Ich gebe es zu: Ich bin Fan von Petrus. Nicht, weil ich beim nächsten Gewittersturm an den Thunersee fahren und versuchen werde, auf dem Wasser zu laufen. Sondern weil ich mich in seinen Verhaltensmustern erstaunlich gut wiedererkenne:
Intuitiv und emotional handeln, bevor das Hirn einschaltet – wie beim Wasser-Wunder (Matthäus 14).
Vor lauter Begeisterung übers Ziel hinausschiessen – etwa auf dem Berg der Verklärung (Matthäus 17) oder bei der Fusswaschung in Johannes 13.
Das Gesagte kritisch und manchmal etwas schräg hinterfragen, wenn sonst niemand auf die Idee kommt – etwa bei seiner Frage zur Vergebung in Matthäus 18 oder bei der «Lohnverhandlung» für seine Nachfolge (Matthäus 19).
Den Helden spielen und sich selbst überschätzen – bei seinem Treueschwur in Matthäus 26 und bei seiner «Winkelried-Attacke» auf einen Soldaten im Garten Getsemane(Johannes 18).
Übers erste Verhaltensmuster habe ich im letzten Blog geschrieben. Zu den Punkten zwei bis vier möchte ich mit Vergnügen je ein Beispiel nacherzählen:
Vor lauter Begeisterung übers Ziel hinausschiessen
Matthäus 17,1-8: Eines Tages nimmt Jesus wieder einmal seinen harten Kern der Jüngertruppe – Petrus, Jakobus und Johannes – mit auf eine abenteuerliche Reise. Gemeinsam steigen sie auf einen hohen Berg, vermutlich den Tabor südwestlich des Sees Genezareth.
Oben angekommen, geschieht völlig unerwartet ein gewaltiges Wunder: Jesus wird verwandelt, sein Gesicht leuchtet wie die Sonne und seine Kleider strahlen hell. Und plötzlich stehen da zwei weitere Männer und plaudern mit Jesus.
Wie so oft prescht Musterschüler Petrus als Erster vor und platzt mitten in die angeregte Diskussion:

«Petrus rief: ‹Herr, wie gut, dass wir hier sind! Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.›»
Matthäus 17,4
HFA
Hätten Jakobus und Johannes überhaupt so schnell schalten können, wäre ihr bissiger Kommentar vielleicht gewesen: «Mann, Petrus muss wieder einmal den Helden spielen! Glaubt er wirklich, Jesus sei froh, dass ausgerechnet wir hier sind? Und jetzt will er den Berg auch noch in ein exklusives Privat-Resort für die drei verwandeln, mit sich selbst als Gastgeber. Und wie um Himmels willen hat er so blitzschnell erkannt, dass die beiden Mose und Elia sind?»
Doch Markus beschreibt die Situation ganz anders:
«Er wusste aber nicht, was er da sagte, denn die drei Jünger waren vor Schreck ganz durcheinander.»
Markus 9,6
HFA
Alle drei Jünger sind also völlig durch den Wind – auch der liebe Petrus. Sein Hirn scheint komplett ausgeschaltet zu sein. Und trotzdem landet er einen theologischen Volltreffer:
Woher weiss er überhaupt, dass es Mose und Elia sind? Er hat ja wohl kaum bei Moses Tod oder Elias spektakulärer Himmelfahrt Fotos fürs Familienalbum geschossen.
Wie Petrus die beiden so schnell erkennen konnte, bleibt offen. Fest steht: Mose und Elia gehören zu den bedeutendsten Gestalten des Alten Testaments und stehen hier sinnbildlich für das Gesetz und die Propheten.
Doch damit ist die Geschichte noch nicht vorbei. Eine Wolke hüllt die drei Jünger ein, und daraus ertönt eine klare, machtvolle Stimme:
«Dies ist mein geliebter Sohn, über den ich mich von Herzen freue. Auf ihn sollt ihr hören.»
Markus 9,7
HFA
Jetzt ist definitiv zu viel des Guten passiert – sogar für unseren Helden Petrus. Die gewaltige Stimme Gottes erschreckt die drei so sehr, dass es sie umhaut. Da kommt Jesus – ich stelle mir ein leicht amüsiertes Lächeln vor – berührt die drei «steifen Bretter» am Boden und sagt: «Steht auf! Fürchtet euch nicht!» Als sie wieder aufblicken, ist der ganze «Spuk» vorbei.
Trotz kompletter Matschbirne in Sekundenschnelle ein schräges Hütten-Szenario zu entwerfen und gleichzeitig einen theologischen Volltreffer zu landen: Das ist schon beeindruckend.
Petrus scheint eine Mischung aus Impulsivität, Mut und erstaunlicher Intuition zu besitzen.
