Wenn wir uns fragen, welche Farbe der Alltag hat, werden die meisten antworten «Grau». Hast du schon einmal jemanden sagen gehört «Gott sei Dank, es ist wieder Montag»? Die meisten haben einen Widerwillen gegen das Alltägliche und Gewöhnliche. Wir dürsten nach dem, was anders und erfrischend und amüsant ist. Unsere Helden sind aufregende Leute, und Influencer dürfen alles sein, bloss nicht alltäglich und langweilig.
Und das Christenleben?
Auch Christen können auf der ständigen Suche sein, dem grauen Alltag geistlich zu entfliehen. Wir besuchen Konferenzen, Seminare und Versammlungen, die uns Augenblicke geistlicher Hochstimmung vermitteln. Und sei es nur der nächste Sonntag, an dem wir hoffen, dass entweder die Worshipleiterin oder der Prediger uns ein paar Augenblicke schenken, die uns über die altbekannte Routine von Arbeit, Familie und Gemeinde erheben. Wir versuchen, eine überirdische Erfahrung zu erhaschen, die lang genug andauert, um uns durch die dazwischenliegenden Tage bis zum nächsten Schuss zu bringen.
Von der Kultur bestimmt
Nicht etwa, dass tiefe oder hohe geistliche Erfahrungen falsch wären! Aber es ist eine problematische Einstellung, wenn wir nur von diesen Erfahrungen erwarten, dass sie unserem Leben Bedeutung geben könnten. Diese Idee haben wir nicht durch den christlichen Glauben, sondern durch die Atmosphäre unserer Kultur aufgeschnappt. Moderne westliche Kulturen haben eine fast absolute Wertschätzung des Einmaligen, des Individuellen und Speziellen. Wer ist schon aus Überzeugung «gewöhnlich»?
Es ist auch eine Reaktion auf die spürbare Monotonie unserer Leben. Solche speziellen Erfahrungen heben uns heraus aus der Langeweile unserer Jobs und unseres Alltags: am Computer arbeiten, den Kindern hinterherrennen, abwaschen oder auf übervollen Autobahnen schleichen.
Von Routinen bestimmt
Den grössten Teil unseres Lebens verbringen wir mit Aufgaben, welche kein Ende haben: Das Haus muss abgestaubt werden, einzig, damit es wieder neu staubig werden kann. Das Geschirr muss abgewaschen werden, damit wir es von Neuem schmutzig machen können. Unser Alltag ist bestimmt von Routine-Aktivitäten wie Arbeiten, Schlafen, Essen, Waschen, Hausarbeit. Die Freizeit versuchen wir mit Dingen zu füllen, die uns einen Kick geben – aber der Alltag überwiegt. Grau eben.
Der heruntergekommene Gott
Viele geistliche Übungen und Empfehlungen versuchen, in diesen grauen Alltag etwas Besonderes reinzubringen. Ihn durch geistliche Erfahrungen aufzuwerten, die wir dazwischenstreuen. Aber wie wäre es, wenn wir das ganz Normale, Routinemässige, Alltägliche – und ja, manchmal Graue – auch als Gottes normalen Offenbarungsort sehen würden? Wenn das Triviale, Gewöhnliche, die vielen sich wiederholenden Aufgaben von zweifelhaftem «Ewigkeitswert» genauso geistlich sind wie die besonderen Erlebnisse und Übungen?
Gott kam in normaler Gestalt zu uns, als er Mensch wurde. Klar, er tat Wunder, und die Evangelien enthalten viel Spektakuläres. Aber Jesus, der menschgewordene Gott, verhielt sich meist nicht speziell anders oder «heilig»; er lebte im Muster und den Routinen des Alltags. Er machte sich selbst eher zum Freund der alltäglichen Leute, Ausgestossene und Menschen am Rande der Gesellschaft inbegriffen, anstatt zum Freund der geistlichen Athleten. Die Leute nannten ihn Fresser und Säufer (Lukas Kapitel 7, Verse 31 bis 35), weil ihm die menschliche Routine vom Essen und Trinken so Spass machte. Und er brachte seine Botschaft nicht den Hochstehenden und Mächtigen, sondern den Armen (was in der Gesellschaft so viel bedeutet wie «den Gewöhnlichen»).
Die ersten christlichen Gemeinden bestanden fast ausschliesslich aus gewöhnlichen Menschen. Es gab keine Mönche, wenig christliche Vollzeiter (Paulus scheint sogar auf die Tatsache stolz gewesen zu sein, dass er meist selbst für seinen Unterhalt sorgte), und fast niemand konnte sich den Luxus leisten, speziellen geistlichen Erlebnissen nachzujagen. Leute, die nach Spektakulärem dürsteten, landeten meist in den geistlich aufregenden Mysterienkulten und nicht in den «langweiligen», nüchternen Gemeinden. Die Mysterienkulte boten fremdartige und geheime Rituale an, wohingegen die Gemeinden sich auf die prosaischste aller möglichen Arten versammelten, nämlich um eine gewöhnliche Mahlzeit herum.
Frucht und Treue
Die Frucht unseres Lebens besteht nicht in der möglichst grossen Anhäufung von besonderen geistlichen Erlebnissen, sondern in dem, was im Alltag wächst: Liebe, Friede, Freude, Geduld (!) und so weiter. 24/7 mit Gott. Und Jesus beurteilt unser Leben nicht nach spirituellen Spitzenleistungen, sondern nach Alltagshandlungen: Jemandem zu essen geben, der hungrig ist. Jemanden besuchen, der krank ist. Einem Fremden gegenüber gastfreundlich sein. Das bildet die Grundlage seines Urteils (Matthäus Kapitel 25, Verse 32 bis 46). Die Banalität dieser Worte überrascht, aber Jesus macht klar, dass Gott den alltäglichen, unbedeutenden und oft sogenannten «ungeistlichen» Aufgaben des täglichen Lebens grundlegende Bedeutung zumisst.
Es ist für die Nachfolger von Jesus eine grosse Herausforderung, eine gesunde Spiritualität des Alltags zu entwickeln: das Alltägliche wertzuschätzen, Gott auch in der Routine treu zu sein, ihn im Langweiligen zu preisen und Jesus immer wieder im Gewöhnlichsten zu sehen. Schliesslich ist er bei uns ALLe TAGe bis ans Ende der Welt.





