Im Neuen Testament, dem zweiten Teil der Bibel, ist oft die Rede vom Reich Gottes oder dem Himmelreich. Das griechische Wort basileia meint dabei die Königsherrschaft Gottes. Das Wort wird selbstverständlich gebraucht und fast jede Kinderbibel enthält das entsprechende Bild von Gott selbst auf einem goldenen Thron – manchmal ist dieser auch leer dargestellt, weil man Gott nicht zeigen will. Doch spannenderweise ist der Begriff von Beginn an vieldeutig. Jesus selbst erweitert ihn ständig und zeigt damit, dass Gottes Reich wesentlich mehr beinhaltet als meine oder deine Vorstellung von Gottesherrschaft.
«Dein Reich komme!»
Im Vaterunser, dem prominentesten Gebet der Christenheit, beten wir regelmässig «Dein Reich komme!», weil Jesus selbst seinen Freunden mit diesen Worten das Beten erklärte. Geht es dabei um etwas Zukünftiges oder Gegenwärtiges? Offensichtlich war Gottes Herrschaft noch nicht für alle sichtbar, als Jesus diese Bitte in der Bergpredigt formulierte. Doch kurz vorher unterstrich er bereits: «Kehrt um zu Gott! Denn Gottes himmlisches Reich ist nahe (oder: da).» (HFA)
In seinem Buch «Herausforderung Bergpredigt» sagt Wilhelm Faix: «Für das Reich Gottes zu beten bedeutet darum, für alles zu beten, was zu diesem Reich gehört: die Verkündigung des Evangeliums, dass Menschen zum Glauben kommen, die Neugestaltung des menschlichen Miteinanders, um Krankenheilung, für Dämonenaustreibung, soziale Gerechtigkeit, Frieden, Erhaltung der Schöpfung und anderes mehr.» Gottes Reich ist nicht vollständig verwirklicht, aber es breitet sich in allen Lebensbereichen aus, und wer Christus nachfolgt, ist praktisch daran beteiligt.
Gottes Anderswelt
Wenn er im heutigen Kontext von Gottes Reich sprechen soll, benutzt der Theologe Kai S. Scheunemann gern den Ausdruck «Gottes Anderswelt». Die Kelten hatten diesen Begriff geprägt, sie rechneten mit einer parallelen Welt, die mitten im Hier und Jetzt und doch unsichtbar war. Gleichzeitig hatte sie grossen Einfluss auf das Leben der Menschen. Keltische Christen übernahmen dieses Bild und unterstrichen damit eine Erklärung, die Jesus selbst den Pharisäern gab: «Gottes Reich kann man nicht sehen wie ein irdisches Reich. Niemand wird sagen können: 'Hier ist es!' oder 'Dort ist es!' Denn Gottes Reich ist schon jetzt da – mitten unter euch.» (Lukas, Kapitel 17, Vers 20-21; HFA)
Die angebrochene Zeit Gottes
Ein Königreich war für die Menschen der Antike das Normale. Heute haben wir zwar in Europa noch sieben Königshäuser – von Spanien bis Norwegen –, aber diese zeigen nichts mehr von ihrer früheren Macht. Evelyne Baumberger nimmt daher auf dem Portal reflab.ch den Gedanken des Theologen Gerhard Ebeling auf, der das Reich Gottes mit «Zeit Gottes» übersetzt, denn: «Es geht nicht um ein geografisches Reich oder ein politisches Konstrukt, sondern um eine besondere Zeit.» Diese ist von Gott und seinen Wünschen für die Welt geprägt und im Gegensatz zu menschlichen Vorstellungen ewig. Baumberger betont: «Gerade in politischen Zeiten, die sich wenig nach Himmel anfühlen, kann es deshalb wohltuend sein, zu beten, dass die Zeit Gottes anbricht.»
Ein Reich … wie ein Senfkorn
Es gibt allerdings nicht nur moderne Umschreibungen fürs Reich Gottes. Jesus selbst begann damit, indem er in zahlreichen Gleichnissen die theologischen Erwartungen der Menschen in ihre vertraute Lebenswelt hineinholte. Seine Bilder von Ackerbau, Haushalt und Handel beleuchteten immer wieder neue Aspekte von Gottes Reich. Als er es einmal mit einem Senfkorn verglich (z.B. in Markus, Kapitel 4, Vers 30-34), zeigte er damit seinen unscheinbaren Beginn; ein Wachsen wie Unkraut; eine Grösse, die wenig mit Dominanz zu tun hat, sondern anderen (den Vögeln) Schutz und Lebensraum bietet. Gedanken, die bis heute tragfähig und relevant sind.
Nichts allein und alles zusammen
All dies macht deutlich, dass Gottes Reich ein Begriff mit zahlreichen Bedeutungen ist. Es widersteht jedem eigenen Machtanspruch. Wer es zu schnell auf eine bestimmte Form und Ausprägung festlegen will, verliert viel von dem, was die Bibel noch darunter versteht. Wer den Begriff allerdings breit versteht, wird mit der vielschillernden Gegenwart Gottes beschenkt.



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