Ohne Gottes Liebe geht nichts – Philipp Schön über Barmherzigkeit im Alltag

4.1.2020
4 min
Philipp Schön
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Philipp Schön

Gott zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst – wer das lebt, ist barmherzig. Wenn Gott uns das als höchstes Gebot gibt, dann zeigt mir das, wie gut er uns Menschen (oder zumindest mich) kennt. Denn ich brauche die Liebe Gottes, um mit mir und anderen barmherzig sein zu können. Gedanken von Philipp Schön, dem Leiter Unternehmensentwicklung bei der Stiftung Wendepunkt. Ich fahre ausnahmsweise mit dem Auto zur Arbeit, weil ich erkältet bin und garstiges Wetter ist. Auf dem Heimweg tanke ich noch schnell. Gedankenverloren gehe ich zur Zapfsäule und frage mich, ob meine Kopfschmerzen von meiner Erkältung oder dem anstrengenden Arbeitstag herkommen. Keine fünf Kilometer weiter stottert plötzlich der Motor und stirbt mitten im Kreisel ab. Während ich auf einen Parkplatz rolle, rekapituliere ich auf der Suche nach einer Erklärung die letzten Ereignisse und werde beim Tanken fündig: Ich habe Benzin statt Diesel getankt! «Wie kann dir so etwas nur passieren? Das ist dir noch nie passiert. Du Vollidiot! Das hat gerade noch gefehlt», führe ich ein ziemlich unbarmherziges Selbstgespräch. Beim Lesen der verheerenden Prognose auf der TCS-Webseite wird mir ganz schlecht. Mein Mechaniker am nächsten Morgen dagegen ist sehr entspannt. Genau wie meine Frau, die ein wenig froh ist, dass es nicht ihr passiert ist.

Es fängt bei Gott an

Mitleid ist ein Gefühl, Barmherzigkeit dagegen ist eine Haltung. Am Tag nach meinem Tank-Fiasko berührt ein Satz in unserem wöchentlichen Leitergebet mein Herz, der diese Haltung erläutert: «Nachsicht ist das verzeihende Verständnis für die Unvollkommenheit der Mitmenschen oder für die situationsbedingte Schwäche einer Person.»

Das verzeihende Verständnis meiner Frau für meine situationsbedingte Schwäche erinnert mich daran, dass ich auch mit mir selber barmherzig sein darf. Schliesslich fordert uns Jesus ja dazu auf, unseren Nächsten so zu lieben wie uns selbst. Es fängt also wie so oft bei mir an. Nein, eigentlich fängt es bei Gott an: Wie sehr ich Gottes Barmherzigkeit brauche, wird mir klar, wenn ich mir seine Heiligkeit bewusst mache. Der allmächtige Gott ist so pur, rein, sündlos, dass kein Mensch jemals in der Gegenwart Gottes bestehen kann. Mose musste beim brennenden Dornbusch seine Sandalen ausziehen, weil er auf heiligem Boden stand (2. Mose Kapitel 3, Vers 5); Usa stirbt, als er die Bundeslade berührt (2. Samuel Kapitel 6, Vers 7); allein der Hohepriester durfte einmal pro Jahr in das Allerheiligste.

Der Vorhang im Tempel ist mit Jesu Tod am Kreuz zerrissen, aber Gott ist deswegen nicht weniger heilig. Wenn ich mir meine Schuld bewusst mache, merke ich, wie sehr ich – auch nach 27 Jahren in der Nachfolge Jesu – auf das verzeihende Verständnis Gottes für meine Unvollkommenheit angewiesen bin. Und ich werde daran erinnert, wie barmherzig Gott mit mir ist.

Von mir zum Nächsten

Wenn ich mich in Gottes Barmherzigkeit kleide (Kolosser Kapitel 3, Vers 12) und mit mir selber barmherzig bin, kann ich auch meinen Nächsten lieben. Das Bewusstsein, dass Menschen unvollkommen sind und (situationsbedingte) Schwächen haben, hilft mir, geduldig zu sein, wenn meine Kinder bei der dritten Mahlzeit in Folge einen Wasserbecher unabsichtlich über den Tisch ausgiessen. Ich kann verständnisvoll sein, wenn ein Mitarbeiter einen Abgabetermin nicht einhält. Es hilft mir zu ertragen, wenn ein Klient an einem Schnuppertag im ersten Arbeitsmarkt seine Chance nicht nutzt – oder langjährige Freunde nicht zu verurteilen, die ihre Ehe wegwerfen. In der Erkenntnis meiner eigenen Unvollkommenheit kann ich Mitmenschen trotz ihres Versagens wertschätzen und meine Augen und mein Herz für die Not in meinem Umfeld öffnen.

Barmherzigkeit ist gelebte, tätige Nächstenliebe – eine Haltung, die geprägt ist von dem verzeihenden Verständnis für die Unvollkommenheit meiner Mitmenschen und von mir selbst. Sie fängt beim Tanken an und reicht bis zu den wirklich entscheidenden Lebenssituationen.

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