Zwei Menschen sitzen mir gegenüber – nicht am selben Tag, aber in einer ähnlichen Situation. Beide haben ihre Stelle verloren, beide sind etwa gleich alt und gut qualifiziert. Der eine sagt: «Ich habe versagt. Im Grunde habe ich es immer gewusst – irgendwann fliege ich auf. Ich bin unfähig.» Die andere sagt: «Es tut weh, und ich habe Angst. Aber ich will herausfinden, was jetzt dran ist.»
Der äussere Umstand ist fast derselbe. Das Erleben ist es nicht.
Welche Rolle spielt unsere Sichtweise darauf, wie es uns mit einer Situation geht? Die moderne Mindset- und Resilienzforschung bestätigt einen Befund, der mich fasziniert: Was wir über eine Sache glauben, verändert, was die Sache mit uns macht.

Mehr als alles andere behüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.
Sprichwörter
Kapitel 4, Vers 23 (SLT)
Im Deutschen hat das Wort «Glaube» zwei Lesarten – und genau darin liegt für mich die Spannung dieses Themas. Glaube heisst: was ich für wahr halte über mich, über andere und über das Leben. Und Glaube kann auch heissen: mein Vertrauen auf Gott. Dieser Text richtet sich deshalb an Menschen, denen der christliche Glaube vertraut ist – und ebenso an jene, die damit wenig oder nichts anfangen können. Denn Überzeugungen haben wir alle.
Was ich über mich selbst glaube
Als Schematherapeut fasziniert mich seit Jahren die Frage, wie unsere tief verankerten Überzeugungen entstehen und was sie mit uns machen.1 Wenn wir früh erlebt haben, nicht gehört oder gesehen zu werden, fühlen wir uns manchmal noch als Erwachsene abgelehnt oder ausgeschlossen – auch dort, wo uns niemand ablehnt. In der Schematherapie sprechen wir von Schemata: Mustern, die unser Denken, Fühlen, Erleben und Handeln prägen. Solche Kernüberzeugungen legen uns unsere Alltagserfahrungen aus, oft mit einer negativen Färbung. Der Kollege grüsst im Flur nicht – und schon ist ein Gedanke da: «Er mag mich nicht.»
Zum Selbstbild gehört auch, was ich über meine Lernfähigkeit glaube. Die Growth-Mindset-Forschung stellt dazu eine einfache Frage: Gehe ich davon aus, dass ich lernen und wachsen kann – auch aus Fehlern? Oder glaube ich, ein weitgehend festes Mass an Begabung mitbekommen zu haben, und fürchte insgeheim, dass irgendwann meine Grenzen sichtbar werden?2
Auch die Resilienzforschung weist in eine ähnliche Richtung. Nach der «Positive Appraisal Style Theory of Resilience» (PASTOR) hängt psychische Widerstandsfähigkeit vor allem davon ab, wie wir eine belastende Situation bewerten. Entscheidend ist dabei nicht Schönreden, sondern das Ausbleiben unnötig düsterer Bewertungen: Wer eine Belastung realistisch – oder allenfalls eine Spur positiver, als sie ist – einschätzt und sich zutraut, damit umzugehen, gilt als psychisch stabiler.3 Dass ein Resilienzmodell ausgerechnet PASTOR heisst, ist eine schöne sprachliche Fügung.
Und schliesslich ist auch relevant, was ich über Stress glaube. Erst Ende 2024 bin ich intensiver auf das Thema Stress-Mindset gestossen. Von Kelly McGonigal, Alia Crum, Shawn Achor und anderen habe ich gelernt: Stress ist komplex – doch die Art, wie wir ihn bewerten, beeinflusst, wie wir ihn erleben und wie unser Körper reagiert, bis hinein in Hormonhaushalt und Blutdruck. Ich habe gelernt, Stress als Hinweis zu lesen: Hier steht etwas auf dem Spiel, das mir wichtig ist. Stress kann Energie mobilisieren und den Fokus schärfen. Manchmal sagt er aber auch etwas ganz anderes – dass es zu viel geworden ist. Beide Male lohnt sich das Hinhören, nur mit unterschiedlicher Konsequenz. Diese Sicht hilft mir, Herausforderungen weniger auszuweichen – und nicht einem Ideal nachzujagen, nach dem das Leben möglichst entspannt und leidfrei sein müsste.4
Was ich über Menschen glaube
Auch bei unseren Grundannahmen über den Menschen bleibt es spannend – und oft merken wir gar nicht, welche Annahmen wir mitbringen.
