Die Herausgerufenen hört sich gut an. Es klingt nach Berufung, Gerettetsein und einer gewissen Exklusivität. Diese Bedeutung von ekklesia ist auch nicht ganz verkehrt – immerhin ist es wörtlich übersetzt: ek bedeutet «heraus» und klesia kommt vom griechischen Wort für «gerufen». Trotzdem steht dieser zentrale Begriff im Neuen Testament in erster Linie für etwas anderes: für die Versammlung der Gläubigen.
Wenn die Wortbedeutung nicht weiterhilft
Manchmal ist es sehr hilfreich nachzuschauen, was ein Wort ursprünglich bedeutet hat. Das grosse Missverständnis entsteht, wenn man dann behauptet, dass es deshalb «eigentlich» dies oder jenes bedeutet. Ursprung und heutige bzw. tatsächliche Bedeutung sind nicht unbedingt deckungsgleich.
Wusstest du zum Beispiel, dass unsere heutigen Begriffe «Boulevard» und «Bollwerk» eigentlich denselben Ursprung haben? Das altertümliche bulwerc bezeichnet die befestigte ringförmige Anlage um eine Stadt. Mit Prachtstrassen und Einkaufsmeilen im Sinne eines Boulevards hat das zwar den Ursprung gemeinsam, es hilft aber kaum zur Erklärung – die Bedeutung hat sich schlicht zu weit verschoben. Der Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger erläutert diese irreführende Etymologie ausführlich.
Tatsächlich ist es bei ekklesia sehr ähnlich: Die Grundbedeutung erklärt kaum, was die Zeitgenossen von Paulus darunter verstanden, wenn er von der ekklesia Gottes sprach, und erst recht nicht, wofür sie heute steht.
Ein Begriff zwischen Politik und Bibel
In der griechischen Welt, in der sich Paulus und die ersten Christen bewegten, war ekklesia als «beratende und beschlussfassende Versammlung der freien Bürger einer Polis» bekannt. Darauf weist unter anderem der Neutestamentler Thomas Söding hin.
Dieses Gremium kommt auch direkt in der Bibel vor, zum Beispiel in Apostelgeschichte, Kapitel 19, Vers 39. Die regelmässige Versammlung der Bürger bot den Rahmen des Begriffs, weshalb Paulus den Philippern erklären konnte: «Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel … » (SLT). Das war keine Weltflucht, sondern das Einordnen der Gemeinde in Gottes Wirklichkeit.
Interessanterweise wird der Begriff ekklesia auch in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta, verwendet. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf dem Zusammenkommen des Volkes Israel, wenn es zum Beispiel nach der Gesetzgebung heisst, dass «der HERR mit euch auf dem Berg geredet hat, mitten aus dem Feuer, am Tag der Versammlung [ekklesia]» (5. Mose, Kapitel 9, Vers 10; SLT).
Ein dreifacher Fokus
Wenn im Neuen Testament von ekklesia die Rede ist, wird sie meist als ekklesia Gottes bezeichnet und damit deutlich von der politischen Versammlung unterschieden. Sie beschreibt dabei laut Söding die Versammlung der Glaubenden zum Gottesdienst, wo Paulus zum Beispiel «von Uneinigkeit bei euren Versammlungen» spricht (1. Korinther, Kapitel 11, Vers 18; HFA). Sie meint auch ekklesia als Gemeinde, also als konkrete Kirche vor Ort, die zunächst oft als Hausgemeinde begann und sich bald als mehrere Gemeinden ausprägte.
Eine einzige Gemeinde in einer Stadt hat es wohl nie gegeben – darauf weist unter anderem Chris Hutchison hin, wenn er vom «Mythos der Stadtgemeinde» spricht. Zuletzt steht ekklesia auch für die universale Kirche oder weltweite Gemeinde. An vielen Stellen im Neuen Testament ist definitiv mehr gemeint als eine einzelne Zelle gläubiger Menschen – dann ist vom gesamten «Leib» die Rede und davon: «Jedem hat Gott seine ganz bestimmte Aufgabe in der Gemeinde zugeteilt» (1. Korinther, Kapitel 12, Vers 28; HFA).
Mehr als herausgerufen
Wenn du die verschiedenen Vorkommen des Begriffs Gemeinde, Versammlung, Kirche oder ekklesia nachschaust, siehst du, dass «Herausgerufene» vielleicht die wörtliche Bedeutung davon ist, das Wesen der Gemeinde allerdings kaum beschreibt.
In erster Linie ist die Versammlung der Menschen gemeint, die zu Christus gehören. Das ist kein völliger Widerspruch zum Herausgerufensein, verschiebt aber den Fokus von der Abgrenzung hin zum Zusammenleben und auf den Auftrag.
Thomas Söding fasst zusammen: «Der Sinn ist nicht ein exklusiver, so als ob es die Kirche nur im Modus ihrer gottesdienstlichen Zusammenkunft gäbe, sondern ein positiver. Kirche ist nie in grösserer Intensität sie selbst als dort, wo die Glaubenden in ihrer Gemeinschaft zum Gottesdienst sich versammeln.»





