Der wohlverdiente Ruhestand

Was bedeutet «wohlverdient» wirklich? Zwischen Freiheit, aufgeschobenem Lohn und der Frage, was «Ruhestand» eigentlich heisst, beginnt ein neuer Lebensabschnitt – voller Möglichkeiten und Widersprüchen. René Winkler klärt auf.

7.8.2026
5 min
geschrieben von
René Winkler
grossvater-und-enkel-im-schonen-garten
Unsplash+
Der Ruhestand schafft Raum zum Leben in Hingabe

Er beginnt, sobald wir das offizielle Referenzalter erreicht haben. Dass er «wohlverdient» ist, bekommen wir von denen gesagt, die uns aus unseren beruflichen Verpflichtungen verabschieden. Sie sagen es respektvoll und wertschätzend, mit mehr oder weniger Kenntnis, was wir wirklich geleistet haben. Es wird vermutlich sogar dann gesagt, wenn die Erleichterung auf der Seite derer, die bleiben, grösser ist als bei uns, die wir jetzt zu Ruheständlern werden.

Was aber ist eigentlich «Ruhestand»? Ok, wir haben Ruhe von berechtigten Ansprüchen unseres bisherigen Arbeitsgebers und können beruhigt nein sagen, wenn er nach der Verabschiedung doch noch etwas von uns will. Wir sind frei, Erwartungen zu erfüllen oder auch nicht. Ob das für uns beruhigend bleibt oder nicht, wird sich erst noch zeigen.  

Ruhig stehen oder sitzen?

Ruhestand? Muss man da stehen und ruhig bleiben?! Oder muss man da sogar standhalten, weil das gar nicht so einfach ist? Ruhestand ist ein seltsames Wort. «Ruhesitz» wäre vielleicht treffender – in Anlehnung an die Feierabendbank vor dem Haus, auf dem der Bauer und seine Frau nach geschaffter Tagesarbeit zufrieden der untergehenden Sonne zuschauen; oder in Anlehnung an die Bank, auf der die vier Alten bei «Asterix auf Korsika» mehr oder weniger schlau das vorbeiziehende Leben kommentieren. «Ruhesitz» hiess auch schon mal ein Altenheim, das sich inzwischen den Namen «Früeling» gegeben hat. Es scheint auf Dauer also doch nicht einfach zu sein, ruhig zu sitzen.

Aber kommen wir zurück zum «wohlverdienten» Ruhestand. Ist er das gute Gefühl, jetzt nichts mehr zu müssen und endlich in Ruhe gelassen zu werden?  Selbstverständlich ist es mehr als das. Wir bekommen jetzt regelmässig Geld, das wir für das alltägliche Leben brauchen. Es «bedingungsloses Grundeinkommen» zu nennen, ist nicht ganz korrekt, denn wir haben jahrzehntelang jeden Monat in die Altersvorsorge einbezahlt und unser Arbeitgeber auch; sein Anteil war ein Lohnbestandteil. Dass wir jetzt regelmässig mit Geld versorgt werden, ist aufgeschobener Lohn, der jetzt ausbezahlt wird.

Verdient hätten wir weit mehr!

Wenn wir etwas genauer hinschauen, stossen wir schnell auf kleinere und grössere Ungerechtigkeiten. Warum wird am Ende der Berufszeit nicht konsequent alles abgerechnet? Wenn es um Verdienst geht, sollten wir eigentlich für alles, was wir getan haben, bekommen, was wir verdienen. Was wäre beispielsweise der Verdienst für die Müdigkeit, die wir aus dem freien Wochenende in den Montag mitgeschleppt haben? Arbeiten, die wir halbherzig erledigt haben, hätten auch ihren Preis. Und wie müsste man die schuldig gebliebene Aufmerksamkeit gegenüber dem überforderten Kollegen berechnen? Gott sei Dank, dass wir mit der Verabschiedung aus dem Beruf nicht alles bekommen, was wir verdient hätten.

