Den Tag startet Rolf immer mit einer «Stillen Zeit». Das bedeutet bei ihm: vor Gott im Gebet zur Ruhe kommen und eine tägliche Ration Bibel. Dafür hat Rolf einen ganz eigenen Bibelleseplan erfunden: «Ich habe die Gesamtzahl der Seiten meiner Bibel genommen und durch 300 Tage geteilt. So komme ich auf täglich vier Seiten Bibel pro Tag.» Seine Bibel habe er in drei Teile aufgeteilt, damit er variieren könne zwischen Altem Testament, Neuem Testament und den Psalmen. «Diese Zeiten in der Stille schätze ich schon seit meiner Anfangszeit im Glauben», erzählt er.
Als Rolf noch junger Familienvater war, wurde er eines Morgens von seiner damals neunjährigen Tochter beim Bibellesen erwischt. Sie fragte ihn: «Papa, kannst du so früh morgens schon studieren?» Er erzählte ihr darauf die Geschichte von einem Afrikaner, der seinen Sohn zum Wasser holen schickte. Dafür gab der Vater dem Sohn einen Korb mit. Dieser tauchte den Korb in das Wasser ein und während er zurücklief, lief alles Wasser wieder raus. Drei Mal tat er dies. Dann fragte der Sohn den Vater wütend, was das solle. Der Vater antwortete ihm: «Du kannst so kein Wasser bringen, aber der Korb ist wieder sauber.»
So sieht Rolf auch seine Stille Zeit am Morgen. «Es bleibt mir nicht immer alles hängen, aber trotzdem tut es mir gut», bilanziert er.
Göttliche Melodien im Herzen
Da Rolf aktuell in Teilzeit arbeitet und im November pensioniert wird, geniesst er neue Freiheiten. Diese ermöglichen es ihm auch, Seminare über Glaubensthemen zu besuchen. Gerade absolviert er mit seiner Frau ein Seminar über Erweckungsgeschichte. Dort wurde ihm das Buch «Die Nachfolge Christi» von Thomas von Kempen empfohlen. In diesem liest er gerne und staunt über die Tiefe der Bücher von früher.
Während des Tages versucht er, auch in den Zwischenzeiten für eine Begegnung mit Gott offen zu sein. Zum Beispiel beim Autofahren. Oder wenn er an den Bahnhof läuft. «Das sind die Momente, in denen ich viel mit Gott spreche oder Melodien von alten Lobpreisliedern pfeife», so Rolf
Selah – Pausen für Gott im Alltag
25 Jahre lang arbeitete Rolf als verantwortlicher Pastor in der Freien Christengemeinde (FCG) in Olten. Dort begann er damit, Aufgaben bewusst anzufangen und auch wieder zu beenden. Folgende Routine half ihm dabei: «Wenn ich solch eine Aufgabe jeweils abgeschlossen hatte, stand ich kurz auf und drehte eine Runde im Büro. Erst dann widmete ich mich der nächsten Aufgabe.»
In der Bibel finden wir einen passenden Begriff dafür: «Selah». In den Psalmen steht dieser Begriff immer wieder zwischen den Abschnitten. In der Passion-Übersetzung steht dort anstelle von «Selah»: Pause in Gottes Gegenwart. Dieser «Selah»-Lifestyle hat Rolf und seine Frau nachhaltig geprägt.
Ein Reisender, der Kontakt sucht
Beim Zugfahren im Alltag schätzt es Rolf, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Dies sei in der heutigen Zeit schwieriger geworden. Die Leute seien meistens mit ihren Mobiltelefonen beschäftigt oder haben Kopfhörer in den Ohren. Trotzdem gäbe es immer wieder gute Begegnungen.
An eine erinnert sich Rolf gerne: «Erst vor Kurzem habe ich auf meinem Spaziergang zum Bahnhof ein Gebet gesprochen. Ich wünschte mir, dass ich doch wieder mal ein richtig gutes Gespräch im Zug haben möge. Ein Gespräch über Gott und die Welt. Gott erhörte mein Gebet und ich durfte ein gutes Gespräch mit einer jungen Frau führen.»
Wohlstandsevangelium vs. Verfolgung
Durch seine Tätigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit bei Open Doors besucht Rolf regelmässig verschiedene Gemeinden und spricht über die Realität der verfolgten Christen. Das habe ihm ein grösseres Glaubensbild gegeben. Früher dachte er: «Ich muss nur alles richtig machen, dann werde ich gesegnet und Gott bewahrt einem vor Unglück und Leid.»
Die Verfolgung seiner Glaubensgeschwister hat ihn folgendes gelehrt: «Es gibt Menschen, die alles richtig machen, aber keine Heilung, Bewahrung und Schutz erleben. Ich glaube, dass Gott uns eines Tages nicht fragen wird, wie viele Menschen wir zum Glauben geführt haben. Vielmehr wird er uns die Frage stellen, wem wir vertraut haben in guten wie in schlechten Zeiten. Früher habe ich sehr 'erweckliche' Zeiten erlebt in der Pfingstbewegung. Für diese Zeit bin ich sehr dankbar, aber das ist nur ein Teil des christlichen Glaubens.»
Ein Mann mit verschiedenen Hüten
Heute sieht sich Rolf als Mann mit verschiedenen Hüten: Privatmann, Ehemann, Vater, Grossvater, Öffentlichkeitsarbeiter, Pastor. Je nach «Hut», den er trägt, sieht das Christsein für ihn wieder anders aus. Am Anfang fand er das schwierig, da er je nach «Hut» in eine Rolle hineingedrängt wurde. Es fühlte sich für ihn an, dass er den Glauben so leben müsse, wie es von ihm erwartet wurde.
Später realisierte er, dass er auf keinen dieser «Hüte» zurückgreifen kann, wenn er vor Jesus stehen wird. Er muss vielmehr seinen persönlichen Glauben leben und pflegen. Erst dann kann er diese Rollen einnehmen. Er ist überzeugt: «Zuerst bin ich ein Sohn Gottes. Alles andere kommt danach.»





