Mit dem Begriff Jünger werden Schüler (griechisch «mathetés») bezeichnet, die beobachten, nachahmen, Fragen stellen, ausprobieren, üben, sich über Erfolge freuen, Rückschläge verdauen, aufstehen und weiterlernen. Sie sind nie vollkommen, streben aber danach, weil sie ihren Meister vor sich sehen. Sie sind von ihm angenommen. Ihre Fortschritte entscheiden nicht über Leben und Tod, aber sie gestalten ihr Leben mit Leidenschaft.
Auffallend
Wer lernt, fällt durch seine Perspektiven und Erwartungen auf. Wer lernt, hofft, etwas zu erreichen und zu gewinnen. Lernbereite Menschen entmutigen nicht. Nörgeln und Jammerschlaufen sind untypisch für sie. Das gilt für Christen sowieso. Sie fallen noch krasser auf, weil sie gerade lernen, ihre Feinde zu lieben, für die Obrigkeit zu beten, ihre Steuern lieber zu zahlen, sich um Benachteiligte zu kümmern, sich trotz Krisen weniger Sorgen zu machen.
Ganz anders die, die nicht bereit sind zu lernen. Sie sehen die Ursache für ihre Probleme vor allem bei anderen und erwarten Lösungen von diesen und jenen. In ihrer Frustration interessieren sie sich vor allem für ihre eigenen Leiden. Anderen Menschen gegenüber sind sie distanziert, anklagend, rigide, ignorant; und sie fühlen sich einsam, abgehängt. Sie entmutigen, entwürdigen, spalten und schaffen dadurch selbst immer mehr von dem, was sie beklagen.
Ein Stich ins Herz …
Es gibt mir jedes Mal ein Stich ins Herz, wenn ich solchen Menschen begegne – erst recht, wenn sie sich selbst als Christen deklarieren. So kürzlich das vernichtende Urteil eines 75-Jährigen über die unbändige Kreativität und Begeisterung junger Studenten. Oder die Gesprächsverweigerung langjähriger Christen, die ihre persönliche Erkenntnis für die Meinung von Jesus halten. Oder das Lästern und Jammern einiger aus der Gemeinde, die wissen, was die Verantwortlichen der Gemeinde alles besser machen müssten.
Mir tut so etwas richtig weh. Alles Erklären, Konfrontieren und Herausfordern ändert meistens nichts. Manchmal bin ich so sprachlos, dass ich es nicht mal versuche.
Eine christliche Selbstverständlichkeit
Jesus selbst lädt uns ausdrücklich zum Lernen ein:

«Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.»
Matthäus 11,28-30
LUT
Lernen kostet Kraft und Zeit. Das stimmt. Eingespannt zu sein von Jesus führt aber zum Frieden und macht uns nicht kaputt. An anderer Stelle sagt er:
«Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.»
Johannes 8,12
LUT
Jesus nachzufolgen und dabei von ihm zu lernen ist alternativlos sowie verheissungsvoll und lebenslänglich. Die Verantwortung für unser Lernen bleibt aber ganz bei uns.
Drei Lern-Schritte
Mit diesen drei Schritten gelingt eigenverantwortliches Lernen.
Wahrnehmen: Was gelingt mir nicht gut? Worüber stolpere ich häufig? Womit mache ich anderen das Leben schwer? Wonach sehne ich mich? Worauf legt Jesus bei mir seinen Finger, während ich die Bibel lese?
Ernstnehmen: Ich schaue auf das, was mir aktuell am wichtigsten scheint, und gebe zu, dass eine Veränderung nötig ist. Sätze wie «Es gibt Schlimmeres» oder «Jeder hat doch irgendwo eine Macke» oder «Viele leben auch damit» erlaube ich mir nicht. Ich akzeptiere, dass ich auf etwas Wichtiges gestossen bin, um das ich mich kümmern muss.
Stellung nehmen: Was will ich lernen? Ich formuliere es als Lernfrage. Damit lege ich mich fest, wohin ich mich entwickeln möchte. Einige Beispiele: Wie kann ich Enttäuschungen hinter mir lassen und wieder vertrauen lernen – Menschen und Gott? Wie kann ich lernen, Kritik als Chance zum Wachsen und Reifen zu verstehen und zu nutzen? Wie kann ich meinen Alltag nach der Pensionierung sinnvoll gestalten, ohne mich fremdbestimmen zu lassen oder egoistisch zu sein? Wie kann die Bibel in meinem Alltag wieder wichtig und lebendig werden? Wie kann ich meinen Zynismus loswerden und zu einem Menschen werden, der andere ermutigt?
Gemeinsam lernen
Zu den drei eben genannten Schritten kommt ein verheissungsvollen vierter hinzu: Ich erzähle anderen von meiner Lernfrage! Wenn ich anderen davon berichte, wird mein Entschluss in mir noch fester. Vielleicht finde ich dabei sogar Menschen, die genau dasselbe lernen möchten. Davon kann ich ja ausgehen: Was ich lernen will und muss, wollen und müssen bestimmt andere auch lernen. Ich suche solche Leute und versuche mich mit ihnen zu verbünden.
In einer Lerngemeinschaft, in der alle ein ähnliches Ziel verfolgen, wird alles Lernen verheissungsvoller. Alle, die etwas lernen wollen, brauchen Verständnis, Ermutigung, Fürbitte, neue Ideen und auch eine Aufgabe. Ja, eine Aufgabe an anderen: Wer für andere da ist, erlebt sein Tun als sinnvoll und kommt auch selbst besser voran.

«Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.»
2. Timotheusbrief 1,7
LUT
Zur Vertiefung
Wahrnehmen: Versuche wahrzunehmen, was in deinem Leben aktuell die relevanten Themen sind – die guten und die bedenklichen.
Ernstnehmen: Welches dieser Themen ist das relevanteste?
Stellung nehmen: Formuliere deine Lernfrage!
… und erzähle möglichst bald vielen davon. Frage sie auch nach ihren Erfahrungen und sammle Ideen, wie du deinem Lernziel näherkommen könntest.
Übrigens: Kürzlich habe ich in einem Podcast für Babyboomer mit Marianne Streiff und Christiane Rösel und über Frustration und Resilienz gesprochen – und konnte dabei vieles lernen. Vielleicht du auch?