Gott sei Dank ist der «wohlverdiente Ruhestand» also ungerecht! Und das ist er wirklich. Wenige hundert Kilometer südlich kann einer froh sein, wenn er in seinem Ruhestand monatlich 300 Euro zum Leben auf die Hand bekommt. Und noch etwas weiter weg ist der Gedanke, Geld für das Nötigste zu bekommen, wenn man nicht mehr arbeiten kann, bloss ein Traum.

Unser «wohlverdiente Ruhestand» ist also ein riesengrosses Privileg, ein Vorrecht! Man hat zugut, was anderen verwehrt bleibt. Wenn man von der Altersversorgung leben kann, ohne Angst haben zu müssen, dass zu wenig Essen auf den Tisch kommt, ist dies eine Ungerechtigkeit gegenüber denen, die auch ein Arbeitsleben lang geleistet haben und trotzdem nicht von ihrer Rente leben können. Unser Ruhestand ist unverdient ungerecht!

Der Ruhestand ist ein Geschenk!

Genau genommen ist unser Ruhestand vor allem ein grosses Geschenk! So vieles, was es für diese schöne Lebensphase braucht, ist unverdient: Wir hatten die Möglichkeit, über viele Jahre unseren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Wir hatten Arbeit, die bezahlt wurde, Begabungen, die gebraucht wurden, auch Probleme, die gegen Bezahlung gelöst werden mussten. Dass das Geleistete jetzt zum Leben reicht, verdanken wir den stabilen Verhältnissen in unserem Land, die seit Jahrzehnten und Jahrhunderten andauern. Wir hatten Schulen, Ausbildungsplätze, Ärzte und Versicherungen. Es gab Menschen, die uns vertrauten und förderten. Wir haben Familie, vielleicht sogar Kinder und Enkel. Wir haben Freunde, die uns vermissen, wenn sie lange nichts von uns hören. Und viele tausend Tage lang hat uns Gott das Leben jeden Morgen geschenkt und bewahrt! Und er tut es immer noch.

Hingabe ist die Logik der Dankbarkeit

Die logische und angemessene Antwort auf das Geschenk des Lebens und das Privileg des wohlverdienten Ruhestands ist Hingabe! Dazu sind wir befreit. So steht es in allen Bibeln der Welt in 2. Korinther Kapitel 5, Vers 15. Jesus Christus hat uns davon befreit, für uns selbst zu leben und uns um uns selbst zu drehen. Ähnlich sagt es Römer Kapitel 12, Verse 1-2.

Hingabe ist die angemessenste Lebensart! So ist es auch im «wohlverdienten Ruhestand»: Hingabe ist Ausdruck der Dankbarkeit und Freude an Gott und seiner Liebe. Hingabe zeigt sich darin, dass wir uns vor allem um das kümmern, was Gott am Herzen liegt: Menschen lieben, schützen, retten, heilen und Hoffnung schenken! Er schafft uns Raum zum Leben. So hoffentlich auch wir Ruheständler: Wir schaffen unsern Nächsten mit dem, was wir sind und haben, Raum zum Leben! Zumindest tun wir das, wenn wir begriffen haben, dass unser Leben sein Geschenk an uns und unsere Nächsten ist.

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Blog
frau-tragt-zwei-paar-sonnenbrillen-im-freien

Wie wäre es, «alt genug» für Neues zu sein?

Wann sind wir eigentlich «alt genug»? Alt genug, um gelassener zu werden, Erwartungen loszulassen und Gott neu zu vertrauen? Gedanken zum Älterwerden – und zur überraschenden Hoffnung, dass Gott auch im dritten Lebensdrittel noch Neues schafft.
Blog
Fröhliche Seniorin

Alt genug, um alt sein zu können

Ab wann ist man eigentlich alt? Ich meine das jetzt nicht im Sinne einer soziologischen Definition, sondern vielmehr individuell und persönlich. In einer Gesellschaft, die sich der Jugend als Leitkultur verschrieben hat, ist diese Frage existenziell.