Wenn du beten möchtest, hast du wahrscheinlich schon Tipps dazu bekommen. Die einen hören sich so an, als müsstest du vorher Theologie studieren oder Geld für Kurse und Seminare ausgeben, damit es überhaupt funktioniert. Die anderen klingen fröhlich-selbstverständlich danach, als ob ein direkter Dialog mit Gott jederzeit möglich wäre. «Du redest – er antwortet. Ganz einfach», heisst es dann. Aber was, wenn es nach deinem Reden still bleibt? Wenn du zwar an irgendetwas denkst, aber keine Ahnung hast, ob das schon Gottes Antwort sein könnte?
Zunächst einmal muss man festhalten: Mit dieser Erfahrung bist du nicht allein. 90 Prozent aller Gläubigen erleben es auch, dass Gott nicht oder nicht so wie erwartet antwortet. Und die anderen zehn Prozent? Die nehmen es nur nicht so genau mit der Wahrheit… Ich bin davon überzeugt, dass Gott auf die eine oder andere Art redet – er tut dies aber nicht auf Bestellung, seltener als erwartet, oft unklarer als gewünscht oder irgendwie indirekt. Was kannst du also tun?
Verabschiede dich vom Beten
Wenn dich dein Gebetsleben enttäuscht, weil du praktisch nie Antworten erhältst und nur gegen die Wand redest, dann ist es eine völlig normale Reaktion zu sagen: «Ich hab’s versucht; es hat nicht funktioniert; ich lasse es von nun an.» Tatsächlich handeln mehr Christen so, als man gemeinhin annimmt. Sie sind enttäuscht oder schlicht gelangweilt von einem leeren Wiederholen von Floskeln und lassen es deshalb irgendwann. Die meisten verabschieden sich jedoch eher heimlich davon. Während sie also wochen- und monatelang nicht beten, unterstreichen sie gleichzeitig im Gespräch mit anderen, dass das Gebet zum Wichtigsten im Glauben gehört. Sie wollen damit nichts Falsches sagen, sie denken allerdings oft, dass es an ihnen liegt, dass sie selbst verkehrt sind.
Wenn du Ähnliches erlebt hast, dann liegt das Problem nicht darin, dass Gott nichts mit dir zu tun haben möchte, aber vielleicht an der falschen Erwartung, auf welche Weise oder wie oft Gott zu dir reden sollte. Auch prominente Gläubige kennen diese Situation. Der «Engel der Armen», Mutter Teresa, hörte Gottes Reden zu Beginn ihres Dienstes in Indien auf eine besondere Weise – und danach erlebte sie es fast 50 Jahre lang nicht mehr. Übrigens: Wenn du dich wirklich für eine Weile aus deinen Versuchen ausklinken möchtest, mit Gott ins Gespräch zu kommen, dann tu das. Gott hält diese Funkstille aus!
Suche neue Wege
Aber was ist, wenn Gott tatsächlich redet? Dann wäre dein Ausstieg aus der Kommunikation nicht der beste Weg, um ihn zu hören. Eine typische Antwort scheint es zu sein, sich Hilfe zu suchen. Je nach Typ legt man sich einen halben Meter Bücher übers Gebet zu oder belegt ein Online-Seminar zum Thema. Nichts davon ist an sich verkehrt, aber höchst selten ändert sich dadurch etwas, denn meistens arbeitest du dabei an Techniken und nicht an deiner Haltung oder den Erwartungen. Könnte es sein, dass der Schlüssel nicht darin liegt, mehr zu beten, sondern völlig anders?
Entdecke eine neue Qualität
Worum dreht es sich denn im christlichen Alltag bei den meisten Gebeten? Um einen Parkplatz auf dem Weg in die Stadt. Um eine neue Stelle, die besser bezahlt ist als die jetzige. Darum, dass du deine Prüfung bestanden hast. Und natürlich auch darum, dass Menschen zum Glauben finden oder gesund werden. Die meisten dieser Anliegen kommen bei den Gebeten der Bibel nicht vor – und das liegt nicht nur daran, dass Paulus noch kein Auto hatte. Kann es sein, dass Gottes leise Antwort auf sehr viele solcher Bitten ist: «Fahr einfach rechtzeitig los. Lerne vor deiner Prüfung. Benutze deinen Verstand, dafür habe ich ihn dir gegeben…»?
Gebet kann tatsächlich die klare Antwort auf eine konkrete Frage liefern, aber eigentlich ist Gebet viel mehr. Es ist kein Frage-und-Antwort-Spiel, sondern das Stillwerden vor Gott, das innere Erwachen in seiner Gegenwart, das Zusammensein mit einem Freund. Christof Lenzen schreibt in seinem Buch «Gesund beten statt gesundbeten»:
«Gebet kann Dialog sein. Ab und zu. Immer wieder mal. Das sind kostbare Momente. Die sich entziehen, wenn wir daraus eine Methode oder Systematik machen wollen.»
Für ihn und viele andere verlässt das Gebet jedoch die Verfügbarkeit des «Ich rede und Gott antwortet». Wenn du das (vielleicht sogar schmerzlich) erlebst, dann kann sich mittendrin eine neue Tür öffnen:
«Wir betreten den Raum des Geheimnisses Gottes, wo wir ihn nicht im Griff haben oder logisch erklären können.»
Das mag sich unkonkret anhören, aber es sprengt den Rahmen des Automatischen und schafft Raum für gelebte Liebe – mit oder ohne Worte.





