Im Alter von 31 Jahren habe ich Tiziano kennengelernt. Bis dahin hatte die Partnersuche für mich deutlich mehr Raum eingenommen als der Kinderwunsch. Während der Ehevorbereitung sprachen wir über unsere «Idealvorstellungen». Für uns war klar: Kinder gehören für uns auf jeden Fall zum Plan.
Da wir beide aus medizinischer Sicht keine «unbeschriebenen Blätter» waren, war jedoch von Anfang an klar, dass es schwierig werden könnte. Deshalb entschieden wir uns nach gut einem Jahr Ehe, verschiedene Optionen genauer anzuschauen.
Warum Adoption für uns kein Weg war
Wie viele andere Paare haben wir uns auch mit dem Thema Adoption auseinandergesetzt – ein Ratschlag, den man oft hört. Im gemeinsamen Gespräch wurde aber bald deutlich, dass wir diesen Weg für uns nicht sahen. Für mich spielten dabei auch ganz praktische Überlegungen eine Rolle. Bei einer Adoption fällt die «Vorbereitungszeit» einer Schwangerschaft in der Regel weg. Das bedeutet, dass neben einer grossen inneren Flexibilität auch ein entsprechend flexibler Arbeitgeber nötig ist. Während sich bei einer Schwangerschaft vieles schrittweise entwickelt, der Geburtstermin sich ungefähr berechnen lässt und man Zeit hat, sich auf den neuen Lebensabschnitt einzustellen, ist der Vorlauf bei einer Adoption oder auch bei einer Pflegeelternschaft kürzer.
Zudem fiel es uns schwer, uns mit den «Selektionskriterien» auseinanderzusetzen. Natürlich hätte ich mir am liebsten ein gesundes Neugeborenes aus der Schweiz gewünscht. Weil die Chancen darauf aber verschwindend klein sind, drängt sich rasch die Frage auf: Darf das Kind auch schon schulpflichtig sein oder gesundheitliche Einschränkungen haben? Die Vorstellung, anhand solcher Kriterien ein Kind auszuwählen, das unser Glück vollkommen machen sollte, fühlte sich für uns nicht richtig an.
Der Weg in die Kinderwunschklinik
Da Adoption und Pflegeelternschaft für uns nicht in Frage kamen, führte unser Weg in die Kinderwunschklinik. Bereits vor dem ersten Termin stellten wir uns eine grundlegende Frage: Wie weit möchten wir gehen, um unseren Kinderwunsch zu erfüllen?
Zum Glück waren wir uns einig: Eine Insemination, bei der die Befruchtung im Körper stattfindet, wäre für uns eine Option gewesen, eine künstliche Befruchtung im Reagenzglas hingegen kam für uns nicht in Frage. Dabei ging es für uns nicht um die Frage von «richtig» oder «falsch». Ausschlaggebend waren bei mir wiederum «praktische Bedenken». Der körperliche Stress durch die Hormonbehandlung, der psychische Stress mit vielen Terminen, die sich nach dem Zyklus richten, und die finanziellen Mittel, die notwendig wären, ohne einen sicheren Gegenwert zu haben. Das konnte ich mir nicht vorstellen.
Schon bald wurde klar, dass eine Insemination bei uns keine Erfolgsaussichten hätte und dass weitere Eingriffe nötig wären, um abzuklären, ob eine künstliche Befruchtung möglich wäre. So war im Jahr 2017 für uns klar: Unseren Traum von einer eigenen Familie müssen wir loslassen.
Als wir loslassen mussten
Diese Zeit war für mich unglaublich schwer. Ich durchlebte emotionale Tiefen, die mir als eher «Kopfmensch» bis dahin völlig fremd gewesen waren. Rückblickend war es für den Trauerprozess hilfreich, relativ rasch anhand medizinischer Fakten zu wissen, dass wir aus menschlicher Sicht keine Hoffnung auf eigene Kinder haben brauchen. Trotzdem war es sehr hart und auch herausfordernd.
In der Kinderwunschklinik wurden wir gefragt, ob wir sicher seien, unsere Entscheidung, keine weiteren medizinischen Schritte zu gehen, später nicht zu bereuen. Doch wie soll man eine solche Frage beantworten können? Ist es ausserdem legitim zu trauern, auch wenn man nicht alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft hat?
Diese Zeit war geprägt von Fragen, Trauer und Wut. Im Alltag funktionierte ich einfach irgendwie und habe eher überlebt als wirklich gelebt.
Aus der eigenen Not entstand eine Vision
Auf der Suche nach Unterstützung recherchierte ich im Internet nach (christlichen) Beratungsangeboten für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch – und fand nichts.
Diese Erfahrung motivierte mich schliesslich, selber ein Angebot in diesem Bereich zu lancieren. So gründeten wir im Frühling 2021 mit zwei weiteren betroffenen Paaren den Verein GLOW – «Glauben Leben ohne Wunschkind»
Heute dürfen wir andere Paare auf ihrem Weg durch den Kinderwunsch beistehen. Das gibt unserem eigenen Leiden eine Art «Sinn». Weil wir selber erlebt haben, was es bedeutet, wenn der Lebenstraum «Familie» zerplatzt, verstehen wir die Spannungen, die dadurch in einer Ehe entstehen können.
Wir kennen auch die Fragen, welche sich in diesem Zusammenhang in Bezug auf den Glauben stellen: Warum schenkt uns der Gott allen Lebens, zu dem wir eine persönliche Beziehung pflegen, keine Kinder? Warum gibt er den Auftrag: «Seid fruchtbar und vermehrt euch», räumt aber die Probleme nicht aus dem Weg, die dessen Erfüllung im biologischen Sinn verhindern.
Ein Glaube, der sich verändert hat
Es gab Phasen, in denen ich neben tiefer Trauer auch Wut auf Gott empfand und starke Zweifel an ihm hatte. Der unerfüllte Kinderwunsch hat meinen Glauben definitiv erschüttert und verändert.
Mit einigen Jahren Abstand gelingt es mir – Gott sei Dank – immer besser, auch positive Seiten am Leben ohne eigene Kinder wahrzunehmen und neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Auch wenn nach wie vor schmerzhafte Momente gibt, sind diese heute weniger intensiv und stehen in einem gesunden Verhältnis zu den vielen Momenten der Dankbarkeit für ein – trotz unerfülltem Herzenswunsch – erfülltes Leben.



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