Das drohende Gericht – Wenn Bibellesen überfordert

28.4.2022
4 min
Frau liest in der Bibel
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Frau liest in der Bibel

Schwert, Pest, Hunger und zentimetergenaue Baupläne: Oftmals kann das Bibellesen einen überfordern. Gedanken dazu und hilfreiche Tipps von Matthias Wenk der BewegungPlus.

Nein! Nicht schon wieder! Nach 74 Kapiteln Gerichtsandrohungen, die dem Volk Gottes entweder den Tod durch das Schwert, die Pest oder den Hunger vorhersagen, ist zumindest bei mir die Botschaft angekommen: Ja, ich hab's gehört! Können wir nun ausnahmsweise mal über etwas anderes reden? Die einzige Abwechslung im ganzen Gemetzel besteht nämlich nur darin, dass auch die umliegenden Nationen von Israel und Juda den Zorn Gottes abbekommen. Aber so wirklich ermutigend finde ich das auch nicht.

Ich bin ein begeisterter Bibelleser und versuche, auch andere für diese Lektüre zu gewinnen, aber 74 Kapitel Gerichtsandrohungen nagen an meiner Begeisterung. Zudem weiss ich schon, dass Hesekiel ab Kapitel 40 den neuen Tempel beschreibt, und zwar auf den Zentimeter genau, was ich so genau doch gar nicht wissen will. Denn ich habe ganz andere Sorgen.

Gott konfrontiert die Menschen

Nach der heutigen Bibellektüre frage ich mich, woher bloss all die Wohlfühl-Bibelverse kommen, die in den sozialen Medien herumgereicht werden oder bei Senioren die Kalenderbilder zieren. Mein «Bibelvers des Tages» lautete einmal mehr: «Du Mensch, kündige den Menschen von Israel mein Strafgericht an... Das Schwert kommt über euch ... zum Schlachten hat man es gewetzt» (Hesekiel, Kapitel 21, Vers 14). Ich finde das gruslig, und sehr viel Orientierung für den heutigen Tag gibt mir das nicht.

Doch mitten im Gerichtsgemetzel erinnere ich mich an mein Studium: Im Zusammenhang mit den Gerichtsankündigungen der Propheten geht es nämlich nicht nur darum, dass die Zuhörer sich noch ändern sollen, um dadurch das Gericht abzuwenden. Vielmehr konfrontierte Gott die Menschen mit den Folgen ihrer Taten, die sie als Gericht «aus der Hand Gottes» annehmen sollen. Das heisst, sie stellen sich ihrer Schuld und dem, was daraus entstanden ist – wie es zweimal bei David geschah. Er stellte sich seiner Sünde und den daraus entstandenen Folgen, was ihm hoch angerechnet wird. Im Gegensatz dazu stehen die Geschichten am Anfang der Bibel, wo sich alle, angefangen bei Adam, nie ihren Verfehlungen stellten, sondern ihr Verhalten bloss herunterzuspielen versuchten. Dadurch aber wurde alles stets noch schlimmer.

Unsere Schuld holt uns ein

Aus diesem Blickwinkel hilft der Prophet den Menschen, die Folgen ihrer Taten als aus der Hand Gottes anzunehmen und sich so der eigenen Verantwortung zu stellen. Natürlich ist nicht alles Negative, das wir erleben, eine Konsequenz unseres Verhaltens. Das wusste schon Hiob. Es gibt viel Unerklärliches Leid. Zudem haben Menschen manchmal unter den Folgen der Sünde anderer zu leiden. Doch es gibt sie, die leidvollen Folgen unseres Verhaltens. Das ist dann keine «Strafe von aussen», sondern die logische Konsequenz unserer Taten. Unsere Schuld holt uns immer wieder ein.

Es klingt zwar eigenartig, diese negativen Konsequenzen «aus der Hand Gottes» anzunehmen, aber es ist durchaus heilsam: Ich muss die Folgen meiner Schuld – das Gericht – nicht losgelöst von Gott erleben. Denn in der Bibel besteht die Folge der Sünde oft darin, sich selbst überlassen zu bleiben und das zu erhalten, was man gewählt hat. Etwas ohne Gott durchleben zu müssen, ist aber schrecklich, deshalb hilft der Prophet dem Volk zu realisieren, dass es, wenn es zu seiner Schuld steht und bereit ist, die Konsequenzen des eigenen Verhaltens als von Gott anzunehmen, gerade nicht allein und sich selbst überlassen ist, sondern so sogar das Gericht «mit Gott» erlebt. So gesehen ist das Gericht nicht die totale Gottlosigkeit, sondern gerade die bleibt uns so erspart: Mit dieser Haltung müssen wir das Gericht – als Konfrontation mit den Folgen unserer Schuld – nicht losgelöst von Gott erleben.

So ganz nebenbei merke ich, wie dieser Ansatz auch meine Eigenverantwortung fördert: Ich stehe zu meiner Schuld und meinem Versagen und übernehme Verantwortung dafür, indem ich die Konsequenzen davon akzeptiere. Allein schon das macht es auch für meine Mitmenschen ein wenig einfacher mit mir.

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