Diesen Sommer kann ich mich nicht gerade rühmen, eine grosse Tomatenernte einzufahren. Meine zwölf Töpfe auf der regengeschützten Terrasse wurden zwar sorgfältig mit selbstgezogenen Tomaten bestückt. Mit seltenen Sorten, die erhaltenswert scheinen. Sie versprachen mehr Geschmack als diese Einheitszüchtungen aus dem Gartencenter, die Jahr für Jahr zu Preisen angeboten werden, die mich leer schlucken lassen. Und mich dazu bringen, dass ich Ende Februar jeweils doch wieder zum Regal mit den Gemüsesamen pilgere und mich dort mit den ebenfalls sündhaft teuren Spezialsamen eindecke.
Irgendwie ein Dilemma, besonders seitdem aus diesen Tütchen nur noch knappe zehn Samen purzeln. Danach wird ausgesät, gehegt und gepflegt, eingetopft und mit reichlich Hühnerkompost gedüngt. Und nun: riesige Tomatenpflanzen, jedoch viel Kraut und wenig Frucht. Die Kompostbeschaffenheit ist über die Jahre einseitig geworden. Der zu dominante Hühnermist unseres lieben Federviehs ist der Fruchtbildung heuer wenig zuträglich. Wichtige Mineralstoffe fehlen scheinbar, andere Nährstoffe wurden zu wenig ergänzt.
Tomaten und geistliches Wachstum
Für mich sind meine diesjährigen Tomaten auch ein Bild für stockendes geistliches Wachstum. Einseitige Nährstoffversorgung kann auch bei uns ein scheinbar starkes Wachstum ins Kraut schiessen lassen. Äusserliche Formen des Glaubens wie ein besonders sittsames Auftreten, das nach Gesetzlichkeit riecht, oder ein betont lässiges Gehabe mit allerlei machtvoll scheinendem prophetischen Beigemüse, das übertrieben und unecht wirkt, malen eine imposante Fassade.
Die lauthals im Chor des Zeitgeistes mitsingenden Abreissbirnen des progressiven Christentums, das bis zur Selbstsäkularisierung an den Fundamenten des Glaubens rüttelt, reisst vermeintlich beide Sorten Fassade ein und stellt sich als die neue Erleuchtung dar. Doch nährt das auch? Gibt das Frucht? Oder zeigt sich hier eine jeweils partielle Verarmung des Glaubenslebens? Im Fall der progressiven Abreissbirne nach getaner Arbeit nicht sogar bloss wüste, leere Abbruchruinen?
Tägliches «Essen» aus seinem Wort für gesunden Boden
Wir Christusnachfolgerinnen und -nachfolger brauchen eine ausgewogene Nährstoffzufuhr, die gesundes Wachstum schenkt. Eine Nährstoffzufuhr, die Frucht bildet. An unserer Liebe, unserer Freude, unserem Frieden, unserer Geduld, unserer Freundlichkeit, unserer Güte, unserer Treue, unserer Sanftmut, unserer Selbstbeherrschung wird ein Christenleben erkannt, das Frucht bringt. Das ist die Frucht des Geistes (Galater Kapitel 5, Verse 22 bis 23). Dies ist ein Glaube, der andere sättigt.
Der tägliche Blick auf Jesus, das tägliche «Essen» aus seinem Wort fördert den gehaltvollen Boden. Dass ich täglich bei ihm mein Herz ausschütte und ihm meine unruhigen Gedanken, meine Sorgen, meine Bedürftigkeit, meinen Ärger ausbreite und bei ihm verharre, bis ich wieder genug Kraft zum Weitergehen habe. Dass ich ihn nicht nur bitte, sondern auch lobe und ehre. Dass ich gesunden Boden suche.
Kraftvolles Christsein – aber wie?
Was heisst das? Exotische Lehren sind attraktiv, besonders wenn mein Glaubensleben langweilig scheint, meine Gebete scheinbar nicht erhört werden. Wenn andere scheinbar zu wenig geistlich sind, zu wenig radikal in dieser oder jener Hinsicht. Doch gerade ungesunde Radikalität bringt uns von dem weg, was uns eigentlich hält, entwurzelt uns, statt uns zu festigen (radix, lat. = die Wurzel). Sonderlehren gefährden unser geistliches Wachstum, unsere geistliche Gesundheit. Auch die Fokussierung auf Äusserlichkeiten, unseren Körper, unsere Wirkung, unser Hab und Gut lassen uns fruchtleer um uns selber drehen. Wenn ich wie mit meinen Tomaten meine, dass mein eigener Kompost genügt, ich da nichts ergänzen muss, dass ich alles in mir selber habe, könnte ich mich zum Preis einer fruchtarmen Ernte irren.
Unsere Gefühle sind definitiv nicht das Mass aller Dinge, unser Individualismus genügt nicht, um Christsein kraftvoll zu leben.
Unsere Verantwortung
Die Moral von der Geschicht? Es ist komplex. Und es ist gemeinschaftlich. Nur in einer ausgewogenen Nährgemeinschaft kann Frucht entstehen; Gemeinde ist ein hoffentlich nahrhafter Platz, der immer wieder um seine Gesundheit ringen muss, die richtige Nährstoffergänzung braucht. Gemeinde ist der Boden, in den wir gepflanzt sind. Doch für unser geistliches Wachstum dürfen wir nicht andere verantwortlich machen. Die regelmässigen Gewohnheiten des Bibellesens, Betens, der Gastfreundschaft und anderes sind zuerst private Angelegenheiten, zu denen uns niemand zwingt, die niemand überwacht – unsere eigene Verantwortung. Dass wir gute Bücher lesen, informativ ausgewogene gedruckte und digitale Medien konsumieren und uns nicht bloss in unserer eigenen Bubble suhlen, liegt ganz bei uns. Doch dann schenkt gesunde geistliche Gemeinschaft auf geheimnisvolle Weise einen Wachstumsschub, den wir alleine nie erleben. Gemeinde kann mühsam und anstrengend sein, doch immer ist in ihr diese besondere Gegenwart Gottes in der «Gemeinschaft der Heiligen», die transformiert. Und zu der ich meinen Beitrag geben soll. Tue ich das nicht, fehlt etwas.
Übrigens, die diesjährige Fruchtarmut lag nicht an den «Pro specie rara»-Tomatensorten. Bei unserer Tochter gedeihen diese ganz ausgezeichnet: Es wachsen schwere Rispen mit tiefroten Früchten. Hier sollte man das Bild nicht überstrapazieren. Doch es gilt für gesundes Christsein, es gilt ganz eindeutig: «Wie man einen Baum an seiner Frucht erkennt, so erkennt ihr sie an dem, was sie tun.» (Matthäus Kapitel 7, Vers 16; HFA)

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