Der Theologe und ehemalige Pastor Stuart Delony podcastet in den USA als «Snarky Faith». Er hat sich mit Liebe und ihrem Stellenwert in der Bibel beschäftigt. Sein Resümee steht im englischsprachigen Artikel «Liebe kommt in der Bibel an 13. Stelle. Ich hab nachgezählt». Darin betrachtet er Schlüsselbegriffe der Bibel und wie oft sie darin vorkommen. Die ersten Plätze belegen Wörter wie «König/regieren», «Opfer», «töten/Krieg», aber auch «Gesetz», «Geld» oder «Furcht». «Liebe» als angebliche Kernbotschaft landet abgeschlagen auf dem 13. Platz.
Delony vergleicht diese Zählung mit dem Ranking von Suchmaschinen im Internet. Die würden sich auch an die Tatsachen halten und Inhalte nach dem bewerten, was wirklich dastünde. So kommt er zum Ergebnis:
«Liest man den Text als Ganzes statt Vers für Vers, sind die Schlüsselbegriffe nicht gerade schwer zu finden: Macht. Könige. Gesetz. Land. Blut. Opfer. Gericht.»
Und nun? Ist Liebe in der Bibel tatsächlich ein Randthema und gar nicht so wichtig?
Der Denkfehler
Wenn Delony dafür plädiert, genau hinzuschauen und nicht die eigene Sichtweise in die Bibeltexte hineinzuprojizieren, dann hat er damit einen Punkt. Wenn er die Wichtigkeit eines Gedankens allein an der Häufigkeit festmacht, mit der das Wort dazu genannt ist, greift er zu kurz. Menge ist nicht gleichbedeutend mit Wichtigkeit. Im 1. Johannesbrief, Kapitel 4, Vers 16 (HFA) heisst es: «Wir haben erkannt, dass Gott uns liebt, und wir vertrauen fest auf diese Liebe. Gott ist Liebe, und wer in dieser Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.»
Dieser Vers ist geradezu getränkt von Liebe. Es wäre allerdings mehr als seltsam, wenn sich diese Häufigkeit in der Bibel durchziehen würde – eine inflationäre Verwendung würde den Gedanken an Liebe ab- und nicht aufwerten.
Dazu kommt, dass die einzelnen Teile der Bibel sehr unterschiedliche Aufgaben erfüllen: Das 3. Buch Mose erklärt die Feste und Opfergesetze für Israel im Detail; ist es da verwunderlich, dass mehr von Opfer als von Liebe die Rede ist? Als Geschichtsbücher erzählen uns weite Teile der jüdischen Bibel von ihren Königen und deren Siegen und Niederlagen; auch hier ist weniger von der Liebe die Rede.
Es kommt offensichtlich nicht auf die reine Häufigkeit eines Begriffs an, sondern darauf, ob er an Schlüsselstellen verwendet wird, die seine Wichtigkeit zeigen. Genau das hilft dabei, Liebe als zentralen biblischen Gedanken zu bestätigen.
Liebe beschreibt Gottes Wesen
Wenn in der Bibel von Liebe die Rede ist, dann wird sie nicht nur als Einmalhandlung beschrieben oder als zufälliges Ergebnis einer Begegnung. Tatsächlich wird sie wesenhaft mit Gott in Verbindung gebracht. Gott liebt nicht nur, «Gott ist Liebe» (siehe 1. Johannes, Kapitel 4, Vers 8; HFA). Wenn das stimmt, dann muss sie nicht an jeder Stelle als Liebe benannt werden, dann sollte sie an sehr vielen Stellen auch ungenannt erkennbar sein. Das muss und wird nicht jede schwierige Passage der Bibel erklären, es setzt aber einen wichtigen Akzent: Liebe ist es nicht nur, wenn man darüber spricht, sondern in erster Linie, wenn man sie lebt (oder in Gottes Fall: ist).
Liebe ist das Herz aller Gebote
Ein wichtiger Bestandteil der jüdischen Bibel sind ihre Regeln und Gebote. Wenn dort Speisevorschriften und Lebensregeln nebeneinander stehen, fehlt in der Regel der Zusatz, dass dies etwas mit Liebe zu tun hat. Im Neuen Testament betont Jesus diesen Zusammenhang jedoch ausdrücklich. Als er nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird, fasst er alle Gebote damit zusammen, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Damit spricht er jedoch nichts Neues an. Er zitiert einfach einen Schlüsselvers aus 5. Mose, Kapitel 6, Verse 4 bis 5 (HFA): «Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Ihr sollt ihn von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe und mit all eurer Kraft.»
Diese Verse sind so zentral, dass sie als «Schm’a Jisrael» bis heute den jüdischen Glauben und Alltag prägen. Wenn Delony nach Masse sucht: Hier ist sie, denn diese Verse begleiten Juden vom Aufstehen bis zum Schlafengehen.
Liebe ist der Sinn unseres Lebens
Einen weiteren Aspekt beleuchtet der Apostel Paulus. In seinen berühmten Versen in 1. Korinther, Kapitel 13 – dem «Hohelied der Liebe» – betrachtet er Glauben, Leben und verschiedene Leistungen. Und er kommt zum Schluss, dass sie alle ohne die Liebe nichts wert sind. In seiner Liste, die in keinem Hochzeitsgottesdienst fehlen darf, wird die Liebe immer wieder betont. Wenn nun an anderen Stellen nur von Geben, Glauben oder Wahrheitssuche die Rede ist, dann schwingen seine Gedanken immer mit: «Ohne Liebe ist alles nichts.»
Der 13. Platz?
Alles zusammen zeichnet ein anderes Bild von Liebe, als es Stuart Delony entwickelt. Zahlenmässig steht sie bei den Kernthemen der Bibel nur auf Platz 13. Das stimmt. Man kann es nachzählen. Aber von der Wichtigkeit steht sie auch auf dem ersten, dem siebten und dem 193. Platz – und an jedem anderen. Die Liebe soll unwichtiger sein als gedacht? Sie soll zwar einen gewissen Stellenwert haben, aber immer mit einem «Aber» ergänzt werden? Im Gegenteil: Liebe durchdringt alles. Sie ist Anfang und Ende.





