Je mehr es uns kostet, desto grösser ist die Freude

6.5.2020
4 min
Eine Frau hält ein Geschenk
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Eine Frau hält ein Geschenk

Mit 19 Jahren habe ich meinen Zivildienst in einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen geleistet. An Heiligabend hatte ich Dienst auf meiner Wohngruppe. Die Stimmung war sehr feierlich, aber so wirklich Weihnachten wurde es, als Heidi, eine erwachsene Bewohnerin, ihr Geschenk auspackte.

Heidi war in Verhalten und Entwicklung aufgrund einer Hirnhautentzündung im Alter von vier Jahren sehr kindlich und fieberte förmlich der Bescherung entgegen. Als unter dem bunten Geschenkpapier ein Eimer Bauklötze hervorkam, sprudelte sie über vor Freude. Sie strahlte übers ganze Gesicht, begann zu hüpfen, umarmte mehr oder weniger wahllos jeden, der ihr in die Finger kam. Dann nahm sie ihre Bauklötze, setzte sich hin und verbrachte in tiefer Zufriedenheit den Rest des Abends damit, die Klötze aufeinanderzustapeln und wieder umzuwerfen. Ich habe selten davor und danach so ehrliche und tief empfundene Freude erlebt.

Nun wissen und erleben wir alle: Die Freude an materiellen Dingen verblasst meist umso schneller, je einfacher wir sie uns leisten können. Das war auch bei Heidi vermutlich nicht anders, auch wenn ich mich daran nicht mehr wirklich erinnere. Aber was – oder wer – bewirkt denn eine nachhaltige Freude in uns?

Die fromme Antwort ist klar und steht schliesslich in der Bibel: Jesus ist unsere Freude, und die Freude am Herrn ist unsere Stärke. Aber wie erleben wir diese im Alltag?

(K)ein hoffnungsloser Fall

Philipp Schön
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Philipp Schön

Über 20 Jahre nach dem Weihnachtsfest mit Heidi arbeite ich in einer christlichen Sozialunternehmung. Unsere Vision ist, dass Menschen einen Wendepunkt erleben. Harald ist Sozialarbeiter in einem unserer Betriebe. Er erzählt uns mit strahlenden Augen die Erfolgsgeschichte eines eigentlich hoffnungslosen Falles: Der Mann – nennen wir ihn Beat – wird Mitte der 2000er-Jahre arbeitslos. Er ist damals Ende 30 und schafft den Sprung zurück in den Arbeitsmarkt nicht mehr. Er wird ausgesteuert und landet beim Sozialdienst. Als Beat 2013 durch den Sozialdienst-Leiter zu uns geschickt wird, geht es in erster Linie um eine Tagesstruktur. Er ist kaum belastbar, besitzt praktisch keinen Selbstwert mehr und ist nicht der einfachste Zeitgenosse. Behutsam und mit viel Geduld gelingt es unseren Gruppenleiterinnen und Betreuern, ihn wieder aufzubauen.

Nach sechs Jahren Aufbau und Stabilisierung an einem langfristigen Arbeitsplatz im zweiten Arbeitsmarkt erhält er die Chance auf ein Praktikum im Lager einer Elektrohandels-Firma. Seine neuen Kollegen setzen sich am Ende der sechsmonatigen Praktikumszeit bei ihrem Chef dafür ein, dass Beat bleiben und eine Anstellung erhalten soll. Dieser sieht das zunächst nicht, lässt sich jedoch schliesslich überzeugen. Am 1. Januar 2020 tritt Beat nach 15 Jahren wieder eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt an.

Nie aufgeben

Das war eine schwierige Zeit und es hätte nicht viel gebraucht, dass dieser Mann gescheitert wäre oder aufgegeben hätte. Der Leiter des Sozialdienstes hätte das Aufbauprogramm abbrechen – oder gar nicht erst beginnen – können, weil er vielleicht zu Recht gefunden hätte, dass das eh nichts bringt. Unser Jobcoach hätte die Suche nach einem Praktikumsplatz aufgeben können, weil Personen wie Beat kaum vermittelbar sind. Den Kollegen bei der Elektrohandels-Firma hätte sein Schicksal egal sein können. Aber weil Menschen an ihn geglaubt, für ihn gebetet und sich für ihn eingesetzt haben, hat Gott mit ihm diese Geschichte geschrieben.

Ich glaube, dass wir Freude in Jesus besonders dort erleben, wo wir mit ihm im Alltag unterwegs sind. Wenn wir unseren Teil dazu beitragen, dass er Veränderung in Menschen oder Situationen bewirken kann, indem wir Menschen niemals aufgeben. Denn Gott tut das auch nicht, egal wie mühsam sie sind oder wie lange Prozesse dauern. Ich bin überzeugt: Je mehr uns diese Veränderung, ein Erfolg oder das Gelingen kostet, desto tiefer und nachhaltiger ist die Freude. Deshalb freue ich mich über Beats Wendepunkt wie Heidi über ihre Bauklötze.

Dieser Artikel ist im INSIST Magazin erschienen.

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