«Wir leben noch nicht im Himmel»

Elian-Meier
zVg
Elian Meier

Elian und Simon Meier engagierten sich in Guinea für die lokale Bevölkerung. Als Kinder Gottes und im Dienst für ihn vertrauten sie darauf, dass er ihre Familie schützen würde. Doch dann wurden sie mit einer anderen Erfahrung konfrontiert.

9.10.2026
5 min
Mirjam Fisch

«Wir sind schon zweimal mit Säuglingen nach Afrika ausgereist», erzählt Elian Meier. Daher hatten sie keine Bedenken, im Jahr 2020 auch mit dem dritten Kind schon nach drei Monaten die Schweiz wieder Richtung Guinea zu verlassen. Insgesamt neun Jahre waren sie dort für SAM global tätig.

Elian ist Sozialarbeiterin. Sie baute vor Ort Kindergärten auf, bildete Guineerinnen darin aus, Kinder zu unterrichten und ihnen so erste Kontakte mit der französischen Sprache zu vermitteln. Denn der Eintritt in die Schule, in der auf Französisch unterrichtet wird, bildet für viele jungen Schülerinnen und Schüler eine riesige Hürde, die nur ihre Stammessprache sprechen.

Simon ist gelernter Polymechaniker mit einer Weiterbildung zum Softwareentwickler. Er baute in Guinea eine Berufsschule für Automechaniker auf. Gemeinsam mit einem Team engagierte sich das Paar für die lokale Bevölkerung und teilte auch seinen Glauben mit den Menschen.

Hier ist unser Platz

«Ich wollte schon als Kind Missionarin werden, am liebsten unter Strassenkindern in Brasilien arbeiten», erzählt Elian. Als Simon und sie 2008 heirateten, beschlossen sie, nach Abschluss ihrer Weiterbildungen gemeinsam in den vollzeitlichen Dienst zu gehen. Lange fanden sie kein passendes Einsatzgebiet – bis sie sich bei der SAM global bewarben. Nach einem Jahr Bibelschule in Vevey reiste das Paar 2013 nach Gaoual in Guinea, wo sie in den Bereichen mitarbeiteten, die ihren Gaben entsprachen. Jeweils zwei Jahre dauerte ihr Einsatz, dann folgten einige Monate Heimataufenthalt.

Trotz Herausforderungen war das Paar sicher: Hier ist unser Platz, Gott hat uns hergeschickt.

In der Heimat wurden jeweils ihre Kinder geboren. Joël ist heute elf, Lyra bald neun Jahre alt. Im Oktober 2019 kam die kleine Malou dazu. Im darauffolgenden Januar reiste die Familie wieder aus. Kurze Zeit später bekam der Säugling hohes Fieber, das verschwand und wieder auftauchte. Elian machte einen Malaria-Test und fuhr auf Anraten des Schweizer Kinderarztes später mit Malou ins Spital. Dort wurde die Kleine per Infusion gegen Malaria behandelt. Zwölf Stunden später müssten sie zur Wiederholung nochmals kommen, wurde der Mutter eingeschärft. Selbstverständlich waren die beiden zur genannten Zeit wieder vor Ort.

Zuhause stillte Elian ihr Kind, bis sie fand, die Kleine sei ungewöhnlich still. «Atmet sie noch?», fragte sie die Freundin, die bei ihnen war. «Nein, ich kann nichts feststellen», war die Antwort – dann begann sie auch schon zu beten. Simon und die zwei Frauen wussten, dass Jesus tote Körper wieder aufwecken kann. Sie flehten ihn an, dies nun zu tun. Doch das Wunder geschah nicht.

Schliesslich mussten die Eltern sich eingestehen, dass ihr Töchterchen gestorben war.

