Auch Kirchen investieren primär in die Jungen, da sie – so ein verbreiteter Glaubenssatz – die Zukunft der Gemeinde darstellen. In einem solchen Umfeld will man jung sein, Leitkultur sein, zu denen gehören, welche die Zukunft gestalten und auf die man Hoffnung setzt.
Menschen im fortgeschrittenen Alter berufen sich deshalb gerne darauf, dass man so alt sei, wie man sich fühlt – und in aller Regel fühlen sie sich jung. Nun, mir haben zwei – offen gestanden zunächst mal eher schwer verdauliche – Erlebnisse dicht hintereinander die Augen für mein persönliches Altern geöffnet.
Mit dem Lebensgefühl eines Windsurfers und E-Gitarristen – beides Hobbys, die ich mit grosser Leidenschaft betreibe – altert man ja schon mal grundsätzlich nicht. Hinzu kommt, dass meine Frau und ich keine Kinder haben. Ich bin also in meinem Leben nie Vater und auch nie Grossvater geworden, zwei wichtige Meilensteine des Alterns. Ergo: Ich fühlte mich jung und dynamisch! Doch dann, ich war gerade mal 47 Jahre alt, ereigneten sich die angekündigten beiden Geschichten.
So jung, wie man sich fühlt ...
Früh morgens wartete ich mit allen anderen Umzugshelfern meines Schwagers neben dem grossen Laster darauf, dass es mit dem umfangreichen Tagewerk los geht. Es ist immer wieder ein besonderer Moment. Da treffen Menschen aus verschiedenen Kontexten desjenigen aufeinander, der umzieht. Man lernt sich vage kennen und versucht, sich gegenseitig einzuordnen. Der einzige, den ich da kannte, war mein Schwiegervater, also stellte ich mich zu ihm und wir pflegten eine lockere Konversation.
Bald stiess ein Arbeitskollege des Schwagers hinzu, blickte uns mit aufgeweckten Augen abwechselnd an, um dann mit einer erstaunlichen Bestimmtheit festzustellen: «Aha Brüder». Diese vermeintliche Erkenntnis durchfuhr meinen ganzen Körper. Alles in mir wollte laut schreien: «Sieht man denn nicht, dass der Schwiegervater alt ist und ich jung?»
Wenige Wochen später kamen meine Frau und ich nach einer längeren Autofahrt etwas aufgewühlt von einem Vorstellungsgespräch zurück. Da wir uns in dieser Gemütsverfassung nicht gleich schlafen legen wollten, gönnten wir uns in der örtlichen McDonald's-Filiale (dem Treffpunkt der Jungen 😉) einen Milchshake. Bald kamen wir lose mit einer älteren, freundlichen Dame ins Gespräch. Dieses mäandrierte durch verschiedene oberflächliche Themengebiete. Die Frau fühlte sich in unserer Gesellschaft sichtlich wohl. Und so klopfte sie mir irgendwann kollegial auf die Schulter und meinte: «Ist es nicht wunderbar, pensioniert zu sein?» Ich war geschockt, rang nach Worten und versuchte reichlich unbeholfen klarzustellen, dass ich davon noch Jahre entfernt sei.
... oder nicht?
So herausfordernd diese beiden Erlebnisse für mich waren, haben sie doch eine heilsame Auseinandersetzung mit meinem individuellen Altern ausgelöst.
Ich musste mich der Tatsache stellen, dass nicht alle mich so jung wahrnehmen, wie ich mich fühle.
Anfangs schickte ich mich eher notgedrungen in diese neue Lebensrealität. Je mehr ich mich aber mit dem Alter auseinandersetzte, desto mehr entdeckte ich, dass das Altern von Gott her so geschaffen, gewollt – und deshalb – gut ist. Mehr und mehr lernte ich zudem die Privilegien des fortgeschrittenen Lebens schätzen. Und so verbinde ich dieses nun mit Lebenserfahrung, Weisheit, Krisenresistenz, einer tiefen Zufriedenheit und dem guten Gefühl, weitestgehend bei mir angekommen zu sein.
Zumal wir heute anders alt sind als noch unsere Grosseltern. Mit meiner körperlichen Fitness – ich laufe einen Halbmarathon heute rund zehn Minuten schneller als noch mit 30 – bilde ich keine Ausnahme und auch sonst steht mir die Welt offen. Ohne auszublenden, dass sich bei manchen Menschen mit zunehmendem Lebensfortschritt auch gewisse Abnützungserscheinungen bemerkbar machen, bin ich heute gerne alt. Entsprechend trage ich mein graues Haar – oder das, was davon übriggeblieben ist – mit Stolz.

Graues Haar ist eine Krone der Ehre; es ist die Frucht eines gottesfürchtigen Lebens.
Sprüche
Kapitel 16, Vers 31
Die Bibel misst jedem Menschen in jedem Lebensabschnitt einen unschätzbaren Wert zu. So ist jeder einzelne in jedem Alter unendlich wertvoll. Ich glaube, das müssen wir gerade im Bezug aufs Alter wieder neu entdecken. Übrigens bin ich der Überzeugung, dass wir der Gesellschaft keinen Gefallen tun, wenn wir das Alter – angefangen mit unserem eigenen – schlecht reden oder gar verleugnen.
Wie sollen sie sich auf ihre Zukunft freuen, wenn wir ihnen ständig den Schrecken des ihnen bevorstehenden Lebensabschnitts unter die Nase reiben? Lasst uns fröhlich alt werden und den nachfolgenden Generationen damit die Tür zu deren Zukunft weit aufsperren. So, dass sie sich darauf freuen, irgendwann auch mal «alt genug» zu sein.
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