Was ist Sanftmut genau?
Im Griechischen bedeutet Sanftmut «prautes» (πραΰτης), was wortwörtlich «sanft» bedeutet. Sanft, aber nicht im Sinne eines «Weicheis», das keine Stärke besitzt. Vielmehr bezeichnet der Ausdruck, dass jemand geduldig, ausgeglichen und ruhig ist, auch gerade in Konflikten und in herausfordernden Situationen.
Als Eigenschaft ist sie also sehr ähnlich wie die Langmut oder Geduld, die auch jeweils als eine der neun Eigenschaften der Frucht des Geistes gilt. Sanftmut bedeutet aber auch, dass man auf Rache verzichtet, wenn man von jemandem ungerecht behandelt wurde.
Sanftmut als Eigenschaft
Früher galt Sanftmut als Tugend einiger Herrscher (mehr darüber in einem Wikipedia-Artikel über Sanftmut). So trugen zum Beispiel Friedrich der Zweite von Sachsen oder auch Ludwig der Vierzehnte den Beinamen «der Sanftmütige». Als Heiliger der Sanftmut galt ausserdem der Bischof und christliche Mystiker Franz von Sales (1567 bis 1622). Er lernte, seine Neigung zu Zornausbrüchen zu zügeln.
Damit haben wir auch gegenteilige Eigenschaften der Sanftmut definiert: Jähzorn, Aggression und Aufbrausen. Die Sanftmut hingegen kann man auch als Milde oder Nachsichtigkeit bezeichnen, oder sie jemandem zusprechen, der als angenehm gilt.
Verschiedene Facetten
Es braucht mehrere Begriffe und Eigenschaften, um zu erfassen, was die biblische Sanftmut bedeutet. Vielleicht ist es gerade deshalb so schwierig, sie zu definieren, weil es im Deutschen kein Wort gibt, das ihre Bedeutung vollständig wiedergibt. Die griechischen Begriffe «prautes» oder «praytes», das Adjektiv «prays» und das Verb «praynein» öffnen hingegen weitere Bedeutungsfelder, die sich aus dem Sprachgebrauch ergeben.
Der bekannte Professor William Barclay schreibt in seinem Werk «Flesh and Spirit» darüber folgendes:
Sie werden für Personen oder Dinge gebraucht, die eine bestimmte beruhigende Eigenschaft besitzen. Also zum Beispiel Worte, die einen zornigen Menschen besänftigen können. Oder eine Salbe, die den Schmerz einer eitrigen Wunde lindert.
Sie kennzeichnen ein freundliches Verhalten mit anderen Menschen. Vor allem von Leuten, die sich auch ganz anders könnten. Beispielsweise ein Tyrann, der sich um die Gunst der Menschen bemüht, indem er ihnen eine zuvorkommende Behandlung verspricht, wenn er an die Macht kommt. Der persische König Kyros wird als «freundlich und vergebend gegenüber menschlicher Fehler» beschrieben. Er verhielt sich freundlich gegenüber einem Offizier, der seine aufgetragene Pflicht versäumte.
Sie kennzeichnen die rechte Haltung und Atmosphäre in einer Diskussion.
Sie werden gebraucht, wenn man eine Sache leicht nimmt.
Auch werden die Wörter für gezähmte Tiere gebraucht, die gelernt haben, sich einer bestimmten Ordnung zu unterwerfen.
Am Kennzeichnendsten ist die Anwendung der Wortgruppe auf einen Charakter, der Kraft und Milde in sich vereint. Sehr treffend illustriert Platon das Substantiv «praytes»: Ein Wachhund, der sich Fremden gegenüber mutig und abwehrend verhält, aber Bekannten gegenüber, die er kennt und liebt, freundlich ist, besitzt «praytes». Der Mensch, der wahrhaft gross ist, der gleichzeitig aber auch leidenschaftlich und sanft im höchsten Grade ist.
Sanftmut im Leben von Jesus
Wenn wir lernen wollen, sanftmütig zu reagieren, können wir uns an Jesus Christus orientieren. In Matthäus Kapitel 11, Vers 29 beschreibt er seinen eigenen Charakter folgendermassen (LUT):
«Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.»
Er war also das perfekte Beispiel für einen sanftmütigen Menschen. In seiner berühmten Bergpredigt (Matthäus Kapitel 5) spricht er im Rahmen der Seligpreisungen auch darüber, dass die Sanftmütigen glückselig sein und das Land erben werden (Vers 5). Eine schöne Verheissung.
Wie kann man Sanftmut lernen und praktizieren?
All diese Gedanken lassen uns erahnen, wie schön und wichtig es wäre, wenn wir als Christen diese Eigenschaft der Sanftmut immer mehr verkörpern würden. Wenn sie in unserem Leben tatsächlich sichtbar wird, hat sie – zusammen mit den anderen Eigenschaften der Frucht des Geistes wie Liebe, Freude, Geduld und Frieden – das Potenzial, diese Welt auf den Kopf zu stellen.
Wie bei allen neun Eigenschaften der Frucht des Geistes geht es auch bei der Sanftmut nicht darum, sie aus eigener Kraft hervorzubringen, indem wir uns anstrengen oder unter Druck setzen. Vielmehr geht es darum, in Verbindung mit dem Heiligen Geist zu bleiben und unser Herz von Gottes Gnade prägen zu lassen.
Wie der Name schon sagt, ist es wie bei einer Frucht, die an einem Baum wächst: Sie entsteht dort, wo wir in der Beziehung zu Gott verwurzelt sind. Diese Beziehung können wir unter anderem durch folgende Dinge einüben:
Regelmässige Zeiten des Gebets, der Stille und des Bibellesens
Demut vor Gott einüben: Sanftmut beginnt dort, wo wir Gottes Führung in unserem Leben annehmen und auch Enttäuschungen oder schwierige Lebensumstände aus seiner Hand nehmen können, ohne uns zu beschweren oder in Bitterkeit zu verfallen.
Das eigene Verhalten reflektieren: In Momenten der Ungeduld oder des Ärgers können wir Gott bitten, uns bewusst zu machen, wie geduldig und gnädig er selbst mit uns umgeht.
Praktische Hinweise
Konkret kann das im Alltag bedeuten, dass wir innehalten, bevor wir jemandem antworten, oder dass wir bewusster zuhören. Wenn uns jemand etwas erzählt, versuchen wir, die Perspektive unseres Gegenübers zu verstehen, anstatt sofort unsere eigene Position zu verteidigen oder unbedingt das letzte Wort haben zu wollen.
Alles in allem ist es tröstlich zu wissen, dass bisher kein «perfekt Sanftmütiger» vom Himmel gefallen ist. Wir können Sanftmut nicht aus eigener Kraft hervorbringen. Auch darin sind wir auf Gottes Gnade und seine verwandelnde Kraft in uns angewiesen. Darauf, dass unser Wesen immer mehr seinem Wesen entspricht. Oder, wie es im Römerbrief so schön heisst:

Wen Gott nämlich auserwählt hat, der ist nach seinem Willen auch dazu bestimmt, seinem Sohn ähnlich zu werden, damit dieser der Erste ist unter vielen Brüdern und Schwestern.
Römerbrief
Kapitel 8, Ver 29 (HFA)





