Als Jesus in Judäa unterwegs war und predigte, schrieb niemand mit. Keiner seiner Jünger meldete sich zwischendrin: «Kannst du das mal wiederholen? Ich habe es nicht ganz mitbekommen…» Seine Bergpredigt wurde weder per Livestream übertragen noch für die Nachwelt aufgezeichnet. Doch eine Weile später wurde den ersten Christen klar, dass das, was nur wenige direkt erlebt hatten, die Menschen in den neu entstehenden Gemeinden interessierte. Mehr noch: dass sie es brauchten.
Also schrieben Paulus, Markus, Petrus, Johannes und etliche andere auf, was sie mit Jesus erlebt hatten, beziehungsweise, was den Glauben an Christus und die Nachfolge ausmacht – das Neue Testament entstand. Bis heute sind Christen davon überzeugt, dass die Berichte, Briefe und prophetischen Schriften darin nicht nur menschliche Notizen sind – sondern Gott selbst irgendwie beim Niederschreiben von Anfang an seine Finger im Spiel hat. Wie diese «Inspiration» in der Praxis funktionierte, wird allerdings nirgendwo beschrieben und es gibt auch unter gläubigen Menschen sehr unterschiedliche Auffassungen dazu.
Was gehört ins Neue Testament?
Über die Jahrhunderte entstand so eine grosse Bandbreite an Schriften. Einige waren weit verbreitet, andere nur Insidern bekannt. Welche davon sollten für die Kirche massgeblich sein? Was sollte eine verbindliche Grundlage bilden? Regelmässig vor Ostern erscheint dieses Thema in den Medien und es werden sensationelle Enthüllungen versprochen: ein «Geheimes Markusevangelium», ein angeblich unterdrücktes «Thomasevangelium» oder der verschollene «Laodizenerbrief» von Paulus.
Allen gemeinsam ist, dass sie weder neu noch sensationell, sondern seit Jahrhunderten bekannt sind und aus guten Gründen nicht Teil des Neuen Testaments wurden. Warum andere Bücher diesen Sprung geschafft haben, das zeigen die Kriterien, nach denen solche Schriften bereits früh beurteilt wurden. Sie belegen, dass es durchaus Diskussion und Streit deswegen gab – aber nach einer relativ offenen Debatte auch klare Entscheidungen. Was waren diese angelegten Kriterien?
1. Texte der Apostel
Hierbei zeigt sich, dass die Auswahl durchaus flexibel gehandhabt wurde und nicht dazu gemacht war, um sich auf Paulus & Co. zu beschränken: Bedingung war, dass Texte entweder von den ehemaligen Jüngern von Jesus selbst verfasst worden waren oder von deren Mitarbeitenden beziehungsweise direkten Zeitgenossen. Anonyme Schriften betrachtete man mit Vorsicht.
2. Gut bezeugte Texte
Bibeltexte brauchten zuverlässige Zeugen, die für sie einstanden. Das waren entweder andere neutestamentliche Autoren oder möglichst frühe Autoritäten, die sie für wahr erklärten. Damit sollten Schriften ausgeschlossen werden, die zwar unter dem Namen biblischer Personen, jedoch lange nach deren Tod erschienen und somit wenig glaubwürdig waren.
3. Kongruente Texte
Darüber hinaus war es wichtig, dass die verschiedenen Texte inhaltlich in den Hauptaussagen übereinstimmten. Dabei ging es nicht um Detailfragen, sondern darum, dass die Fakten und Lehren darin sich nicht grundsätzlich widersprachen.
4. Texte mit natürlicher Autorität
Das subjektivste Kriterium war die Erwartung, dass biblische Texte eine natürliche Autorität ausstrahlen sollten. Damit rechneten die ersten Christen. An der Wirkung dieser Texte sollte sich zeigen, dass Gott sich zu ihnen stellte, dass der Heilige Geist durch sie sprach.
Kein Konzil, sondern breite Akzeptanz
Interessant ist nun, dass der Anerkennungsprozess aufgrund dieser Kriterien nicht durch Fachleute auf einem Konzil diskutiert und beschlossen wurde. Bereits sehr früh – um 170 nach Christus – gab es Listen mit den neutestamentlichen Büchern, die unserem heutigen Neuen Testament weitgehend entsprachen. Im bekannten «Canon Muratori» waren 22 Bücher enthalten; es fehlten nur der Hebräerbrief, der 1. und 2. Petrusbrief, der Jakobusbrief und der 3. Johannesbrief. Von den verschiedenen Kirchenvätern wie Tertullian (160-220), Clemens (150-215), Hippolyt (170-235) und Origenes (185-254) wurden die Argumente für und gegen einzelne Schriften abgewogen. Letztlich gelangten diese Bücher auch ins Neue Testament, weil sie die Kriterien insgesamt ausreichend erfüllten. Und weil sie eine breite Akzeptanz in den christlichen Gemeinden fanden.
Bis heute gibt es im Neuen Testament Lieblingstexte, wie das Johannesevangelium, und daneben «stroherne Episteln», wie Luther den Jakobusbrief nannte, oder den Judasbrief, über den praktisch nie gepredigt wird. Dennoch gehören sie unzweifelhaft zum Neuen Testament – und nicht erst seit 367 nach Christus, als der Kirchenvater Athanasius die 27 Bücher des Neuen Testaments das erste Mal zusammen erwähnte. Im Prozess, der dorthin führte, wurde durchaus gestritten. Doch letztlich ging es nicht darum, eine Bibel durchzusetzen, die der eigenen Frömmigkeit entsprach. Vielmehr zeigten die Schriften ihre Qualität im gemeinsamen Ringen um ihr Verständnis und vor allem in ihrer Anwendung. So fand die frühe Kirche zu einem Konsens, der bis heute trägt: dem Neuen Testament.





