Ich war Jugendarbeiter und wollte jungen Menschen helfen. Ich sagte ihnen: «Rauchen und Kiffen hinterlassen Spuren. Lügen und Diebstahl können euer Leben ruinieren.» Doch ich redete gegen eine Wand.
Ihre Antwort war immer dieselbe: «Wozu? Am Schluss müssen doch alle sterben!»
Sie hatten ihre Eltern beobachtet, die trotz Reichtum und Fleiss nicht glücklich waren und sich schliesslich trennten. Sie hatten keine Hoffnung auf eine bessere Welt. Und ich? Hatte ich eine Antwort? Als jahrelanger Kirchgänger musste ich ehrlich sagen: Nein, auch mir fehlte sie.
Was glaube ich eigentlich?
Schon als Jugendlicher lag ich nachts wach und starrte in die Sterne. «Wie gross ist das Universum? Wer bin ich in dieser Unendlichkeit? Nur ein unbedeutendes Flämmchen, das kurz aufflammt und wieder erlischt? Und was bedeutet eigentlich Ewigkeit?» Ich traute mich nicht, diese Fragen mit jemandem zu teilen.
Aus dem Konfirmandenunterricht blieb mir vor allem eines hängen: Wer sich zu Jesus bekennt, kommt in den Himmel, die anderen in die Hölle.
Aber Himmel? Ewiger Gottesdienst mit endlosen Liedern und Predigten? Im Gottesdienst zählte ich oft die Latten an der Decke oder die Parkettstäbe auf dem Boden. Eine Strategie gegen die Langeweile – und das sollte in alle Ewigkeit so weitergehen?
Ich wollte nicht in die Hölle. Aber wollte ich wirklich in den Himmel? Also wählte ich den Weg des kleineren Übels.
Trotzdem engagierte ich mich in der Jugendarbeit. Gleichzeitig hoffte ich, dass mich niemand fragen würde, ob ich als vernünftiger Mensch wirklich an Noahs Arche, die einstürzenden Mauern von Jericho und die Auferstehung glauben würde. Für mich passten Glaube und Vernunft einfach nicht zusammen.
Mein Vater war Unternehmer, doch in der Kirche erzählte ich lieber wenig davon. Ich dachte: Ein guter Christ verschenkt alles, lebt bescheiden und sammelt Schätze im Himmel. Beruf und Glaube schienen für mich zwei getrennte Welten zu sein. Krankenschwester, Lehrer oder vielleicht Zimmermann – das waren in meinen Augen vielleicht die einzigen «christlichen» Berufe.
Und dann war da noch meine Vorstellung vom Ende der Welt: Eines Tages würde die Erde verbrennen und die Gläubigen in den Himmel kommen. Ehrlich gesagt wusste ich nicht einmal, ob ich das wollte. Doch wenn diese Welt ohnehin irgendwann verbrennt – warum sollte ich mich dann für sie einsetzen?
Die Wende
Bei Kursen von «Jugend mit einer Mission» hörte ich zum ersten Mal von der Erlösung der ganzen Schöpfung. Das widersprach ziemlich genau dem, was ich bisher über Gott und die Zukunft dieser Welt geglaubt hatte. Also kam mir ein einfacher Gedanke: Ich sollte selbst nachschauen, was die Bibel eigentlich sagt. Ich kannte die Bibel seit 15 Jahren – aber ich hatte keine Ahnung, was wirklich drinstand.
Also las ich sie von vorne bis hinten. Es wurde die wertvollste Reise meines Lebens.
Schon auf den ersten Seiten entdeckte ich etwas, das mein bisheriges Denken auf den Kopf stellte: Wir Menschen sind geschaffen, um Gottes Schöpfung zu bebauen und zu bewahren – und um Neues zu schaffen. Da geht es gar nicht nur um Kirchenaktivitäten.
Als Architekt verstand ich sehr gut, was das bedeutet. Ich mache Unsichtbares sichtbar, indem ich Ideen und Vorstellungen in eine konkrete Form bringe. So wie Gott schafft, darf auch ich schöpferisch tätig sein. Beruf und Berufung gehören zusammen!
