«Gott, bitte rette mich» – Er überlebte Sprung von Golden-Gate-Bridge

15.10.2017
5 min

In der Millisekunde, wo sich seine Finger vom Geländer lösten, bereute Kevin Hines seinen Selbstmordversuch. Vier Sekunden dauerte der Fall. Nur rund 35 von weit über 2'000 Menschen haben den Sprung überlebt. Der Aufprall verletzte ihn schwer. Die Arme konnte er noch bewegen, aber scheinbar schwamm er in die falsche Richtung. Er betete. Ein Seelöwe hielt ihn dann über Wasser, bis ihn die Küstenwache an Land brachte.

Weit über 2'000 Menschen starben beim Sprung von der Golden-Gate-Bridge in San Francisco, die zu den bekanntesten Orten für Suizide gehört. Nur rund ein Prozent überlebt den Versuch. Kevin Hines gehört zu dieser kleinen Gruppe.

Als Teenager litt er unter Depressionen. Ihm wurde alles zuviel. «Ich dachte, dass ich eine Last wäre für alle, die mich eigentlich liebten. Mein Hirn sagte mir das.» Obschon die Realität völlig anders aussah. Er traf die Entscheidung, sich das Leben zu nehmen. Auf der Brücke weinte er. «Wäre jemand gekommen, um mich anzusprechen, hätte ich mich anders entschieden.»

Umgehende Reue

Die Brücke habe keine Schranke und kein Sicherheitsnetz, welche die Menschen vor dem Sprung in den Tod bewahrt. «Ich sage genau das, was die anderen Überlebenden des Sprungs von dieser Brücke sagen: In der Millisekunde, wo meine Hände sich vom Geländer lösten, bereute ich.» Und noch etwas schoss ihm während dem Fallen durch den Kopf: «Niemand wird wissen, dass ich gar nicht mehr sterben wollte.»

Mitten im Fallen «hörte ich mich die Worte sagen, von denen ich dachte, dass niemand sie mich sprechen hört: 'Was habe ich getan? Ich will nicht sterben. Gott, bitte rette mich!'»

«Gott, bitte lasse mich leben»

Die Haut habe sich angefühlt als würde der immer härtere Wind durch sie hindurchdringen. «Instinktiv wusste ich, dass ich sterben würde, wenn ich kopfvoran aufschlage, oder mir das Genick brechen und ertrinken. Meine einzige Hoffnung war, mit den Füssen voran zu landen. Alles, was ich wollte, war leben.» Beim Aufschlag aus der Höhe von rund 25 Stockwerken habe er eine Geschwindigkeit von rund 120 Kilometern gehabt.

Er betete erneut: «Gott, bitte, lass mich leben. Himmel, hilf mir!» Vielleicht sei es sein Schutzengel gewesen «oder Jesus Christus persönlich, der meinen Körper umgedreht hatte. Denn ich schlug sitzend auf dem Wasser auf. Später hörte ich, dass es eine der einzigen, wenn nicht die einzige Position ist, einen solchen Fall zu überleben.»

Wasser wurde dunkler und kälter

Mehrere Rückenwirbel brachen und drangen in die oberen Organe ein, «es war ein Wunder, dass die Bruchstücke mein Herz und die Lungen verfehlten.» Der Schmerz sei unbeschreiblich gewesen. Er öffnete die Augen. Das Wasser war dunkelgrün und trüb. «Ich wusste nicht, wo oben und unten ist.»

Seine Beine seien völlig unbeweglich gewesen. «Ich begann zu schwimmen und konnte nur meine Arme dazu verwenden. Das Wasser wurde dunkler und kälter.» Er merkte, dass er in die falsche Richtung schwamm. Sein Kopf brummte. «Die Luft begann mir auszugehen.» Er wusste nicht mehr, ob er es bis zur Oberfläche schaffen würde. «Das war nicht der Plan. Ich kann nicht ertrinken. Ich will nicht ertrinken», dachte er.

«Bitte Gott, rette mich»

Mit aller Kraft bewegte er seine Arme. «Ich begann das Glimmern der Oberfläche zu sehen, doch die war so weit weg und es schien, als könne ich nicht schnell genug schwimmen.» Er sei komplett erschöpft gewesen, doch er bewegte die Arme weiter und betete erneut: «Ein letzter Zug, das geht noch. Nicht auf diese Weise, Gott, nicht auf diese Weise, ich will nicht ertrinken, bitte rette mich. Ich habe einen Fehler gemacht.»

Dann errreichte er die Oberfläche. Harter Schmerz traf ihn, als er wieder über Wasser war. «Ich dachte, dass ich beim Aufschlag aufs Wasser sterbe.» Tief einatmen konnte er nicht. Doch nun wollte er überleben. Die negativen Stimmen in seinem Kopf waren wie ausradiert.

Glaube an Gott kommt zurück

Als er zurück an die Oberfläche kam, «kam mein Glaube an Gott kraftvoll zurück. Nach meinem mentalen Zusammenbruch bis zum Moment des Sprungs fragte ich mich, ob es eine grössere Kraft gibt. Nun nicht mehr. Ich spürte Gottes Kraft direkt bei mir. Er war da im Wasser bei mir. Er musste meine Position in der Luft geändert haben und mich unter Wasser zurück an die Oberfläche gebracht haben.»

Nun im Wasser konnte er nicht vorwärtskommen. Und dann spürte er, wie ein Tier da war. «Ich fürchtete, dass es ein Hai war, der gekommen war, um mich zu fressen.» Nachdem er den Sprung und die Zeit unter Wasser überlebt hatte… Doch dann stellte sich heraus – wie später auch auf Fotos zu sehen sein sollte – dass es ein Seelöwe war, der ihn stupste und über Wasser hielt; ein weiteres Wunder.

Heute ermutigt er andere

Schliesslich erreichte ihn ein Boot der Küstenwache, das auch nur deshalb so schnell da war, weil eine Autofahrerin ihn hatte springen sehen und diese jemanden bei der Küstenwache kannte. Da sie ein Mobiltelefon hatte – was im September 2000 noch nicht selbstverständlich war – konnte sie umgehend reagieren. Das Boot brauste heran. Kevin betete, dass er nicht von der Schiffsschraube getroffen wurde.

Die Retter fragten: «Weisst du, wie viele Menschen wir hier tot bergen?» Der eine sagte, dass er ein Wunder erlebt habe. Kevin Hines verbrachte Monate im Krankenhaus und noch heute hat er Stahlplatten im Rücken. Ganz wie vorher wird es nicht mehr sein.

Heute macht er als Redner in Schulen, Kirchen und bei vielen weiteren Gelegenheiten anderen Menschen Mut, nicht auf die negativen Stimmen im Kopf zu hören und am Leben zu bleiben. Kevin Hines ist mittlerweile verheiratet und Familienvater.

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