Juliana von Norwich – Ermutigerin in schwierigen Zeiten

Die Statue von Juliana steht westlich vom Eingang der Kathedrale in Norwich.
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Die Statue von Juliana steht westlich vom Eingang der Kathedrale in Norwich.
Die englische Mystikerin Juliana von Norwich lebte im 14. Jahrhundert. Ihr Vermächtnis ist ein gläubiger Optimismus, der Menschen bis heute ermutigen kann.
26.5.2024
3 min

Viel gesichertes Wissen haben wir nicht über Juliana – selbst ihr Name ist nicht eindeutig belegt. Sie wurde ca. 1342 in England geboren, vermutlich in eine besser gestellte Familie hinein. Wahrscheinlich war sie verheiratet, aber verwitwet, denn in dieser Zeit grassierte immer wieder die Pest in England. Als sie 30 Jahre alt war, erkrankte auch Juliana. Sie zog sich in die Kathedrale von Norwich zurück und bekam dort eine Zelle zugewiesen. Während in der Stadt die Hälfte der Einwohner starben, wollte ihre Mutter bereits ihre Augen schliessen und ein Priester schwang das Kreuz über sie. Doch Juliana überlebte, mehr als das: Sie konzentrierte ihren Blick auf das Kreuz und empfing Visionen.

Gesellige Einsamkeit

Tatsächlich überstand Juliana ihre Krankheit, doch sie kehrte nicht wieder in die Gesellschaft zurück. Die junge Frau entschied sich auf den Rat eines Mönchs hin dafür, den Rest ihres Lebens als Anachoretin zu verbringen, ihre Zelle also nicht mehr zu verlassen, um sich ganz zu Gott hinwenden zu können. Dieses Leben führte Juliana für ungefähr 60 Jahre, bevor sie gegen 1413 90-jährig verstarb. Nun hatte sie während dieser Jahre viel Zeit für eine ungestörte Gemeinschaft mit Gott – wirklich einsam war sie jedoch nicht, denn viele Menschen kamen, um ihren Rat und ihr Gebet zu suchen.

Ihre Klause ist nicht mehr erhalten, da die ursprüngliche Kirche während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde, doch der Aufbau dieser Zellen war recht ähnlich: Sie hatten in der Regel drei Fenster, eines mit Blick auf den Altarraum der Kirche, eines zur Versorgung und eines zum Kontakt nach aussen. Wolfgang Albers von der FAZ zitiert in einem Artikel über Juliana die Beschreibung solch eines Eremitenlebens von Ann K. Warren: «Eingeschlossen und doch exponiert, verborgen und doch sichtbar, Schatten hinter den Vorhängen ihrer Fenster, waren die mittelalterlichen Anachoretinnen eine tägliche Erinnerung an den wahren Kern der christlichen Existenz. Märtyrerin, Pilgerin, Büsserin, Asketin, Mystikerin, Soldatin Christi – die Anachoretin war all das.»

Offenbarungen der göttlichen Liebe

Im Mai 1373, noch während ihrer schweren Krankheit, empfing Juliana 16 Visionen, die sie nach ihrer Genesung aufschrieb. Sie gab ihnen den Titel «Offenbarungen der göttlichen Liebe». Ihre Visionen sind nicht besonders zugänglich formuliert und Juliana selbst verbrachte ihre Zeit damit herauszufinden, was sie bedeuteten. Das gleichnamige Buch veröffentlichte sie erst 20 Jahre später – es war das erste englischsprachige Buch, das von einer Frau verfasst wurde.

Gläubiger Optimismus

Trotz ihrer schwierigen Lebensumstände ist der Kernsatz aus Julianas Buch eine grundpositive Aussage, die in vielen Sprachen sprichwörtlich wurde: «All shall be well, and all shall be well and all manner of thing shall be well.» (Alles wird gut sein und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut sein.) Manche vermuten, dass Julianas Rückzug in die Einsamkeit ihre Art war, sich ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu bewahren. Als alleinstehende oder verwitwete Frau hätte sie nicht viel Spielraum gehabt – eingeschlossen in ihre Zelle war sie gewissermassen frei.

Kein Wunder, dass viele sie besuchten, auch damals bekannte Persönlichkeiten wie Margery Kempe, die ihren Mann und ihre 14 Kinder immer wieder allein liess, um ruhelos durch die Welt zu pilgern. Die beiden sehr unterschiedlichen Frauen verbrachten etliche Tage im Gespräch und Juliana verabschiedete die Jüngere mit den Worten: «Setze all dein Vertrauen auf Gott und fürchte nicht das Gerede der Welt.» Das war typisch für sie, denn in einer Zeit, wo persönliche und gesellschaftliche Katastrophen sich abwechselten, machte sie ihren Besuchenden Mut, auf Gott zu vertrauen.

Nicht erst seit der Corona-Krise merken Menschen, dass solch ein Zuspruch bis heute nötig ist. «Alles wird gut!» Nicht, weil Menschen es sich wünschen, sondern weil Gott es zusagt.

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