Degradierendes Gebet – «So fühlt es sich an, wenn für mich gebetet wird»

29.9.2019
4 min

Chandler Williams ist blind. Und sie erzählt, wie sie sich fühlt, wenn wohlmeinende Christen auf sie zukommen und sie fragen: «Darf ich für dich beten?» Ihre Perspektive hilft all denen, die gern und regelmässig für andere Menschen beten, oder denen, die sich das erste Mal dazu überwinden.Wenn jemand einem anderen Menschen Gebet anbietet, ist das ein mutiger Schritt. Jedenfalls wenn es nicht das Angebot ist, zu Hause irgendwann für diese Person zu beten, sondern hier, jetzt und laut. Chandler Williams meint dazu im Relevant Magazine: «Das ist etwas, was ich persönlich nicht oft tue, aber ich habe es in meinem Leben mehrmals selbst erfahren. Meistens aus einem Grund: Ich bin blind. Ich werde Ihnen nicht die Einzelheiten meines Augenleidens beschreiben. Ich sehe noch etwas, trotzdem benutze ich einen Stock, kann Blindenschrift lesen und nutze Audio-Unterstützung – Sie wissen, wovon ich spreche...»

Das erste Mal

Als das erste Mal für sie gebetet wurde, war Chandler Williams sieben Jahre alt. Sie war mit ihren Eltern zum Essen in einem Restaurant. Ein Mann sprach sie an und wollte von den Eltern wissen: Ist sie blind? «Dann bot er an, für mich zu beten, und wir standen dort, seine Hand auf meiner Schulter, sein anderer Arm streckte sich zum Himmel aus, als er laut betete: 'Herr, gib ihr Augen zum Sehen und Ohren zum Hören'. Anschliessend gab er meinen Eltern seine Telefonnummer und wie ein Arzt, der ein Antibiotikum verschrieb, meinte er, sie sollten ihn anrufen, wenn sie irgendwelche Veränderungen sähen.» Bereits damals fühlte sich Chandler extrem unwohl. Sie fragte sich, was sie selbst tun sollte: den Kopf neigen? Zu Gott aufschauen? Es kam ihr seltsam vor. Und sie wurde nicht geheilt.

Immer wieder hatte sie ähnliche Erlebnisse. Das letzte geschah vor wenigen Wochen, als eine Frau aus ihrer Gemeinde sie ansprach und für sie beten wollte. Und natürlich ging es wieder darum, dass Gott ihr Sehvermögen wiederherstellen sollte. Chandler meint dazu: «Ich fühlte, wie ich unterging.»

Mehr als ein Reflex

Es scheint ein automatischer Reflex zu sein, für das zu beten, was – scheinbar – offensichtlich ist. Und so liegt es für viele Christen nahe zu denken, dass ein blinder Mensch in erster Linie sehen möchte. Chandler Williams unterstreicht dagegen: «Es befremdet mich, wenn Sie sich mir zuwenden und Gott dazu überreden wollen, verschwommene Linien klarer und Farben deutlicher zu sehen. Wenn Sie verzweifelt nach Worten suchen, die Gott irgendwie davon überzeugen sollen, einen Schalter zu drücken, damit meine Netzhaut richtig funktioniert, denke ich nur, dass etwas mit mir nicht stimmt.» Und sie ergänzt: «Es scheint klar zu sein, dass die Blindheit mein grösster Kampf ist, doch das ist sie nicht.»

Beten führt in die Freiheit

Chandler Williams unterstreicht, dass es für sie – wie für viele andere Behinderte und Eingeschränkte – nicht zuerst darum geht, dass Gott ein Klischee erfüllt. Sie glaubt ans Gebet und seine Macht. Und gleichzeitig weiss sich die Christin so von Gott geschaffen, wie es Psalm 139, Vers 14 unterstreicht: «Ich danke dir dafür, dass ich erstaunlich und wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und meine Seele erkennt das wohl!»

Damit berührt Chandler einen wichtigen Punkt: Gebet soll nicht in erster Linie demjenigen helfen, der es ausführt. Es geht eben nicht darum, dass ich mich als Beterin oder Beter besser fühle. Sondern darum, dass ich mein Gegenüber mit seiner Not bzw. ihrem Anliegen in Gottes Gegenwart stelle. Dass ich frage, was mein Gegenüber wirklich für ein Anliegen hat – über das scheinbar Offensichtliche hinaus. Chandler Williams erklärt jedenfalls zum Beten für ihre Blindheit: «Für mich fühlt es sich ein wenig so an, als ob jemand dafür betet, dass ich grösser werde oder dass mein Haar eine andere Farbe annimmt. Ich schätze die Einstellung, das Herz hinter diesen Gebeten. Gleichzeitig hoffe ich, dass Sie in Zukunft an meiner Behinderung vorbeiblicken können, wenn Sie für mich beten.»

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