Es ist gut, dass in den letzten Jahrzehnten stark betont worden ist, dass dieser «Missionsbefehl» allen persönlich gilt. Klammer auf: «Missionsbefehl» ist eigentlich ein eher furchtbares Wort – das englische «The Great Commission» , also «Der Grosse Auftrag», klingt viel besser, oder? Klammer zu.
Also: Es ist ein persönlicher Auftrag. Lerne, von Jesus zu reden und das, was du glaubst, in Worte zu fassen. Das ist richtig und wichtig. Aber vom Neuen Testament her ist es nur eine Seite der Wahrheit. Klar, wir sollen persönliche Zeugen sein. Aber ist es nicht auffallend, dass dieser Auftrag «euch», also dem Kollektiv, gilt? «Geht hinaus in die ganze Welt», heisst es.
Wir sind heute in der Gefahr, einen typischen Fehler immer zu wiederholen: dass wir «persönlich» mit «individuell» oder sogar «individualistisch» verwechseln. Und damit eine Riesenlast auf den Einzelnen legen, was das Neue Testament nicht tut. Ein paar biblische Korrekturen können helfen, diese Last von unseren Schultern zu nehmen und Evangelisation in die biblische Balance zu bringen.
«Jeder Christ ein Evangelist»
Das ist ein beliebter Satz, der sich erst noch reimt – und doch grundfalsch ist. Jeder Christ ist ein Zeuge Jesu, aber nicht jeder und jede ist Evangelist. Nicht jeder hat die Gabe der Evangelisation. Passen wir auf, wenn leidenschaftliche Evangelisten Bücher schreiben und ihre Gabe auf alle anderen projizieren… Nichts gegen Motivation zur «persönlichen Evangelisation», aber Achtung vor Missachtung der biblischen Gaben-Verteilung.
Die Gemeindebau-Erfahrung zeigt, dass plus-minus zehn Prozent der lebendigen Christen die Gabe der Evangelisation haben. Sie dürfen andere anstecken, aber wir müssen aufpassen, dass wir keine neuen Lasten auf alle legen. Es ist eine gute Sache, dass heute mehr Christen auf die Strasse gehen, aber es wäre gefährlich, wenn das ein neues Gesetz würde.
Zwei und zwei…
Schon Jesus hat seine Boten damals immer zu zweit ausgesandt. Evangelisation ist viel effektiver, wenn wir es als Ehepaar, Freunde oder Gruppe tun. Wir müssen aufpassen, wo wir Aufträge im Plural auf uns «ganz persönlich» reduzieren. Mehrere Stimmen zusammen können eine wirkungsvollere Botschaft abgeben als nur eine.
Predigen? Ja bitte!
Besonders die Gemeinde hat eine Dimension des Auftrags, die man nicht in Einzelne zerteilen kann. Allein das «Predigen» – eine der wichtigsten Arten, wie das Evangelium verbreitet wird – ist nicht Privatsache, sondern ein öffentlicher Akt. Wir persönlich sollen und wollen Leute nicht «anpredigen», aber durch die öffentliche Predigt können Dinge gesagt und bewirkt werden, die im ganz persönlichen Gespräch oft nicht möglich sind. Das bezeugen die Bibel und die Geschichte millionenfach. Jesus predigte, Paulus predigte, Petrus predigte. Und es ist schade, dass die Chancen einer guten Predigt heute vielfach missachtet und nicht besser genutzt werden – einschliesslich einer klaren Einladung zum Glauben, die man in jeder Predigt unterbringen kann.
Es war der grosse Verdienst vor 40 Jahren, als Bill Hybels und andere Pastoren erkannten, dass ein Gottesdienst «Suchende» oder einfach «Besuchende» ansprechen und nicht nur die fromme Grossfamilie bedienen sollte. Diese kollektive Form der Evangelisation darf nicht verloren gehen!
Fazit: Wir haben die «persönliche Evangelisation» heute vielleicht zu sehr individualisiert. Der «private» Aspekt der Evangelisation wird idealerweise durch den «öffentlichen» (zum Beispiel in der Gemeinde oder Grossveranstaltungen) ergänzt. Sonst fehlt etwas. Aber wenn die beiden Seiten der Münze einander in die Hände spielen, kann auch heute noch Grosses entstehen.





