Er wäre fast gestorben – Warum Harvey Thomas dem IRA-Bomber vergab

3.3.2016
3 min

Harvey Thomas gehörte zum engen Mitarbeiterstab der britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Diese Position kostete ihn beinahe das Leben, als ein IRA-Bomber das Hotel der hochrangigen Politikerin ins Visier nahm. Inzwischen hat Harvey Thomas dem Angreifer vergeben und ihn sogar schon als Gast in seinem Haus in London empfangen.

An jenem unheilvollen 12. Oktober 1984 lag Harvey Thomas friedlich im Bett, als um 2:54 Uhr im Bad von Zimmer 629 eine Bombe detonierte und die gegen den See liegende Front des Grand Hotel im englischen Brighton schlicht und ergreifend wegriss – dies vor dem Abschlussabend der Jahreskonferenz der konservativen Partei. Beinahe wären Thatcher und Teile ihres Kabinetts ums Leben gekommen.

Das Attentat

Harvey Thomas erinnert sich: «Ich leitete die Konferenz in diesem Hotel. Dann, in der Nacht vor Thatchers Rede, explodierte im Raum unter mir eine Bombe und ich fiel aus dem Hotel-Dach drei Etagen hinunter und war dann zweieinhalb Stunden unter zehneinhalb Tonnen Schutt begraben.»

Wie später bekannt wurde, hatte Patrick Magee das IRA-Sprengstoff-Kommando ausgeführt und die Zeitbombe platziert. Fünf Menschen kamen ums Leben, 34 erlitten schwere Verletzungen, darunter jedoch weder Thatcher noch ihre Minister.

Wie durch ein Wunder überlebte Harvey Thomas. Er sei mit nur einem gebrochenen Knochen geborgen worden. «Fünf meiner Freunde starben. Magee wurde angeklagt wegen fünffachem Mordes und dreifachem Mordversuches, der eine an mir.» 

Als Magee gefasst wurde, wurde er zu achtmal lebenslänglich verurteilt. 1999 wurde er jedoch im Zuge des nordirischen Friedensprozesses freigelassen.

Die Überzeugung

Harvey berichtet, dass 14 Jahre vergangen seien, bis er die Passage aus dem Gebet «Unser Vater» verstanden habe, in der steht: «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unsern Schuldigern vergeben.» 14 Jahre später, 1998, als Magee noch in Haft war, sprach Harvey Thomas auf einem Meeting in Louisville, Kentucky, über das Thema Versöhnung. «Ich spürte, dass ich ihm vergeben sollte. Und so schrieb ich ihm: 'Ich bin Christ und ich vergebe dir für das, was du getan hast.' Ich hielt fest, dass ich nur für mich reden kann und nicht für jemanden anderes.»

Magee schrieb zurück und ein Briefwechsel entstand. «Er ist ein hochgebildeter Mann, der einen Doktor in Philosophie von der Universität Ulster in Belfast hat.» Nachdem er freigekommen war, besuchte Harvey Thomas den damaligen Attentäter, der zur IRA gegangen war, nachdem die englische Armee mehrere seiner Freunde getötet hatte.

Gute Freunde

«Wir sprachen stundenlang und dann kam er nach England, sprach mit meiner Familie und wir assen gemeinsam Frühstück. Er sagte zu meinen beiden Töchtern und meiner Frau: 'Ich kann nicht glauben, dass ich hier als Freund sitze, nachdem ich versucht habe, euren Vater, deinen Mann, zu töten.'»

Inzwischen seien sie gute Freunde geworden, die sich ein bis zweimal pro Jahr treffen. «Wir wollen nun gemeinsam ein Versöhnungsseminar geben.» Patrick Magee rücke dem Christentum näher, «er sagt mir, dass wir weiter für ihn beten sollen.»

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