Guatemala hat uns zur Familie gemacht

Unsere Kinderwunschphase war schmerzhaft und dauerte lange. Die Adoption war dabei kein Plan B, sondern immer unser Wunsch. Heute sind wir Gott gegenüber einfach dankbar, wie er es in Guatemala gefügt hat.

10.8.2026
4 min
geschrieben von
Stefan Hochstrasser
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Adoption hat auch eine geistliche Dimension

Schon lange bevor ich meine Ehefrau kennenlernte, hatte ich den Wunsch, Kinder zu adoptieren. Hatte Gott mir diesen Wunsch ins Herz gelegt? Gut möglich. Heute begründe ich die Adoption als Theologe und Pfarrer gerne biblisch: Dutzende Male heisst es in der Bibel, dass wir uns um «Witwen und Waisen» kümmern sollen (z.B. 5. Mose Kapitel 24, Verse 17 bis 22; Jesaja Kapitel 1, Vers 17; Jakobus Kapitel 1, Vers 27). Auf der «Familienanzeige» unserer zweiten Adoptivtochter zitierten wir:

«Vater der Waisen, Beistand der Witwen – das ist Gott in seiner heiligen Wohnung! Den Einsamen schafft er eine Familie» (Psalm 68, Verse 6 und 7; GNB). Deswegen müssen sich nicht alle Christen um Waisen kümmern, aber die Adoption hat definitiv eine geistliche Dimension.  

Unsere sechsjährige Kinderwunschphase 

2006 lernte ich Angela kennen. Es verbanden uns erstens der gemeinsame Beruf, zweitens der Ruf zu einem Dienst im Ausland und drittens… der Wunsch, zu adoptieren. Schon bevor wir 2010 heirateten, redeten wir über unsere Idealvorstellung: zuerst leibliche Kinder und dann adoptierte. So starteten wir ein Jahr nach der Hochzeit in eine Kinderwunschphase, die sechs Jahre lang dauern sollte. 

Wir wussten von Anfang an, dass es schwierig werden könnte: schlechte Spermienqualität auf meiner Seite, Endometriose auf ihrer Seite. Und dann kamen eine Eileiterschwangerschaft sowie weitere sehr frühe Aborte dazu. Irgendwann hörten wir auf zu zählen. Und rundherum schienen praktisch alle Verwandte und Freunde Kinder zu bekommen, als wäre es das leichteste der Welt. Es war eine schwierige, schmerzvolle Zeit. 

Es half uns, genau in dieser Zeit «weit weg» zu sein, nämlich ab 2013 als theologische Lehrpersonen in Guatemala. Ironischerweise gilt Guatemala als das fruchtbarste Land der Welt in Sachen Kinderkriegen. Wenn man jemanden neu kennenlernt, fragt die Person sofort, wie viele Kinder man hat. Und gibt dann ungefragt «hilfreiche» Tipps oder bietet Gebet an, wenn man keine hat. Aber in einem fremden Kontext stresste uns das wenig.

Adoptieren in Guatemala 

Wir hatten Guatemala aufgrund des Projekts ausgewählt, nicht aufgrund der Möglichkeit zu adoptieren. Aber Gott meinte es gut mit uns: Ohne es vorher zu wissen, landeten wir in einem lateinamerikanischen Land, in dem das Adoptionssystem sicher und speditiv war. Für uns war es die grösste Herausforderung, zur permanenten Aufenthaltsbewilligung zu kommen. Diese war Voraussetzung für den nationalen Adoptionsprozess. Dafür benötigten wir mehrere Jahre. Als wir schliesslich die Adoptionspapiere eingereicht hatten, dauerte es nur noch die Zeit einer Schwangerschaft. 

Guatemala hat uns zur Familie gemacht. So sind wir heute stolze Eltern von zwei indigenen Guatemaltekinnen. 2017 und 2018 konnten wir sie je um ihren dritten Geburtstag herum in unserer Familie willkommen heissen. Da wir 2020 zurück in die Schweiz kamen, sind sie längstens ziemlich «normale» Schweizerinnen geworden. 

Unreflektierte Reaktionen 

Unsere Kinderwunschphase war mit der Adoption unserer zweiten Tochter abgeschlossen. Wir fühlen uns eigentlich als ganz normale Familie. Irritierend sind manchmal die langen Blicke, wenn wir als Familie in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Sogar ziemlich schmerzhaft sind die unreflektierten Fragen, etwa ob unsere Kinder ihre «richtigen» Eltern kennen – als ob wir die «falschen» wären, weil unsere Kinder nicht unsere Gene haben. Manchmal wurde uns in christlichen Kreisen sogar «verheissen», dass Gott uns noch ein «richtiges» Kind schenken würde, da wir uns über zwei armen Kindern erbarmt hätten – wieder: als ob sie unsere «falschen» Kinder wären. Ich muss mich immer noch aktiv darum bemühen, solche Kommentare nicht persönlich zu nehmen. 

Gott schenkt Zukunft und Hoffnung 

Apropos Verheissung: Als wir unsere erste Tochter in ihrem Kinderheim kennenlernten, sprach Gott ziemlich direkt zu mir (auch wenn ich mit einer solchen Aussage sehr vorsichtig bin). Ich stand im Essraum und sah den etwa 20 Kindern beim Nachtessen zu. Jedes Kind hatte eine eigene tragische Geschichte des Verlassenwerdens oder des Missbrauchs. In diesem Moment erinnerte ich mich an den Bibelvers, welcher sich dieses Kinderheim auf die Fahne schrieb:

«Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.» (Jeremia Kapitel 29, Vers 11; LUT)

Mir kamen die Tränen. Ja, es gibt Zukunft und Hoffnung für diese Kinder, auch für meine Kinder. Gott sei Dank. 

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