Bekenntnisfreiheit – Kann man ohne Bekenntnis glauben?

Was einige Christen in jedem Gottesdienst rezitieren, lehnen andere völlig ab: Glaubensbekenntnisse. Warum wollen manche Gläubige lieber ohne solche Grundlagen glauben?
17.6.2026
4 min
Ist das Bekenntnis eine Grundlage des Glaubens?
Unsplash +, Spenser Sembrat
Ist das Bekenntnis eine Grundlage des Glaubens?

Wer Begriffe wie «bekenntnisfrei» nachschlägt, stösst dabei in erster Linie auf Schulen oder staatliche Einrichtungen, die weltanschaulich neutral sein wollen und eine religiöse Bindung deshalb ablehnen. Das klingt wie beim Einsortieren in amtlichen Formularen in EV, KATH und VD – Verschiedenes. Dabei heisst bekenntnisfrei nicht zwingend bekenntnislos. Es kann auch bedeuten, dass Christen auf ein Glaubensbekenntnis als verbindliche Grundlage verzichten.

Basisbekenntnis

Bei diesem Verzicht auf ein Glaubensbekenntnis geht es in der Regel um das Apostolische Glaubensbekenntnis oder vergleichbare Grundsatztexte einzelner Konfessionen. Darüber hinaus existieren noch viele andere Bekenntnistexte, bekanntere und unbekanntere, ältere und neuere. Zu den verbreitetsten gehören das Nicäno-Konstantinopolitanum aus dem Jahr 325 n. Chr. und die Barmer Theologische Erklärung aus der Zeit des Dritten Reichs.

Wenn gläubige Menschen sich als bekenntnisfrei bezeichnen, dann betrachten sie solche Texte als nicht sinnvoll, um ihren Glauben zu definieren. Das hat nichts damit zu tun, dass sie sich nicht zu Christus bekennen würden. Der Jünger Thomas hatte kein ausformuliertes Bekenntnis im Kopf, als er nach der Auferstehung zu Jesus sagte: «Mein Herr und mein Gott!» und Paulus verknüpft im ersten Korintherbrief Glauben und Bekennen ohne liturgischen Text eng miteinander, wenn er sagt: «Keiner kann bekennen: ›Jesus ist der Herr!‹, wenn er nicht den Heiligen Geist hat.» Dieses persönliche Farbe-Bekennen ist mit Bekenntnisfreiheit nicht gemeint.

Kirchen ohne Bekenntnis

Im Laufe der Zeit haben sich allerdings Gruppierungen und Denominationen innerhalb der Kirchen herausgebildet, die weitgehend auf Bekenntnistexte verzichten. Eine prominente Gruppe dabei sind die evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz, für die der Verzicht eine Folge ihrer liberalen Haltung war. Auch die Quäker lehnen ein Credo ab, auf das man sich festlegen müsste, um zu ihnen zu gehören. «Wir urteilen daher lieber von den Menschen nach ihren Früchten», heisst es in ihren Schriften. Die Baptisten haben zahlreiche Bekenntnisse, allerdings legen sie sich dabei nicht auf ein bestimmtes fest. Sie betonen zwar die Bibel und aus ihr abgeleitete Prinzipien, doch das Anwenden überlassen sie weitgehend den einzelnen Gemeinden.

Gründe für Bekenntnisfreiheit

Manche Kirchen und Gemeinden lehnen ein verbindliches Bekenntnis ab, weil sie es als nicht zeitgemäss kritisieren. Im Apostolikumsstreit um 1870 in der Schweiz hielten etliche reformierte Pfarrer fest, dass sie an (alte) Inhalte wie die Jungfrauengeburt oder die sogenannte Höllenfahrt Jesu nicht mehr glauben könnten. Dazu kommt, dass jedes Credo nur eine Reaktion auf sein spezielles Umfeld ist. Deshalb ist in alten Bekenntnissen viel von Christus und seinem Gott- und Menschsein die Rede, aber sie sagen fast nichts über die Kirche oder den Heiligen Geist aus.

Andere lehnen normative Bekenntnisse ab, die menschlich formuliert wurden. Sie betonen vielmehr, dass es «kein Bekenntnis ausser der Bibel» geben sollte – «Sola Scriptura», wie es die Reformation forderte. Ausserdem steht für viele ein festes Bekenntnis im Gegensatz zum Priestertum aller Gläubigen und dem Gedanken, dass jeder seinem eigenen Gewissen verpflichtet ist.

Oft geht es auch darum, dass Gemeinschaften ihren Glauben hauptsächlich in der praktischen Lebensumsetzung sehen und nicht in der intellektuellen Zustimmung zu Dogmen. Bekenntnisse werden oft auch dazu gebraucht/missbraucht, «richtigen» von «falschem» Glauben zu unterscheiden. Gemeinschaften, die eher Freiheit und Offenheit betonen, verzichten deshalb darauf, um keine Mauern zwischen Christen aufzubauen.

Wichtig bei der Frage nach einem verbindlichen Bekenntnis ist es festzuhalten, dass ein Verzicht nicht unbedingt eine Ablehnung der Inhalte bedeutet, sondern eher eine Ablehnung der verbindlichen Form als Voraussetzung dafür, zu einer Gemeinschaft gehören zu können.

Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Er ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und drei Enkel. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich. Ehrenamtlich arbeitet er in der humanitären Hilfe mit, ausserdem begeistert er sich fürs Radfahren, Lesen und Kunst.

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