Der Managementforscher Douglas McGregor hat zwei gegensätzliche Menschenbilder beschrieben. Vereinfacht gesagt geht «Theorie X» davon aus, dass Menschen eher kontrolliert und von aussen motiviert werden müssen. «Theorie Y» traut ihnen dagegen zu, Verantwortung zu übernehmen, zu lernen und sich aus eigener Motivation für sinnvolle Ziele einzusetzen, wenn sie dafür Vertrauen und Spielraum erhalten.5
Der Theologe Volker Kessler hat diese Menschenbilder mit verschiedenen theologischen Traditionen verglichen.6 Mich hat daran vor allem eines nachdenklich gemacht: Traditionen, die sich teilweise auf dieselben biblischen Texte beziehen, sehen den Menschen erstaunlich unterschiedlich – von eher skeptisch bis deutlich positiv. Unser Menschenbild ist also nicht einfach «biblisch» oder «unbiblisch». Es hängt auch davon ab, mit welcher Brille wir lesen und welche Tradition uns geprägt hat.
Auch in der Bibel finden sich unterschiedliche Facetten: Der Mensch ist im Bild Gottes geschaffen (1. Mose Kapitel 1, Vers 27) – und zugleich begrenzt, verletzlich und fehlbar. Ein tragfähiges Menschenbild muss deshalb weder naiv optimistisch noch grundsätzlich pessimistisch sein. Es macht aber einen Unterschied, ob ich meinem Kind, einer Mitarbeiterin, einem Patienten oder mir selbst vor allem mit Misstrauen oder mit Zutrauen begegne.
Was ich über Gott glaube
Auch unser Gottesbild ist geprägt – von Erfahrungen, von Verkündigung, von Theologie. Und wer nicht glaubt, ist von dieser Frage nicht einfach ausgenommen: Auch dann trägt man Grundannahmen in sich. Ob das Leben im Kern freundlich ist oder bedrohlich. Ob man geliebt wird, weil man ist – oder weil man leistet. Solche Bilder wirken in uns, ob wir sie religiös nennen oder nicht.
Für mich lautet deshalb eine der vielleicht folgenreichsten Fragen: Welches Bild von Gott trage ich in mir? Ein liebevolles, zugewandtes, beziehungsorientiertes, annehmendes und gnädiges? Oder eines, das vor allem von Distanz, Strafe, Ablehnung und Verurteilung geprägt ist?
Ich schreibe hier als jemand, für den Jesus zum entscheidenden Bezugspunkt geworden ist. In ihm, schreibt Paulus, wohnt die ganze Fülle Gottes leibhaftig (Kolosser Kapitel 2, Vers 9); er ist das Bild des unsichtbaren Gottes (Kolosser Kapitel 1, Vers 15).
Wenn ich wissen will, wie Gott ist, schaue ich auf Jesus.
Das ist meine Antwort, nicht die Voraussetzung dafür, hier weiterzulesen.
Denn die Konsequenzen sind nicht bloss theoretisch oder fromm. Wer etwas Grösseres – ob er es Gott nennt oder nicht – vor allem als kontrollierende Instanz erlebt, geht anders mit Fehlern, Krankheit oder Krisen um als jemand, der sich getragen weiss. Unsere Überzeugungen über uns selbst, über andere Menschen und über Gott sind mit unserem Erleben und Handeln verbunden.
