Perspektivwechsel: Was sie dem Bettler (nicht) zu bieten haben

Zwei Jesusjünger gehen in das – ausdrücklich als «schön» bezeichnete – Eingangsportal des Jerusalemer Tempels. Tausende Touristen vor dieser Sehenswürdigkeit schauen und staunen nach oben. Sie bewundern Steine. Sie wertschätzen die Glanzleistung verstorbener Genies. Aber Petrus und Johannes schauen nach unten.

29.6.2026
5 min
geschrieben von
Andreas Malessa
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Wie lernen wir, uns mit der Jesus-Perspektive umzuschauen?

Sie bemerken einen bewegungsunfähigen Menschen. Sie finden, auch dieser Mensch müsse doch «des Sehens würdig» sein. Petrus und Johannes staunen nicht über die Glanzleistungen verstorbener Genies. Sie beachten die Bedürftigkeit eines lebendigen Losers (nachzulesen in Apostelgeschichte Kapitel 3).

Sowas nennt man Perspektivwechsel.

In unserer oberflächenfixierten Kultur medialer Bilderflut und photoshop-korrigierten schönen Scheins, in einer Zeit gnadenloser Selbstoptimierung und Selbstvermarktung auch diejenigen sehen, die unansehnlich sind. Das wäre die Jesus-Perspektive.

Warum-Fragen führen nicht weiter

Petrus und Johannes stellen dem Gelähmten keine Warum-Fragen. Ist das ein Gen-Defekt oder hat deine Mutter in der Schwangerschaft gesoffen? War es ein Unfall? Wirst du von einem Familien-Clan gezwungen, hier als Mitleidsköder Geld ranzuschaffen?

Die Antworten auf solche «Warum?»-Fragen sind weder für die Leidenden noch für die Helfenden wirklich befriedigend. Für ein logisches «Ah, deshalb!» könnte sich der Gelähmte in seiner konkreten Situation nix kaufen. Ja, wir stellen die berühmte Frage nach Gottes Gerechtigkeit. Warum stirbt die junge Mutter an Brustkrebs und der Zuhälter darf auf Ibiza fröhlich alt werden? Warum wird Opa mit 73 dement und Mick Jagger kann mit 83 noch alle Songtexte auswendig?

Jemand muss doch ursächlich schuld sein! Entweder ich selbst – das führt in Depression und Selbstverneinung; oder die anderen – das führt in verbitterte Isolation; oder Gott ist schuld – das führt in zynischen Atheismus. Jesus teilte das Leid und die Warum-Fragen aller Leidenden, liess sich in Mitleidenschaft ziehen bis zum Tod.

Petrus und Johannes stellen keine Warum-Fragen und mutmassen nichts. Sondern sagen dem Bedürftigen klipp und klar, was sie nicht haben und was sie nicht können! Und der Bettler denkt: «Was habt ihr dann?»

Was sie zu bieten haben

Drei wunderbar heilsame Beziehungen haben Petrus und Johannes: Eine zu Gott, der in Jesus von Nazareth Mensch wurde und sich in alles menschliche Elend hineinbegeben hat. Eine zueinander; sie sind zwei Mitglieder einer Gemeinschaft von Jesusnachfolgern, die einander vertrauen du füreinander sorgen. Und eine mitleidenschaftlich barmherzige Beziehung zu dem Bettler, seit sie ihn wahrgenommen und fürs Gesehenwerden menschenwürdig entdeckt haben.

«Im Namen Jesu Christi – steh auf und geh!», sagen die beiden und jetzt passiert das spektakuläre, das fantastische, atemberaubend wunderbare Heilungswunder: Der Mann steht auf und kann sich bewegen!

Nicht erklärbar

Erklären kann man das nicht. Und wenn man's könnte, wär's kein Wunder. Kein Wunder, dass der Geheilte in den Tempel rennt, herumspringt, sich an Petrus und Johannes klammert und sie inbrünstig verehrt. Kein Wunder, dass sich die Volksmenge um die beiden Jesusjünger schart und zwei Fragen stellt: Wer seid ihr? Und: Wie kam das?

Für die Umstehenden ist klar: Das müssen Magier sein, Zauberer. Und alle Angehörigen eines kranken Menschen, alle Freunde eines schmerzgepeinigten, behinderten Freundes denken: Das möchte ich auch können. Oft fahre ich bedrückt von Krankenbesuchen nach Hause und, Hand aufs Herz, wäre gern ein Zauberer.

Rund 300 Jahre nach dieser Szene wird der fromme Kirchenlehrer Augustinus sagen: «Wunder geschehen nicht im Widerspruch zur Natur, sondern im Widerspruch zu dem, was uns von der Natur bekannt ist.»

Augustinus macht sich keine Sorgen, ob man eines Tages dieses Heilungswunder als «ganz natürlich» erklären können wird. Er macht Gott nicht zum Bewohner einer immer kleiner werdenden Insel menschlichen Nichtwissens. So, als hätte uns Gott den Verstand zum Forschen und Entdecken nur so weit gegeben, wie es ihn nicht überflüssig macht. Nein, Augustinus in der römischen Antike ist da nüchtern und gläubig zugleich: Selbst wenn uns eines Tages das heute noch Übernatürliche als «ganz natürlich» erscheinen sollte: Bewundernswert, anbetungswürdig sind die grossen Heilstaten Gottes allemal und immer.

Blickrichtungswechsel

Der perspektivenveränderte Petrus und der neu fokussierte Johannes verändern nun auch die Blickrichtung der Leute. Petrus lenkt den Blick von sich weg und fragt: «Was staunt ihr uns an?! Glaubt ihr etwa, wir hätten den Gelähmten aus eigener Kraft geheilt, weil wir so fromm sind? Nein, es ist der Gott unserer Väter, der uns die Macht und die Ehre von Jesus gezeigt hat.»

Petrus und Johannes instrumentalisieren den Geheilten nicht für die eigene Popularität. Sie schmeicheln auch nicht potentiellen Spendern und Sponsoren. Sondern machen ihren Zuhörern einen Vorwurf: «Als Jesus unter euch lebte und lehrte, für eure Sünden starb und Gott ihn durch die Auferweckung von den Toten als seinen Gesandten bestätigte und endgültig autorisierte – da habt ihr es verpennt! Habt das wichtigste Ereignis der Heilsgeschichte verpasst. Habt Jesus nicht erkannt, nicht anerkannt, ihm nicht geglaubt, ihm nicht vertraut!»

Kein Wunder, dass noch während all dieser Vorwürfe die Hohenpriester dem Chef der Tempelpolizei zuflüstern: «Schluss jetzt. Zieh die beiden Spinner da raus.» Petrus und Johannes werden verhaftet.

Petrus erklärt nicht das Unerklärliche. Er transformiert das sensationserhitzte Staunen in eine seelsorgliche Vertrauensfrage. Er macht aus der spontanen Ergriffenheit und Begeisterung die Aufforderung zur Umkehr. «Ändert eure Haltung und euer Verhalten, denkt um, kehrt um, damit euch Gott eure Sünden vergibt. Er wird euch segnen, wenn ihr euer Leben ändert.»

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