Ich liebe es, wenn wir Familientreffen veranstalten. Erst kürzlich haben wir einen herrlich heissen Sommersonntag bei meinem Bruder und seiner Familie verbracht – gemeinsam mit meinen beiden anderen Brüdern, ihren Familien und meiner Mutter. Dazu gehören jeweils ein erfrischender «Schwumm» im Aare-Kanal, Gelati und natürlich viel Gemeinschaft. Nach solchen Tagen bin ich zwar meist müde, aber rundum glücklich. Was für ein Privileg, auch mit über 40 Jahren in einer so gut funktionierenden Familie aufgehoben zu sein.
Die Lücke
Dem aufmerksamen Leser ist vielleicht aufgefallen: Mein Vater fehlt in der Aufzählung. Er konnte schon seit einiger Zeit krankheitsbedingt nicht mehr an unseren Familientreffen teilnehmen und ist im April dieses Jahres verstorben. Er hinterlässt eine Lücke. Als Familie hat er uns geprägt. Er hatte immer ein offenes Ohr für unsere Anliegen und hat in seinem Leben viele weise Entscheidungen getroffen. Nun ist er am endgültigen Ziel seiner Reise angekommen. Er fehlt mir, und ich werde ihn in liebevoller Erinnerung behalten.
Wer wird mich vermissen?
Das Zusammensein mit meiner Familie und auch der Verlust meines Vaters führen mir vor Augen: Bei meinem Mann und mir fehlt diese nächste Generation. Kein leibliches Kind wird meine Trauerfeier liebevoll gestalten. In meiner Todesanzeige wird niemand um eine «fürsorgliche Mutter» trauern.
Ich habe auch schon Todesanzeigen gesehen, die nicht von der leiblichen Verwandtschaft verfasst wurden, sondern von anderen Angehörigen oder Freunden. Mein erster Gedanke war jeweils: Wie traurig, da gibt es offenbar keine Familie, die eine Todesanzeige aufgibt. Doch wenn ich länger darüber nachdenke, wird mir bewusst: Wie schön, dass sich Menschen ausserhalb der Kernfamilie die Mühe machen, öffentlich bekanntzugeben, dass jemand gestorben ist und dass um diese Person getrauert wird. Da erfüllt nicht einfach jemand eine «familiäre Pflicht», sondern Menschen handeln aus freien Stücken.
Teil von Gottes Familie
Jesus reagierte auf den Wunsch seiner Mutter und Geschwister, die mit ihm sprechen wollten, mit einer für seine Familie sicher brüskierenden Aussage. Er zeigte auf seine Jünger und sagte:

«Das hier sind meine Mutter und meine Geschwister. Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter!»
Matthäus 12,49-50
HFA
Er definiert also Familie nicht mit Blutsverwandtschaft, sondern damit, wer Gott als Vater kennt und seinen Willen tut. Das eröffnet eine völlig neue Perspektive. Einerseits relativiert es die Bedeutung der leiblichen Familie, andererseits zeigt es ein Ideal christlicher Gemeinschaft: eine Gemeinschaft, in der man sich schätzt und füreinander sorgt, gemeinsam ein Ziel verfolgt, sich aneinander reibt und sich wieder versöhnt – und schliesslich auch um diejenigen trauert, die ihr Leben hier auf Erden beendet haben.
Von Gott zugeteilte Eltern und Kinder
Spannend ist auch der Aspekt der Fürsorge, der sich zeigt, als Jesus am Kreuz hängt. Im Johannes-Evangelium wird folgende Szene beschrieben:

«Als Jesus nun seine Mutter sah und neben ihr den Jünger, den er lieb hatte, sagte er zu ihr: ‹Er soll jetzt dein Sohn sein!› Und zu dem Jünger sagte er: ‹Sie ist jetzt deine Mutter.› Da nahm der Jünger sie zu sich in sein Haus.»
Johannes 19,26-27
HFA
Jesus sieht die emotionale und «wirtschaftliche» Not, die sein Tod für sein nahes Umfeld bedeuten wird. Deshalb gibt er klare Anweisungen: Sein enger Vertrauter, wahrscheinlich Johannes, soll sich um seine Mutter kümmern und seine Mutter ihn wie einen Sohn lieben.
Vielleicht hat Gott auch für dich und mich irgendwo einen Auftrag – ausserhalb der leiblichen Familie, als Sohn oder Tochter oder eben als Vater oder Mutter für jemanden aus einer anderen Generation da zu sein?
Diese Perspektive ermutigt mich, trotz des Schmerzes über meine Kinderlosigkeit hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Ich freue mich, Menschen aus einer jüngeren Generation liebevoll begleiten, trösten und ermutigen zu dürfen. Und ich hoffe darauf, dass Gott auch Menschen aus einer jüngeren Generation dazu berufen wird, für mich da zu sein und sich um mich zu kümmern – so, wie ich mich heute um meine Mutter kümmere.



