Hier soll kein Gegensatz aufgemacht werden, wo keiner da ist. Glaube, wie er in der Bibel dargestellt wird, hat viele Facetten. Immer wieder werden einzelne darin herausgefordert, Gott ihr Leben anzuvertrauen und auf ihn zu bauen, also zu glauben. Allerdings kommen einige Lieblingsbegriffe evangelikaler Gemeinschaften in der Bibel nicht vor. Die gern betonte «persönliche Beziehung» zu Gott und die «eigene Entscheidung» für ihn sind eher ein Abbild unserer heutigen individualistischen Gesellschaft. Biblische Bilder und Berichte zeigen daher oft das Wir – den gemeinsamen Glauben.
Familie, Volk und viele
Gottes Herausrufen von Menschen beginnt mit Abraham. Jedenfalls beinahe… Der «Vater des Glaubens» aus dem Alten Testament steht von Anfang an nicht allein da, sondern ist eingebettet in seine Grossfamilie, von der wir seine Frau Sara, seinen Vater Terach und Lot als Neffen kennenlernen und immerhin 318 wehrfähige Männer. Der glaubende Abraham steht also von Anfang an stellvertretend für vielleicht 1'000 Menschen. Und Gottes Ziel ist: «Ich werde dich zum Stammvater eines grossen Volkes machen.» (1. Mose, Kapitel 12, Vers 2; HFA) Diese gelebte Gemeinschaft zieht sich durch die gesamte Geschichte Israels hindurch. Von den Geboten bis hin zum Gottesdienst ist Glaube ein Zusammenspiel vieler.
Glaube im Team
Als Jesus schliesslich auftritt, könnte er in Nazareth auch eine Art Praxis eröffnen. Dort könnten am Glauben Interessierte im Wartezimmer Nummern ziehen für ein anschliessendes Einzelgespräch. Stattdessen beruft er eine Zwölfergruppe als Team, mit dem er zusammen Glauben lebt und erlebt. Sie lernen gemeinsam von Jesus und voneinander und zeigen durch Versagen und Erfolge, wie wichtig es ist, dass Glaube im Team stattfindet. Ihr liebevolles Miteinander soll sogar ihr hauptsächliches Erkennungszeichen sein: «An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid.» (Johannes Kapitel 13, Vers 35; HFA)
Wie ein Körper
Die Fortsetzung dieser Idee findet in der Kirche oder Gemeinde statt. Auch hier geht es um das Miteinander der Glaubenden, die sich gegenseitig ergänzen. Heute werden die sogenannten Geistesgaben oft individuell verstanden («Ich habe diese Gabe!»). Paulus würde nur den Kopf schütteln. Als er die Gaben erklärt, beginnt er mit: «Und so hat Christus denn auch seine Gemeinde beschenkt…» (siehe Epheser, Kapitel 4, Vers 11) Die Geistesgaben funktionieren nur miteinander. Sie entfalten ihren Sinn erst im Miteinander. Am deutlichsten wird dies, als Paulus sein bekanntes Bild malt von der Gemeinde, die im Zusammenspiel so funktioniert wie ein Körper.
Innigste Gemeinschaft
Die tiefste und intimste Gemeinschaft mit Gott ist im Gebet möglich. Hier öffnen Christen ihm ihr Herz und beginnen das oft mit den Worten, die Jesus selbst gelehrt hat: «Unser Vater im Himmel…» Richtig. Hier steht «unser» und nicht «mein». Das ist kein Zufall und keine Nebensache, denn das Vaterunser ist Ausdruck eines gemeinsamen Glaubens. Gerade beim Gebet zeigt sich ein hilfreicher Aspekt der Wir-Perspektive: Manchmal betet man aus vollem Herzen und ist voller Glauben dabei – und manchmal ist der Glaube so klein, dass er kaum noch erkennbar ist. Dann bindet das «wir» im Gebet ihn an die grosse Gemeinschaft der Gläubigen an, die einen mitträgt.
Wir-Glaube
Es gibt noch sehr viele Beispiele dafür, dass Glaube nach der Bibel mehr ist als eine «persönliche Beziehung». Manchmal ist es wichtig, sich der Herausforderung zu stellen: Glaube ich das selbst? Hat es Auswirkungen auf mein Leben? Genauso wichtig ist es allerdings immer wieder festzuhalten: Glaube ist nicht meine private Aktion. Er ist kein Rückzug aus der Gemeinschaft. Glaube lebt davon, dass er Gottes Geschenk an seine Leute ist. Und je näher du ihn betrachtest, desto deutlicher siehst du, zu welcher Wortart er gehört: Glaube ist ein klassisches «Wir-Wort».