Ihr seid nicht allein

Die Freundin informierte sofort die Freunde aus der Kirche. Wie in Afrika üblich, war das Haus bald voll von Menschen, die gemeinsam trauerten. Auch das SAM-Team nahm grossen Anteil, umsorgte die Familie liebevoll, brachte Essen und schaute zu Joël und Lyra, damit die Eltern zur Ruhe kommen und mit den Gästen im Hof zusammensitzen konnten. Um drei Uhr morgens war Malou gestorben, um elf Uhr wurde sie nach hiesiger Sitte bestattet. Die grossen Geschwister legten ein kleines Geschenk ins Grab – sie sollten verstehen, dass Malou nicht mehr bei ihnen leben würde.

Eltern und Freunde in der Schweiz erfuhren die traurige Nachricht, das Missionswerk bot Unterstützung durch eine Fachperson an. Doch Meiers entschieden, dass Elian ihre Mutter brauchte, um den Verlust anzugehen. Elian ging mit ihrem Kummer auch zu Gott. «Mein Bild von ihm hat Risse bekommen – er ist doch gut. Wie kann er das dann zulassen?», fragte sie sich.

Schliesslich bat sie ihn: «Ich erkenne nicht mehr, dass du gut bist. Hilf mir, wieder dahin zu kommen.»

Auch Simon war erschüttert. Rückblickend sagt der 41-Jährige: «Ich wollte nie der sein, der ohne Berührungsängste mit Trauernden reden kann. Jetzt bin ich es.» Elian stellte fest: «Männer bekommen viel weniger Beachtung als Mütter, während sie trauern. Von ihm wurde erwartet, dass er bald wieder seine Arbeit aufnimmt. Doch er nahm sich die Zeit, die er brauchte, bis er soweit war.»

Das Paar trauerte nicht immer gemeinsam und auch nicht gleich. Ihr Glaube an Gottes gute Gedanken über sie trug sie durch, und ihr Team war eine grosse Hilfe. Elian hörte oft Anbetungsmusik und fand Unterstützung in Liedern wie «Gott, min Fels» von Outbreak oder «Mis Chind» von Christoph Fankhauser.

Daheim und doch nicht zusammen

Im April 2020 wurde das ganze Team wegen Corona in die Schweiz evakuiert. Flughäfen wurden geschlossen – im Notfall hätten sie nicht ausfliegen können. Im Jugendhaus Seewis warteten sie auf die nächsten Vorgaben der Behörden. Hier konnte sich die Familie einerseits erholen, andererseits durften sie nicht von ihren Angehörigen besucht werden. Eine harte Zeit. Für Malou wurde in der Heimat eine Gedenkfeier gehalten.

Dann kehrten Meiers mit ihrem Team nach Guinea zurück. Für den Schuleintritt ihrer Kinder beendeten sie ein paar Jahre später ihren Dienst in Afrika. Seit 2022 lebt die Familie wieder in der Heimat.

«Ich frage Gott nicht nach dem Warum», hält Elian fest. «Wir leben noch nicht im Himmel – keine Antwort würde ausreichen, den Verlust zu erklären oder zu rechtfertigen.»

Doch sie freut sich darauf, Malou dort zu treffen. Einen Vers in Jeremia nimmt das Paar für sich in Anspruch:

Icon Bibel

«‹Denn ich weiss genau, welche Pläne ich für euch gefasst habe›, spricht der Herr. ‹Mein Plan ist, euch Heil zu geben und kein Leid. Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung.›»

Jeremia 29,11

NLB

Sie erleben seine Hilfe. 80 Prozent der Ehen zerbrechen an der Belastung durch den Tod eines Kindes. Simon und Elian haben eine neue Form der Ehe und Familie gefunden. «Es ist nicht mehr gleich wie vorher, aber wieder ‹gut›», sagt Elian.

«Gott hat seinen Sohn verloren – er versteht mich und das tröstet», bestätigt die 40-Jährige.

Aus ihrem Schmerz ist Verständnis für Menschen in ähnlichen Situationen gewachsen. Diese kostbare Gabe will sie nutzen. Sie hat sich zur Traumaberaterin und Trauerbegleiterin ausgebildet und arbeitet beim Projekt RAHAB der Heilsarmee mit. «Gott trägt durch», bestätigt sie. «Man kann ein neues Leben finden.»

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