Und genau deshalb fühle ich mich ihm manchmal ziemlich verbunden.
Das Gesagte kritisch und etwas schräg hinterfragen
In Matthäus 19 kommt ein reicher Jüngling zu Jesus und möchte unbedingt das ewige Leben erlangen. Er hält bereits die Gebote Gottes, ist damit aber noch nicht zufrieden und fragt: Was fehlt mir noch?
«Jesus antwortet: ‹Wenn du vollkommen sein willst, dann geh, verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen. Damit wirst du im Himmel einen Reichtum gewinnen, der niemals verloren geht. Und dann komm und folge mir nach!›»
Matthäus 19,21
HFA
Au weia – das ist happig! Der Jüngling geht traurig weg, weil ihm sein Reichtum im Weg steht.
Petrus hört zwar aufmerksam zu, aber offenbar auch ziemlich selektiv. Er bleibt an einem Satz hängen: «Wenn du vollkommen sein willst …, dann komm und folge mir nach.»
Und schon tappt er in zwei klassische ADHS-Fallen:
Er bleibt an einer Aussage hängen und beginnt zu grübeln: Während Jesus noch weiter erklärt, die anderen Jünger nachfragen und Jesus darauf antwortet, ist Petrus gedanklich bei seinem eigenen Thema.
Er bezieht alles Gehörte auf sich: Kaum ist die theologische Lektion im Gang, platzt Petrus mit einer Frage zur Vorgeschichte hinein: «Aber wie ist es nun mit uns? Wir haben doch alles aufgegeben und sind mit dir gegangen. Was werden wir dafür bekommen?»
Eine mögliche Erklärung für diese schräge Frage: Petrus hört aus den Worten von Jesus vor allem eines heraus – wer alles aufgibt und ihm nachfolgt, bekommt eine besondere Belohnung. Und wenn das für den reichen Jüngling gilt, dann doch erst recht für uns Zwölf! Judihui! Was könnte diese Belohnung wohl sein?
Den Helden spielen und sich selbst überschätzen
Matthäus 26,31-35: Der Machtkampf zwischen Jesus und der führenden Priesterschaft steht kurz vor der Eskalation. Nach dem Passahmahl brechen Jesus und seine Jünger zum Ölberg auf. Unterwegs kündigt Jesus sechs Dinge an, die in den kommenden Tagen geschehen werden:
Die Jünger werden sich noch in dieser Nacht von ihm abwenden.
Gemäss Sacharja 13,7 wird der Hirte erschlagen.
Die Schafe werden auseinanderlaufen.
Nach seiner Auferstehung wird Jesus nach Galiläa gehen.
Die Jünger werden ihm dorthin folgen.
Dort werden sie ihn wiedersehen.
So viele neue und unvorstellbare Informationen auf einmal können die Jünger wohl kaum richtig erfassen.
Petrus lässt sich davon allerdings nicht bremsen. Er bleibt schon am ersten Punkt hängen und widerspricht vehement:
«Wenn sich auch alle anderen von dir abwenden – ich halte auf jeden Fall zu dir!»
Matthäus 26,33
HFA
Da nimmt Petrus den Mund ziemlich voll. Aus «sich abwenden» macht er «feige davonlaufen» und schaltet sofort in den Heldenmodus. Dabei verliert er die brenzlige Situation in Jerusalem völlig aus den Augen und überschätzt sich massiv.
Jesus kontert unmissverständlich:
«Ich versichere dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du dreimal geleugnet haben, mich zu kennen.»
Matthäus 26,34
HFA
Man sollte meinen, diese Warnung würde Petrus wieder auf den Boden der Realität holen. Aber weit gefehlt. Im Heldenmodus legt er sogar noch einen drauf: «Auch wenn es bedeutet, dass ich mit dir sterben muss, werde ich das niemals tun!», rief Petrus.
Petrus setzt seiner Überheblichkeit gleich die dreifache Krone auf: Er verspricht, für Jesus zu sterben, widerspricht ihm erneut – und ruft seine Behauptung vermutlich lautstark in die Runde. Nun springen auch die anderen Jünger auf den Heldenzug auf.
Diese emotional verzerrte Wahrnehmung ist ein typisches ADHS-Muster, das sich bei Petrus immer wieder zeigt – kurz darauf auch im Garten Gethsemane, als er einem Soldaten mit dem Schwert ein Ohr abschlägt (Johannes 18).
Das Tückische an solchen dynamischen Mustern ist: Wer mitten darin steckt, erkennt oft gar nicht, dass die eigene Wahrnehmung von der Realität abweicht. Und genau deshalb ist es so schwer, daraus zu lernen – selbst dann, wenn andere einem den blinden Fleck zurückspiegeln.


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