Nicht schönreden
Ein Einwand ist mir wichtig: Es geht nicht um positives Denken, das schwierige Realitäten überpinselt. Leid, Krankheit, Ungerechtigkeit und belastende Umstände sind real. Und es bleibt wichtig, dass wir versuchen, ungünstige Umstände zu verändern – nicht nur unsere Sicht darauf.
Auch die Bibel ist erstaunlich unsentimental. Sie kennt Klage, Zweifel und Schmerz. Viele Psalmen beginnen mit Verzweiflung und finden dennoch zu Vertrauen.
Hoffnung bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu ignorieren. Sie bedeutet, ihnen nicht das letzte Wort zu überlassen.
Ich stelle mir selbst immer wieder grundlegende Fragen: Wovon gehe ich aus? Was glaube ich eigentlich – nicht theoretisch, sondern dort, wo es zählt? Welche Bedeutung haben für mich Fehler, Herausforderungen, Stress oder das Kreuz?
Fünf Fragen möchte ich dir mitgeben
- 1Wenn du an dich selbst denkst: Woran machst du deinen Wert fest? Und was davon könnte dir jemand nehmen?
- 2Was geht in dir vor, wenn du einen Fehler machst? Was sagst du dir dann – und woher hast du diesen Satz?
- 3Was sagt dir dein Stress? Manchmal, dass etwas auf dem Spiel steht, das dir wichtig ist – manchmal auch, dass es zu viel geworden ist. Woran erkennst du den Unterschied?
- 4Kannst du in einem Menschen – auch in dir selbst – zugleich Würde und Brüche sehen, ohne das eine gegen das andere aufzurechnen?
- 5Und wenn es Gott gibt: Was, wenn er tatsächlich so ist, wie Jesus ihn zeigt? Was würde das an deiner Antwort auf die erste Frage ändern?
Das Gute daran: Überzeugungen sind veränderbar
Wären unsere Kernüberzeugungen fest verdrahtet, wäre dieser Artikel keine besonders hoffnungsvolle Nachricht. Doch sie sind veränderbar – manchmal erstaunlich schnell, manchmal über längere Zeit.
In der Schematherapie ist genau das ein wesentlicher Teil der Arbeit. Schemata entstehen häufig aus frühen Beziehungserfahrungen – und verändern sich durch neue. Einsicht allein genügt dabei selten. Es braucht wiederholte Erfahrungen, die dem alten Muster widersprechen, bis es seine Selbstverständlichkeit verliert.
Beim «Growth Mindset» haben Carol Dweck und andere Forschende früh Hinweise darauf gefunden, wie Überzeugungen geprägt werden. Kinder, die für ihre Anstrengung gelobt wurden, gingen mit späteren Herausforderungen anders um als Kinder, die für ihre Begabung gelobt wurden: Sie waren eher bereit, Schwieriges zu versuchen und aus Fehlern zu lernen.7 Wie gross dieser Effekt im Alltag tatsächlich ist, wird bis heute diskutiert – dass Überzeugungen überhaupt formbar sind, bestreitet aber niemand.
Nicht alle Überzeugungen sitzen gleich tief. Manche lassen sich erstaunlich schnell bewegen. Alia Crum, Peter Salovey und Shawn Achor – letzterer derselbe, um dessen Buch es in einem zweiten Artikel zu diesem Thema gehen wird – schickten Mitarbeitenden eines Finanzunternehmens über eine Woche verteilt drei kurze Videos: entweder jeweils über die fördernden oder über die schädlichen Seiten von Stress. Rund neun Minuten Film insgesamt. Danach dachte die erste Gruppe deutlich anders über Stress – und berichtete zudem, wenn auch in kleinerem Ausmass, von weniger psychischen Beschwerden und besserer Arbeitsleistung.8
Menschenbild und Gottesbild verändern sich vermutlich langsamer. Und meist nicht durch Argumente, sondern durch Erfahrungen: durch jemanden, der mir mit Zutrauen begegnet, obwohl ich selbst gerade wenig davon habe. Durch eine Gemeinschaft, in der Gnade nicht nur ein Wort ist.
