Es gibt Momente, in denen man sich nicht mehr aus der Patsche winden kann. Dann muss man hinstehen und sagen: «Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.» Schluss mit Wischiwaschi und Grauzonen. Ob Martin Luther die Knie schlotterten, als er am 16. April vor Kaiser Karl V. und den versammelten Fürsten in Worms stand, wissen wir nicht. Fest steht aber: Das Glaubensverständnis hat sich seither grundlegend verändert. Die Kernthesen der Reformation rechneten nicht nur mit den Missständen des Mittelalters ab, sondern setzen bis heute ein Zeichen gegen jede Verfälschung des Evangeliums. Schauen wir uns die berühmten vier «Solus» beziehungsweise «Sola» im heutigen Kontext an.
Sola Scriptura: allein die Schrift
Der christliche Glaube beruft sich auf ein heiliges Buch: die Bibel. Für Christen aller Jahrhunderte ist sie Gottes Wort. Wer sich auf sie einlässt, kann ihre besondere Autorität erfahren. Es gehört zum Glauben, sie kennenzulernen und sich wie die Reformatoren «unter» sie stellen.
«Sola Scriptura» bedeutet, dass die Bibel nicht einfach auf eine Stufe mit anderen menschlichen Büchern gestellt wird. Natürlich muss sie ausgelegt werden – aber mit Sorgfalt, Respekt und dem Bewusstsein für ihre Besonderheit.
Ein aktueller Lesetipp: Das gerade erschienene Buch «Die Bibel – eine Reise durch die Weltgeschichte» von Roland Hardmeier bietet einen spannenden Ein- und Überblick über das Buch der Bücher – fast wie ein halbes Theologiestudium, nur unterhaltsam zu lesen.
Sola Gratia: allein durch die Gnade
Luther betonte, dass die Rettung «völlig jenseits eigener Kräfte und Werke» liegt. Der Mensch kann sich sein Heil nicht verdienen – es ist ganz und gar Gottes Geschenk. Gnade bedeutet «unverdiente Zuwendung und Annahme». Sie wurzelt in Gottes Liebe und seinem Willen, uns zu retten. Die Grundlage dafür ist die Erlösungstat von Jesus Christus: Gottes Gnade ist nicht nur ein Gefühl, sondern wurde zur Tat.
«Sola Gratia» verweist auf Gottes Handeln ausserhalb unserer selbst. Deshalb suchen wir in Zeiten des Zweifels nicht die Sicherheit in unseren eigenen Gefühlen, sondern dürfen uns mutig auf Gott verlassen – und bei ihm Gnade finden.
Sola Fide: allein durch Glauben
Glaube ist die menschliche Antwort auf Gottes Gnade. Er ist keine eigene Leistung, sondern bedeutet, Gottes Gnade anzunehmen und auf jeden eigenen Verdienst zu verzichten. «Ich kann nicht den Dreck unterm Fingernagel dazu beitragen, dass ich vor Gott errettet bin», hat einmal jemand gesagt. «Aber ich muss es im Glauben ergreifen.» «Sola Fide» widerspricht unserem natürlichen Bedürfnis, selbst etwas leisten zu wollen. Das kann demütigend sein und ist doch ungeheuer befreiend. Denn ein Geschenk staunend anzunehmen, das kann selbst ein Kind.
Auch das Christenleben bleibt «sola Fide». Weder unsere Gefühle noch geistliche Praktiken oder Übungen – so wertvoll sie auch sein mögen – können den Glauben ersetzen.
Wenn es darum geht, wie ich vor Gott stehe, gibt es nur eins:
Solus Christus: allein Christus
Unsere Welt kennt viele Heilsbringer und selbst ernannte Retter. Doch keiner ist wie Christus.
Niemand sonst gab sein Leben für Menschen, die eigentlich seine Feinde sind. Jesus von Nazareth ist nicht nur ein grossartiges Vorbild, sondern der Retter der Welt.
Er ist mit niemandem vergleichbar und lässt sich mit niemandem kombinieren. An ihm scheiden sich die Geister, und immer wieder treten selbst ernannte Messiasse gegen ihn an. Doch es gibt keinen anderen Weg zu Gott und zum ewigen Leben als durch Christus allein.
Wie ein guter Stuhl
Diese vier Grundsätze gehören zusammen und bedingen einander. Gerade in ihrer Klarheit bilden sie die Grundlage für einen Glauben und eine Lebenshaltung, die tragen – wie die vier Beine eines stabilen Stuhls. An ihnen wird nicht gesägt. Danke an die Reformatoren, die das so deutlich herausgearbeitet haben!





