Im Epheserbrief schreibt Paulus, dass Leiter die Aufgabe haben, «diejenigen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, für ihren Dienst auszurüsten». Pastoren sind nicht angestellt, um geistliche Dienstleistungen zu liefern, sondern, um andere in ihren Dienst und in ihre Berufung hineinzuführen. Pastoren sind Trainer. Am Schluss des Matthäusevangeliums ruft Jesus seine Nachfolger dazu auf, Jünger zu machen. Dieser Auftrag gilt nicht nur einigen wenigen Profis, er gilt uns allen.
Raus aus der Zuschauerrolle
Ein Dienstleister reagiert auf Erwartungen. Er liefert, was gewünscht wird, und wird daran gemessen, wie gut sein Produkt ist. Wenn Pastoren jedoch primär als Dienstleister fungieren, schiessen sie am Ziel vorbei: Sie machen die Arbeit, alle anderen bleiben Zuschauer. Ein Trainer funktioniert anders. Er steht am Spielfeldrand, aber sein Ziel ist klar: Andere sollen wachsen, stärker werden, Verantwortung übernehmen und ihr Potenzial entfalten.
Ein guter Trainer freut sich, wenn seine Spieler ihn irgendwann übertreffen. Genau dieses Bild beschreibt den biblischen Leitungsauftrag. Gemeinde ist ein Trainingsfeld. Es ist ein Ort, an dem Menschen im Glauben reifen, ihre Gaben entdecken, Charakter entwickeln und lernen, Verantwortung zu tragen. Kirche wird gebaut, mit vielen lebendigen Steinen.
Leiter fallen nicht vom Himmel – sie werden aufgebaut
Als ich meine Ausbildung zum Schreiner begann, war eines selbstverständlich: Ein gesunder Betrieb bildet Lehrlinge aus. Jedes Jahr stellte unser Betrieb neue Lernende ein, die von erfahrenen Handwerkern lernten und schrittweise in Verantwortung hineinwuchsen. Man wartete nicht, bis akuter Personalmangel herrschte. Man investierte kontinuierlich. Warum sollte das in Gemeinden anders sein?
Der biblische Auftrag lautet, Menschen zu fördern und in Verantwortung zu führen, damit der Missionsauftrag immer grössere Kreise zieht. Das kostet Zeit. Es braucht Geduld. Doch es gibt kaum etwas Schöneres, als die Frucht zu sehen, die daraus entsteht. Die entscheidende Frage lautet: Übertragen wir Verantwortung an junge Leiterinnen und Leiter? Wecken wir Vision? Lassen wir Fehler zu, damit Reife entstehen kann? Es ist einfacher, «fertige» Leiter von anderswo zu holen, so, wie man im Gartencenter ausgewachsene Pflanzen kauft. Aber nachhaltiges Wachstum entsteht dort, wo gesät, gepflegt und geduldig begleitet wird.
Der Mann im Hintergrund
In der Apostelgeschichte begegnen wir Barnabas. Sein eigentlicher Name war Josef, doch man nannte ihn «Sohn des Trostes», der Ermutiger. Barnabas hatte eine geistliche Sicht auf Menschen. Er sah sie, wie Gott sie sah. Als Paulus nach seiner radikalen Bekehrung Anschluss bei den Jüngern suchte, hatten alle Angst vor ihm. Nur Barnabas nicht. Er nahm Paulus an seine Seite und stellte ihn den Aposteln vor. Er glaubte an ihn, bevor andere es konnten. Später wollte Barnabas einem jungen Mann namens Markus eine zweite Chance geben, obwohl dieser zuvor versagt hatte. Paulus war dagegen. Er sah das Risiko, Barnabas sah das Potenzial. Es kam zu einem heftigen Streit, und die beiden trennten sich. Barnabas blieb bei Markus und förderte ihn weiter. Jahre später schreibt Paulus aus dem Gefängnis: «Wenn du kommst, bring Markus mit, denn er könnte mir hier viel helfen» (2. Timotheus 4,11, HFA). Aus dem unsicheren Begleiter war ein tragender Mitarbeiter geworden.
Barnabas hat kein eigenes biblisches Buch geschrieben. Doch er förderte Paulus, von dem wir heute dreizehn Briefe im Neuen Testament haben. Er glaubte an Markus, der später das Markusevangelium schrieb. Barnabas war bereit, selbst zurückzutreten, damit andere wachsen konnten. Viele Menschen sind nur einen Barnabas davon entfernt, in ihre Berufung zu kommen.
Die Zeit ist begrenzt
Wer innerlich unsicher ist, hat Mühe, andere gross werden zu lassen. Nur wenn meine Identität geklärt ist, kann ich zulassen, dass andere über mich hinauswachsen.
Menschen zu entwickeln, kostet zudem Zeit, und es kann mühsam sein. Oft ist es effizienter, eine Aufgabe selbst zu erledigen. Wer einen Lehrling begleitet, weiss: Die ersten Versuche misslingen, man muss korrigieren, eingreifen, erklären. Das fordert Geduld. Man tut es nur, wenn man langfristig denkt und das Prinzip der Multiplikation versteht. Damit Frucht entsteht, braucht es Geduld und Arbeit. Aber langfristig zahlt es sich aus. Unsere Zeit ist begrenzt. In den Psalmen heisst es: «Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.» Entscheidend ist letztlich: Wie viel von dem, was Gott uns anvertraut hat, haben wir weitergegeben? Wie viele Menschen haben wir befähigt?
Mach nichts allein
Stellen wir uns Gemeinden vor, in denen jeder weiss: Ich bin berufen. Ich bin bevollmächtigt. Ich bin Teil des Auftrags. Pastorinnen und Pastoren investieren ihre beste Energie, um Menschen zu fördern und in die Nachfolge zu führen. Ein einfacher, aber kraftvoller Grundsatz lautet: Mach nichts allein.
Ob du eine Predigt vorbereitest, ein Camp planst oder eine neue Themenserie entwickelst: Nimm jemanden mit, der dir über die Schulter blickt und von dir lernen kann. Versuch nicht, möglichst effizient zu sein, sondern möglichst multiplikativ. Nimm dir bewusst Zeit, Potenzial freizusetzen. Junge Menschen sehnen sich nach Vorbildern, die an sie glauben und sie an die Hand nehmen.
Es ist Zeit, ein Barnabas zu werden.





