Wer die Offenbarung des Johannes liest, steht ziemlich schnell vor einer grundlegenden Frage: Wann geschieht das alles?
Beschreibt Johannes Ereignisse, die für ihn damals noch bevorstanden? Erfüllen sie sich unmittelbar nach seinem Ableben in seiner damaligen «nahen Zukunft»? Oder blickt die Offenbarung weit voraus – bis zu Ereignissen, die auch für uns noch Zukunft sind?
Theologen haben dafür verschiedene Modelle entwickelt. Zwei Begriffe begegnen dabei besonders häufig: «präteristisch» und «futuristisch».
«Präteristisch» bedeutet vereinfacht: Vieles oder sogar fast alles, was Johannes beschreibt, hat sich bereits in den ersten Jahrhunderten erfüllt.
«Futuristisch» bedeutet: Die Offenbarung blickt wesentlich nach vorne und beschreibt Entwicklungen, die schliesslich bis zum Ende unserer heutigen Zeit und zur Neuschöpfung Gottes führen.
Doch vielleicht sollten wir nicht zuerst fragen, welches Modell uns am besten gefällt. Viel spannender ist die Frage: Wie will die Offenbarung selbst gelesen werden?
Ein Buch für damals – aber nicht nur
Eines dürfen wir nicht vergessen: Johannes schrieb nicht zuerst für Menschen im 21. Jahrhundert. Seine ersten Leser waren christliche Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Türkei (siehe Offenbarung 2 und 3). Sie lebten unter Druck, erlebten Widerstand und mussten sich fragen: Wo ist Gott eigentlich in all dem?
Deshalb beginnt die Offenbarung ganz konkret mit sieben Briefen an sieben damalige Gemeinden. Sie war also zweifellos ein Buch für damals. Aber war sie deshalb nur ein Buch für damals?
Schon ganz am Anfang begegnet uns eine Formulierung, die eine grössere Perspektive öffnet. Jesus Christus wird beschrieben als der, «der immer da ist, der von Anfang an war und der kommen wird» (Offenbarung 1,4).
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kommen zusammen.
Und nur wenige Verse später heisst es:

«Seht! Jesus Christus wird auf den Wolken kommen. Alle Menschen werden ihn sehen.»
Offenbarung 1,7
HFA
Damit öffnet sich der Horizont weit nach vorne.
Die Offenbarung läuft auf ein Ziel zu
Beim Weiterlesen fällt etwas auf:
Die Offenbarung dreht sich nicht einfach im Kreis. Sie bewegt sich auf etwas zu (siehe Blogbeitrag #2 und #3).
Es geht um das zweite, das noch zukünftige Kommen von Jesus. Um das zukünftige Ende der Macht des Bösen. Um zukünftiges Gericht. Um die endgültige Beseitigung Satans. Um die zukünftige Auferstehung und das letzte Gericht. Und schliesslich um etwas, das in dieser Form noch nie geschehen ist:

«Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen.»
Offenbarung 21,1
HFA
Spätestens hier wird es schwierig, alles ausschliesslich in der Vergangenheit unterzubringen. Denn wann wurde Satan – die zentrale Macht des Bösen in unserer Welt – endgültig beseitigt? Wann verschwanden Tod, Leid und Tränen endgültig? Wann entstanden der neue Himmel und die neue Erde?
Die Offenbarung selbst antwortet:

«Sieh doch, ich mache alles neu.»
Offenbarung 21,5
HFA
Das ist mehr als der Untergang eines Reiches oder ein politischer Umbruch. Hier geht es um die Vollendung der gesamten Geschichte Gottes mit dieser Welt.
Deshalb: eine weite Sicht nach vorne
Aus meiner Sicht spricht deshalb sehr viel dafür, die Offenbarung in ihrer grossen Linie futuristisch zu verstehen. Damit meine ich nicht, dass jedes einzelne Bild ausschliesslich ein zukünftiges Ereignis beschreiben muss. Und schon gar nicht, dass die Offenbarung für ihre ersten Leser bedeutungslos gewesen wäre.
Im Gegenteil. Die ersten Christen sollten gerade durch diese Zukunftsperspektive Hoffnung für ihre Gegenwart bekommen. Ihre Erfahrung lautete vielleicht: Das Böse scheint zu gewinnen. Mächtige Reiche bestimmen die Welt. Christen geraten unter Druck. Gott scheint weit weg zu sein. Die Offenbarung antwortet darauf nicht mit einem billigen: «Es wird schon wieder.»
Sie sagt vielmehr: «Schaut weiter! Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Das Böse hat nicht das letzte Wort. Die Mächtigen dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Nicht einmal der Tod hat das letzte Wort. Jesus Christus hat das letzte Wort.
Zukunft, die schon heute trägt
Genau darin liegt für mich eine der grossen Stärken der Offenbarung des Johannes. Sie ist ein Buch der Zukunft – aber gerade deshalb ein Buch für die Gegenwart. Johannes nennt sie mehrfach ein Buch der «Weissagung» (Offenbarung 1,3; 22,7.10). Ihr Blick reicht weit voraus. Doch dieser Blick soll Menschen nicht zu Spekulationen verführen, sondern ihnen helfen, heute anders zu leben.
Wer weiss, wohin die Geschichte läuft, muss sich von den Schlagzeilen der Gegenwart nicht vollständig gefangen nehmen lassen. Wer weiss, dass das Böse nicht ewig bleibt, kann dem Bösen heute mutiger widerstehen. Wer weiss, dass Jesus Christus wiederkommt, kann ihm heute entschiedener treu bleiben.
Und wer weiss, dass Gott am Ende sagt: «Sieh doch, ich mache alles neu», bekommt Hoffnung – gerade dann, wenn im eigenen Leben oder in unserer Welt wenig nach «neu» aussieht.
Vielleicht lässt sich die Offenbarung deshalb mit drei einfachen Worten zusammenfassen:
Damals. Heute. Morgen.
Sie sprach damals zu bedrängten Christen. Sie spricht heute zu uns. Aber ihr grosser Horizont reicht nach vorne – bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt und Gott tatsächlich alles neu macht.




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