Dabei geht es nicht um krampfhaftes positives Denken. Ein Satz wird nicht wahr, weil ich ihn mir oft genug vorsage. Der Weg beginnt schlicht: die eigene Überzeugung wahrzunehmen, sie zu prüfen, statt ihr automatisch zu glauben, und Erfahrungen ernst zu nehmen, die ihr widersprechen. Was glaube ich eigentlich?
Und vielleicht dies:
Am Anfang steht nicht meine Anstrengung, das Richtige zu glauben. Sondern die Möglichkeit, mir etwas sagen zu lassen, das ich mir selbst nicht sagen kann.
1| Mehr über Schematherapie und Glaube in meinem Buch oder unserem Kartenset:
Hersberger, L. (2026). Heilsame Beziehungen: Wenn christlicher Glaube und Schematherapie sich ergänzen (4., leicht überarb. Aufl.). Thun: MOSAICSTONES.
Hersberger, L., & Walker, A. M. (2025). Heilsame Gebete: 55 Karten zur Stärkung von Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und innerer Versöhnung [Kartenset mit Anleitung]. Thun: MOSAICSTONES.
2| Einen kurzen Blogartikel über das Growth Mindset findest du hier.
3| Kalisch, R., Müller, M. B., & Tüscher, O. (2015). A conceptual framework for the neurobiological study of resilience. Behavioral and Brain Sciences, 38, e92. Siehe auch: Kalisch, R. (2020). Der resiliente Mensch. Berlin: Berlin Verlag.
4| Mehr über Stress:
McGonigal, K. (2013, June). How to make stress your friend [Video]. TED Conferences.
McGonigal, K. (2018). Glücksfaktor Stress: Warum Stress uns erfolgreich und gesund macht (B. Schilling, Übers.). Stuttgart: TRIAS.
Und noch mehr über ein hilfreiches Stress-Mindset in folgenden Podcasts, in denen ich selbst mitgewirkt habe: ERF und RefLab
5| Douglas McGregor entwickelte 1960 in seinem Buch The Human Side of Enterprise die Unterscheidung zwischen Theorie X und Y, zwei unterschiedliche Menschenbilder, die Führung und Organisationskultur prägen. Dabei sind die beiden Menschenbilder folgendermassen kurz typisiert:
Theorie X: Der Mensch ist von Natur aus eher arbeitsunwillig, verantwortungsscheu und muss kontrolliert sowie durch äussere Anreize (wie Belohnung oder Bestrafung) motiviert werden.
Theorie Y: Der Mensch ist grundsätzlich verantwortungsbereit, lernfähig und intrinsisch motivierbar (durch Sinn, Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit). Er braucht eher Vertrauen und Spielraum.
McGregors Unterscheidung von Theorie X und Theorie Y wird bis heute diskutiert, wenngleich sie durch neuere Erkenntnisse ergänzt wurde. Seine zentrale Beobachtung bleibt relevant: Das Menschenbild einer Führungskraft prägt wesentlich die Art der Führung und kann dadurch auch das Verhalten von Mitarbeitenden beeinflussen.
6| Kessler, Volker (2009). Ein Dialog zwischen Managementlehre und alttestamentlicher Theologie: McGregors Theorien X und Y zur Führung im Lichte alttestamentlicher Anthropologie. Dissertation (D.Th.), University of South Africa, Pretoria. Hier verfügbar.
7| Mueller, C. M., & Dweck, C. S. (1998). Praise for intelligence can undermine children’s motivation and performance. Journal of Personality and Social Psychology, 75(1), 33–52.
8| Crum, A. J., Salovey, P., & Achor, S. (2013). Rethinking stress: The role of mindsets in determining the stress response. Journal of Personality and Social Psychology, 104(4), 716–733.