Und dann entdeckte ich noch etwas: Die Menschen hatten sich von Gott abgewandt. Aber Gott gab seine Schöpfung nicht auf. Er rettete die Menschen. Nach der Sintflut versprach er, nie wieder alles Leben auf diese Weise zu vernichten. Er gab Israel Gesetze, damit eine gerechte und funktionierende Gesellschaft entstehen konnte – keine Anleitung zur Flucht in den Himmel. Auch die Propheten sprachen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, und zwar im Sinne von erneuert, reingewaschen und wiederhergestellt.
Jesus verkündete nicht einfach den «Himmel», sondern das «Reich Gottes». Er selbst stand leiblich auf – mit Fleisch und Knochen – zur Erlösung der ganzen Schöpfung. Am Ende kommt die neue Stadt vom Himmel auf die Erde.
Plötzlich ergab vieles Sinn: Nicht die Erde wird aufgegeben. Gott macht sie neu. Sie wird durchs Gericht gereinigt, wie zu Noahs Zeiten.
Diese Hoffnung hat schon viele Menschen motiviert, an etwas zu bauen, dessen Vollendung sie selbst nicht mehr erleben würden. Die Erbauer grosser Kathedralen beispielsweise arbeiteten über Generationen hinweg an ihren Werken. Sie glaubten, dass ihre Arbeit Bestand haben würde und dass sie nach der Auferstehung sehen könnten, wie sie vollendet wird.
Auch der Theologe Johannes Calvin, die Reformatoren und die Gründer Amerikas waren von der Vorstellung geprägt, am Aufbau einer besseren Welt mitzuwirken – im Blick auf Gottes kommende neue Schöpfung.
Alles sieht auf einmal anders aus
Und dann passierte etwas, womit ich nie gerechnet hätte: Ich bekam Hoffnung. Hoffnung für diese Welt, für meine Arbeit – für alles, was ich tue.
Früher dachte ich: Diese Welt wird irgendwann sowieso untergehen. Also warte ich einfach auf den Himmel. Heute sehe ich es anders. Ich darf schon heute daran mitwirken, dass sich das einbrechende Reich Gottes mehr und mehr ausbreitet.
Erinnerst du dich an das Gebet von Jesus?

«Dein Reich komme, wie im Himmel so auf Erden.»
Matthäus 6,10
LUT
Ich hatte diese Worte hundertmal gebetet, ohne wirklich zu verstehen, was sie bedeuten. Heute lese ich darin eine Bitte darum, dass Gottes Wille und seine Gegenwart in unserer Welt sichtbar werden. Der Himmel soll die Erde berühren.
Genau davon liessen sich auch die Reformatoren inspirieren. Glaube sollte nicht nur in der Kirche stattfinden, sie brachten den Himmel auf die Erde, in ihre Arbeit, in ihre Stadt und die Gesellschaft.
Und auch ich kann meinen Teil dazu beitragen. Ich kann Heilung und Hoffnung in die verschiedenen Bereiche meines Lebens bringen. Natürlich weiss ich, dass diese Welt nicht perfekt ist. Und ich weiss auch, dass sie das nie ganz sein wird. Aber genau deshalb bin ich hier: um Schritt für Schritt einen Unterschied zu machen.
Die Kathedralenbauer wussten, dass sie ihr Werk niemals selbst vollenden würden. Trotzdem bauten sie weiter, weil sie daran glaubten, dass ihre Arbeit Bestand hat. Vielleicht werde auch ich manche Ziele nicht erreichen. Aber vielleicht die nächste Generation.
Nichts von dem, was wir heute aus Liebe zu Gott und zu den Menschen tun, ist umsonst.
Diese Reise hat mein Leben komplett verändert. Ich war ein Skeptiker, der im Gottesdienst Bänke zählte und hoffte, dass ihn niemand mit schwierigen Fragen konfrontierte. Heute bin ich überzeugt: Der christliche Glaube ist wahr und ist die einzige Hoffnung für diese Welt.
Diese Hoffnung hat mich dazu gebracht, ein Buch zu schreiben. Ausgerechnet ich – jemand, der sich selbst für sprachlich und schriftstellerisch völlig unbegabt hielt. Es heisst «Gott und Welt berühren sich». Unglaublich, was alles möglich ist, wenn man Gott wirklich kennenlernt.


