Die verschiedenen Facetten der Selbstbeherrschung
Der Galaterbrief, in dem dieser Text steht, gehört zum Neuen Testament der Bibel. Die Texte des Neuen Testaments wurden ursprünglich in Altgriechisch verfasst und später in verschiedene Sprachen übersetzt. An dieser Stelle wird für das Wort «Selbstbeherrschung» der griechische Begriff «Enkráteia» (ἐγκράτεια) verwendet, der sich unter anderem mit Enthaltsamkeit, Selbstbeherrschung, Selbstzucht oder Keuschheit übersetzen lässt.
Diese Begriffe zeigen auf, dass es bei der Selbstbeherrschung um weit mehr geht, als nur in kritischen Augenblicken die Contenance zu bewahren. Selbstbeherrschung bezeichnet eine nüchterne, massvolle, ruhige und gelassene Lebenseinstellung, bei der man seine persönlichen Wünsche und Leidenschaften unter Kontrolle hat. Sie bedeutet auch, sexuell enthaltsam leben zu können oder auf Dinge zu verzichten, die man gerne haben oder tun möchte. All das ist nur möglich, wenn wir geklärt haben, wer in unserem Leben das Sagen hat und welchem Einfluss wir uns unterstellen.
Leben im Fleisch oder im Geist
Im fünften Kapitel des Galaterbriefes (Verse 16 bis 26) fordert uns der Apostel Paulus dazu auf, im Geist zu leben und zu wandeln, damit wir die Begierden des Fleisches nicht erfüllen. Fleisch und Geist stehen dabei wie zwei Gegenspieler einander gegenüber und wollen Gegensätzliches. In den Versen 19 bis 21 werden all die negativen Eigenschaften aufgezählt, die entstehen, wenn man sich als Nachfolger von Jesus vom eigenen Fleisch beherrschen lässt. «Fleisch» steht hier auch für den alten Menschen mit all seinem sündigen Verlangen und seinen Begierden.
Da tauchen Begriffe auf wie Unzucht, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, übermässiges Essen und Trinken und so weiter. Paulus sagt auch hier ganz klar, dass diejenigen, die so leben, das Reich Gottes nicht erben werden. Stattdessen fordert er uns auf, im Geist zu leben. Wenn wir zu Christus gehören, so sagt er in Vers 24, haben wir unser Fleisch gekreuzigt, samt allen Leidenschaften und Begierden. Einerseits können wir uns immer wieder vor Augen führen, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt wurde (Römer Kapitel 6, Vers 6). Andererseits braucht es auch unsere Bereitschaft und unser aktives Wollen, damit wir uns nicht weiterhin von unserem Fleisch und unseren natürlichen Begierden bestimmen lassen, sondern vom Geist Gottes.
Beispiele aus der Bibel
Gottes Volk wird in der Bibel immer wieder dazu ermahnt, sich in Selbstbeherrschung zu üben. Zum Beispiel heisst es in den Sprüchen:

Wer sich nicht beherrschen kann, ist so schutzlos wie eine Stadt ohne Mauer.
Sprüche
Kapitel 25, Vers 28 (HFA)
Auch im ersten Timotheusbrief wird beschrieben, welche Eigenschaften ein Mann mitbringen soll, wenn er eine Gemeinde leiten möchte:
Allerdings muss ein solcher Mann ein vorbildliches Leben führen; das heisst, er soll seiner Frau die Treue halten, massvoll und besonnen sein und keinen Anstoss erregen.
1. Timotheus
Kapitel 3, Vers 2 (HFA)
Im zweiten Timotheusbrief werden dementsprechend auch die Eigenschaften und das Wesen des Heiligen Geistes beschrieben, der in uns lebt:
Denn der Geist, den Gott uns gegeben hat, macht uns nicht zaghaft, sondern er erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit.
2. Timotheus
Kapitel 1, Vers 7 (HFA)
Im zweiten Petrusbrief gibt uns Petrus Hinweise darauf, wie wir in dieser Selbstbeherrschung wachsen können:
Deshalb setzt alles daran, dass euer Glaube sich in einem vorbildlichen Leben auswirkt. Ein solches Leben wird dazu führen, dass ihr Gott immer besser kennen lernt. Daraus entsteht immer grössere Selbstbeherrschung, die zu wachsender Ausdauer führt, und aus der wiederum erwächst wahre Liebe zu Gott.
