Stieftochter von Carl Lutz – «Er handelte aus christlicher Motivation»

2.4.2018
3 min

«Es war die grösste Rettungsaktion, die ein einzelner – mithilfe seiner Mitarbeiter – durchführte», sagt Agnes Hirschi. Ihr Stiefvater Carl Lutz rettete während dem Zweiten Weltkrieg mehrere 10'000 Juden. Nun wird seine Tat in Niederbipp mit einer Ausstellung gewürdigt.

«Ich bin die Stieftocher von Carl Lutz», sagt Agnes Hirschi im Gespräch mit Livenet. «Er heiratete 1949 meine Mutter. Sie lernten sich während des Zweiten Weltkriegs kennen, als er uns rettete.»

Lutz war von 1942 bis 1945 Vize-Konsul in Budapest. «Auf der Schweizer Gesandtschaft vertrat er die Abteilung 'Fremde Interessen'. Unter anderem vertrat er die Interessen von Ländern, die mit Deutschland im Krieg waren, darunter die USA und Grossbritannien.»

Zu dieser Zeit war Palästina britisches Mandatsgebiet. Die Auswanderung dahin gehörte zu seinen Aufgaben. «Darauf besann er sich, als die Juden ab dem 19. März 1944 nach dem Einmarsch der Nazis in Ungarn in Gefahr gerieten.»

Er rettete Zehntausende

Carl Lutz sah, dass er ihnen bei der Auswanderung helfen kann, erinnert sich Agnes Hirschi. Er rettete mehrere 10'000 Menschen; früher wurde die Zahl 60'000 genannt, Hirschi spricht heute von mehreren 10'000. «Es war die grösste Rettungsaktion, die ein einzelner – mithilfe seiner Mitarbeiter – durchführte.»

Leider wurde er nur wenig gewürdigt, bedauert seine Stieftochter. «Vor allem in der Schweiz. Auch wenn er der erste Schweizer war, der bereits 1964 von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als 'Gerechter der Nationen' geehrt wurde.» Zudem erfuhr er auch von anderen Staaten Ehrungen, «aber in der Schweiz wurde er lange vergessen».

Sitzungszimmer im Bundeshaus nach Lutz benannt

«Es ist ein riesiger Erfolg, dass das grösste Sitzungszimmer im Bundeshaus nun 'Saal Carl Lutz' genannt wird. Das gibt mir eine grosse Genugtuung», freut sich Agnes Hirschi. Vor vier Jahren produzierte das Schweizer Fernsehen eine Dokumentation mit dem Titel «Carl Lutz, der vergessene Held».

Mit 18 war er in die USA ausgewandert. Er arbeitete hart, um sich das Studium zu finanzieren. In Washington D.C. stieg er in den Konsulardienst ein. Bevor er nach Budapest verlegt wurde, amtete er 1935 bis 1942 als Vize-Konsul in Israel.

«Als der Krieg ausbrach, vertrat er auch die deutschen Interessen. Er tat dies sehr gut. Dadurch hatte er bei ihnen Punkte. Deshalb gestand ihm Eichmann ein Kontingent von 7'999 Leuten zu, welche er auswandern lassen durfte.» Im Geheimen kopierte Lutz die Dokumente zig-fach, wodurch mehrere 10'000 Juden auswandern konnten. «Er handelte aus christlichen, humanistischen Gründen.» Carl Lutz war bekennender Methodist aus Walzenhausen.

Am 30. März 2018 wurde um 17 Uhr in Niederbipp an der Hintergasse 23 im «Haus Eirene» ein Gedenk-Raum und eine Ausstellung zu Carl Lutz eröffnet.

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