Ilya, und er ist 52 Jahre alt.

Auf dem Rückweg zu unserem Fahrzeug drehte sich Bischof Valeriy Antonyuk zu «Satan» um, der uns verabschiedete und die Bibel fest in den Händen hielt. «Wir geben dir einen neuen Rufnamen», sagte der Bischof. «Moses.»

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