2. Petrus
Kapitel 1, Verse 5 und 6 (HFA)
Wenn wir Jesus Christus von ganzem Herzen nachfolgen und uns von seinem Wort umgestalten lassen (Römer Kapitel 12, Verse 1 und 2), wird auch die Frucht des Geistes in unserem Leben sichtbar und wirksam.
Der Schlüssel zu einem ausgeglichenen Leben
Im Römerbrief Kapitel 8, Vers 1 lesen wir darüber, dass wir frei von der Verurteilung durch das Gesetz, die Sünde und den Tod sind. Dies gibt uns jedoch nicht die Erlaubnis, alle moralischen Grenzen abzulegen – so wie es offenbar einige Mitglieder der Gemeinde in Galatien und anderen damaligen Gemeinden verstanden haben. Auch Paulus weist im ersten Korintherbrief mehrmals darauf hin, dass uns als Nachfolger Christi zwar alles erlaubt ist, aber nicht alles nützlich ist (1. Korinther Kapitel 6, Vers 12 und Kapitel 10, Vers 23). Damit beschreibt er die christliche Freiheit und zeigt gleichzeitig ihre Grenzen auf: Liebe, Vernunft und Selbstbeherrschung sollen unser Handeln bestimmen.
Ein klares Nein also zu einem ausschweifenden Leben. Das Gegenteil davon wäre jedoch, sich vollständig aus dem Leben und seinen Versuchungen zurückzuziehen. Auch das ist keine Lösung. Wie könnten wir sonst noch den Missionsbefehl von Jesus (Matthäus Kapitel 28, Verse 19 und 20) ausführen? Es braucht also den Mittelweg: Ein selbstdiszipliniertes Leben nach dem Vorbild von Jesus, der in der Welt lebte, sich aber nicht von den Werten und Begierden dieser Welt bestimmen liess.
Wie schaffe ich das?
Egal, ob man von Natur aus eher der geduldige und ausgeglichene Typ ist oder der klassische Heisssporn, der bei jeder Kleinigkeit innerlich wie eine Rakete abgeht: Diese Form von Selbstbeherrschung kann man lernen. Das Gute ist: Sie kommt nicht aus uns selbst, sondern ist eine Frucht des Geistes Gottes, der in uns lebt. Wir müssen diese Eigenschaft also nicht nur aus eigener Kraft entwickeln:
Das Wichtigste ist sicherlich, in einer engen Beziehung mit Jesus zu leben. Dazu gehört, Zeit mit ihm zu verbringen – im Gebet, im Lobpreis sowie beim Lesen und Studieren der Bibel.
Es braucht auch Disziplin. Jede Sportlerin und jeder Sportler hat ein Ziel: den eigenen Körper in die bestmögliche Form zu bringen, um in der jeweiligen Sportart möglichst erfolgreich zu sein. Als Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus haben wir keine weltlichen Pokale oder Medaillen als Ziel. Unser Ziel ist vielmehr der unvergängliche Preis, den Paulus in 1. Korinther Kapitel 9, Verse 24 und 25 beschreibt. Auch von unserer Seite braucht es deshalb Zielstrebigkeit, Disziplin und Fokus – ein ständiges Ausgerichtet-Sein auf Gott und auf die Ewigkeit.
Das bedeutet auch, dass wir Gottes Führung für jeden Bereich unseres Lebens erbitten. Zum Beispiel für unsere Gefühle: Wie schnell können Zorn oder Wut in uns aufsteigen, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es uns wünschen. Oder für unsere Worte: Immer wieder müssen wir unsere Zunge unter seine Herrschaft stellen. Worte haben Macht. Sie können Tod aussprechen, aber auch Leben spenden. Als Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus wollen wir in jeder Facette unseres Lebens ein Wohlgeruch für ihn sein.
Wo könnte das deutlicher zum Vorschein kommen als in hitzigen Situationen, in denen wir anders reagieren als der Durchschnittsmensch? In solchen Momenten freuen wir uns nicht nur über die Veränderung, die Gott in uns bewirkt. Unsere Reaktion kann auch eine Aussenwirkung haben, durch die der Geist Gottes Raum bekommt, um in den Herzen unserer Mitmenschen zu wirken.



